In der Abtei Unserer Lieben Frau vom Wagnis

 

Ein wiedererstandenes Kloster lehrt die alte Lehre: LIEBE

 

(Von Anne Marrow Lindbergh, Time Inc., Rockefeller Center, New York City. 10. Juli 1950)

 

„Wie schön!“ sagte ich, als ich zu der steinernen Madonna aufblickte, die in ihrer geschützten Nische über dem niedrigen Torbogen am Klostereingang stand. Sie war aus dunkelrotem Stein gehauen. Die Augen waren in Betrachtung gesenkt, die in den herausgemeißelten Ärmeln verborgenen Arme über der Brust gekreuzt. Die Statue war offenbar eine moderne Arbeit, und doch glich sie in ihrer Einfachheit mehr jenen vom Wind und Wetter der Jahrhunderte mitgenommenen Figuren, die man über den Türen der alten bretonischen Kirchen findet.

 

Ich stand vor einem Flügel der wiederhergestellten Abtei Boquen in der Bretagne, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Das lange niedrige Gebäude aus bretonischem Granit sah wie eine Fischerhütte aus, die man in die Länge gezogen hat, damit sie einer größeren Zahl von Personen zur Unterkunft dienen könne. Die kahlen Mauern waren von romanischen Rundbögen unterbrochen. Sonst bildete diese Nische für die Madonna mit einem Kletterrosenstock auf jeder Seite die einzige Abwechslung.

 

Dom Alexis, der Gründer und Vorstand der Abtei, der selber einem Bretonen glich in seinen alten Schuhen und der rauen dunkelblauen Drillichkapuze, stand neben mir. Sein bärtiges Gesicht war voll Güte und froh wie das eines Kindes. Unter einem Büschel angegrauter Haare blitzten dunkle Augen.

 

„Diese Statue wurde von einem unserer Brüder geschaffen“, sagte er. „Es ist“, und dabei lächelte er still vor sich hin, „Unsere Liebe Frau vom Wagnis.“

 

„Sie wollen damit sagen, dass man sein Leben wagen muss – wagen, um es zu gewinnen?“

 

„Ja“, sagte der Mönch.

 

Ich wusste um das Wagnis, das er auf sich genommen hatte, als er allein und mittellos darangegangen war, eine Abtei wiederaufzubauen, die schließlich aber trotz ihrer verborgenen Lage auf dem Land in der Bretagne von überallher Leute anzog.

 

Im 12. Jahrhundert war eine kleine Gruppe von Zisterziensermönchen aus ihrer alten und blühenden Abtei Bégard hierhergekommen, um ein neues Kloster, inmitten der Wildnis zu gründen. Sie gehörten zu der großen Bewegung der mönchischen Reform- und Blütezeit des 11. und 12. Jahrhunderts, in welcher der heilige Bernhard eine so überragende Rolle gespielt hatte.

 

Bis zum 15. Jahrhundert zählte die Abtei über 100 Mönche. Zur Zeit der französischen Revolution waren es noch zwei oder drei, und schließlich waren auch diese verschwunden. Was blieb, waren ein paar verlassene Gebäude und die offenen Mauern der Kirche, Ruinen, die bald zum Steinbruch für die Nachbarschaft wurden. Boquen kehrte zur Wildnis zurück, die es einst gewesen war.

 

Die Geschichte wiederholte sich. Im Jahr 1936 kam ein einzelner Mönch in diese Wildnis. Die Stelle, so erzählte er mir, war gerade das, was er wünschte, denn er fand nur noch die verfallene Kirche. So konnte er neu beginnen.

 

Einige Monate lang war Dom Alexis ganz allein. Er schlief in dem verlassenen Gebäude auf ein paar morschen Brettern, während der Regen durch das Dach hereindrang. Zuweilen hatte er so wenig zu essen, dass er mit den sauren Früchten eines wilden Apfelbaumes vorliebnehmen musste. „Ich versuchte, sie zu essen“, sagte er und lachte dabei gutmütig über sich selbst, „aber sie waren so sauer, dass ich sie wieder ausspucken musste.“ Er riss den wilden Wein herunter, der die alten Mauern zerstörte, und legte die Steinplatten des Fußbodens des ursprünglichen Klosters wieder frei. Sorgfältig stellte er die Bruchstücke der behauenen Säulen und Fensterbögen beiseite, um sie später wieder zusammenzufügen. So arbeitete er wie ein bretonischer Bauer. Die Leute in der Nachbarschaft betrachteten ihn zuerst mit dem üblichen Argwohn, den sie gegenüber jedem Fremden hegen. Die Bretonen sind schweigsame Leute, die zurückgezogen leben. Mit ihren scharfen Bauernaugen merkten sie aber bald, dass dieser Fremde genauso hart arbeitete und noch ärmer war als sie selbst. Aber er sah gar nicht aus wie ein Fremder. Stammte er vielleicht aus ihrer Gegend? Er kannte ihre Nöte und klagte wie sie über den trockenen Sommer oder die schlechte Ernte.

 

Als ich Dom Alexis eines Morgens von seinem harten Bretterlager erhob, fand er einen Sack Kartoffeln vor seiner Tür, ein stummer Beweis dafür, dass die Leute ihn angenommen hatten. Er dankte Gott und nahm die Gabe an. Nach und nach fanden sich noch weitere Gaben, um die er nie gebeten hatte. Und eines Morgens – ein Monat war vergangen – fand Dom Alexis vor seiner Tür seinen ersten Gefolgsmann. Die Wiedergeburt Boquens hatte begonnen.

 

Langsam erstand nun das Kloster wieder. Erst waren es zwei, drei und vier, doch heute (1950) sind es bereits zehn Mönche, die nach der Regel des heiligen Benedikt leben. Da man noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf hatte, war es nicht nur Pflicht, sondern eine absolute Notwendigkeit, dass die Mönche an die Arbeit gingen. So fingen sie an, wieder eine Kapelle zu bauen, um darin zu beten, und ein Haus mit Dach, um darin zu schlafen. Der Garten musste von Dornen und Unkraut gereinigt und wieder bebaut werden, damit er zum Unterhalt beitragen konnte.

 

Als die Bauern sahen, wie die Gebäude emporwuchsen, vermehrten sie ihre Gaben. Die Mönche kauften auch Land und eine Kuh und zogen noch sechs Stück Jungvieh auf. Der Bischof von St. Brieue nahm das neue Kloster unter seine Hut. Eine Kapelle, eine Werkstatt, Schlafsäle, ein Speisesaal und eine Küche erstanden. Zwei Seiten des Mauerviereckes, das den Klosterhof abschließen sollte, waren fertig. Die alte große Kirche, deren Umrisse die Mönche freilegten, ist heute offiziell als Nationaldenkmal anerkannt, das einer Wiederherstellung durch den Staat würdig ist.

 

Noch lebt auch der alte Geist. Die Bauern kommen, wie es ihre Vorfahren taten, und suchen die Hilfe der geschickten Mönche. Während des Krieges diente Boquen als Asyl. Hunderte von Flüchtlingen fanden Schutz in seinen Mauern, und in den Ruinen der alten Abtei ruht ein französischer Flieger neben einem alten Fürsten aus der Bretagne.

 

Heute kommen auch schon viele Laien nach Boquen, um dort Exerzitien zu machen und für kurze Zeit das Leben der Mönche zu teilen und mit Dom Alexis zu plaudern. Man kann nicht mit ihm sprechen, ohne an die Worte von Ernest Hello über die betrachtenden Mönche zu denken: „Reden ist für sie eine Reise zu den Wohnungen der anderen Menschen, die sie nur aus Barmherzigkeit unternehmen. Das Schweigen aber ist ihre Heimat.“ So spricht auch Dom Alexis nur, weil er mithelfen will, den Geist des Christentums in der Welt zu verbreiten.

 

Ich fragte ihn, ob auch junge Leute zu ihm kämen.

 

„Viele“, sagte er. „300 Pfadfinder waren diesen Sommer hier und zelteten auf unserem Boden. Sie halfen uns auch bei unserer Arbeit.“

 

„Ist es wirklich nur das Religiöse, das sie anzieht?“ fragte ich ziemlich skeptisch.

 

„Nein“, sagte er mit absoluter Aufrichtigkeit, „wenigstens nicht in erster Linie. Die soziale Seite ist es, die sie vor allem interessiert. Sie sind begierig, etwas über das Gemeinschaftsleben zu erfahren.“

 

Man kann heute tatsächlich überall ein neuerwachtes starkes Gemeinschaftsgefühl feststellen, das in der gemeinsamen Notzeit des Krieges entstanden ist. Ein französischer Kriegsgefangener erklärte dies näher. „Sehen Sie, über Nacht hatten wir unsere ganze Habe verloren, alles was uns mit unserem früheren Leben verband. Aber aus dieser äußersten Armut erwuchs ein wunderbares Gefühl der Brüderlichkeit. War einer krank, so verrichteten die anderen seine Arbeiten mit. Erhielt einer ein Lebensmittelpaket, so teilte er es mit den anderen. Es war ein neues Gefühl – das Gefühl des gemeinsamen Menschentums.“

 

Dom Alexis ist sich zutiefst bewusst, dass die Gottesliebe und die Menschenliebe nicht voneinander getrennt werden können. „Schaut auf die zwei Hauptgebote“, sagte er, „das erste lautet, den Herrn zu lieben aus unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Seele und mit allen unseren Kräften. Das zweite aber gebietet uns, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Man kann beide nicht trennen, man kann das eine nicht ohne das andere erfüllen. Man kann Gott nicht aufrichtig lieben, wenn man nicht seinen Nächsten liebt und sich bemüht, ihm zu dienen.“

 

Die Trennung der Arbeit von Betrachtung und Gebet ist nach seiner Meinung eine der größten Krankheiten unserer Zeit. Das Kloster ist ihm das Symbol des Ausgleichs zwischen Arbeit und Gebet. „Viele“, so drückt er es aus, „sehen hier vor allem ein Beispiel dafür, wie der Glaube gelebt wird, wie er in Taten und nicht nur in Worten ausgedrückt wird.“

 

Spricht man mit ihm über den Atomkrieg, über neue Invasionen, die drohende Zerstörung Europas, so gibt Dom Alexis zwar zu, dass solche Katastrophen möglich sind, aber er glaubt nicht, dass sie das Ende unserer Kultur oder den Untergang des Christentums bedeuten würden. Es mag sein, dass ein neues finsteres Zeitalter anbrechen wird, aber die Kultur und das Christentum werden es überleben. Auch die Klöster, selbst wenn man sie zerstörte, würden wiedererstehen, wie dies auch jetzt in Boquen der Fall sei.

 

Dom Alexis unterbrach hier seine Worte und sah auf die Klostermauern vor uns: das unvollendete Dach, das offene Kirchenschiff und die Mönche, die in Arbeitskleidern hin und her gingen und Schubkarren voller Steine fuhren. „Man muss immer arbeiten“, fügte er dann hinzu.

 

Da blickte auch ich auf zu den schlichten Mauern, den schönen Steinen, die, vom Regen gewaschen, in der Sonne glänzten, so dass sie mir die Farben der Bretagne wiederzugeben schienen: das Grau der Granitfelsen, das Rotbraun der Fischersegel und das Schieferblau der stürmischen See. Dann aber ruhte mein Blick auf der Statue Unserer Lieben Frau vom Wagnis. Sie hat den richtigen Platz, dachte ich, und den richtigen Namen.

 

http://www.infobretagne.com/abbaye_de_boquen.htm