Wallfahrten

 

Die Wallfahrten zu den Heiligtümern Mariens

 

Es machte in früheren Zeiten immer einen eigentümlich erhebenden Eindruck, wenn man im Sommer, oft bei glühender Sonnenhitze, auf der staubigen Landstraße einer Schar von Pilgern begegnete, die betend und singend ihres Weges zogen. Die Kinder schauten ihnen mit einer gewissen Ehrfurcht nach und schätzten sich glücklich, irgendein Andenken von ihnen zu erhalten. Dem langen Zug folgten gewöhnlich einige alte Mütterchen und Greise, die sich vor Müdigkeit nurmehr langsam weiterschleppten und dabei doch so freundlich und freudig dreinsahen: es leuchtete ihnen aus den Mienen der tröstliche Gedanke: „Wir ziehen zur Mutter der Gnade, zu ihrem hochheiligen Bild!“ – Heutzutage ist das Wallfahren bedeutend leichter geworden, denn die Verkehrsmittel: Eisenbahn, Schiff, Flugzeug, Auto usw. befördern unvergleichlich rascher und bequemer ans Ziel. Ohne Zweifel haben die Wallfahrten auf diese Weise viel von ihrer Verdienstlichkeit eingebüßt; aber es lässt sich doch nicht leugnen, dass sie auf der anderen Seite eben dadurch mächtig gefördert worden sind, weil sie geringere Anforderungen an die Kräfte stellen und kleinere Opfer an Zeit verlangen.

Wie so manches an unserer katholischen Religion sind auch die Wallfahrten und die Wallfahrtsorte ein Dorn im Auge und ein Angriffsgegenstand für jene, die zu schwer tragen an allen freiwilligen Werken der Frömmigkeit und sich nur mit dem Allernotwendigsten beladen möchten für die Reise nach der Ewigkeit. Und doch ist kaum eine andere Übung des Glaubens so tief in der menschlichen Natur begründet. Wir sind ja eigentlich alle insgesamt Pilger. „Wir sind“, sagt der heilige Völkerapostel, „Pilgrime, entfernt vom Herrn, solange wir im Leibe sind.“ (2 Kor. 5,6) „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern trachten nach der zukünftigen.“ (Hebr. 13,14) Ob wir wollen oder nicht, müssen wir an allem Geschaffenen eiligst vorüberwandern; die Erde ist und bleibt für uns eine Fremde: unsere wahre Heimat liegt im Himmel. Deshalb wohnt in unserer Brust ein unerklärliches Sehnen, das sich durch nichts Irdisches vollständig befriedigen lässt und uns immer wieder nach oben weist.

Der größten Beliebtheit haben sich von jeher beim guten katholischen Volk die Heiligtümer und Gnadenstätten der lieben Gottesmutter erfreut. Das ist leicht begreiflich. Denn man unternimmt ja eine Wallfahrt hauptsächlich dann, wenn man ein schweres Anliegen auf dem Herzen hat, und nirgends sucht das Kind lieber und mit mehr Hoffnung auf Erhörung Hilfe in der Not als bei der Mutter. Marias Mutterherz ist weit geöffnet für jedes Leid des Leibes und der Seele; sie ist wirklich das, was über dem Eingang zur großen Wallfahrtskirche von Maria Zell in Steiermark in goldenen Buchstaben geschrieben steht:

 

„Licht der Blinden – Red` der Stummen,

Heil der Kranken – Trost der Betrübten,

Gehör der Tauben – Kraft der Lahmen,

Zuflucht der Sünder – Hoffnung der Büßer.“

 

Ein Pater erzählt in seinem schönen Wanderbuch in die Ewigkeit, wie er einst in Maria-Zell einige große Pilgerzüge einziehen gesehen habe. Kaum hatte er nach seiner Ankunft eine Zeitlang in der Gnadenkapelle gebetet, so vernahm er von draußen und noch wie von weither die Stimmen vieler Menschen, von jung und alt. Als sie näher kamen, hörte man aus dem Gewirr einzelne rührende Worte heraus und eine starke Männerstimme rief: „Mutter, Mutter, dich zu grüßen, dich zu ehren sind wir da!“ Und alle, die um ihn waren, riefen es ihm nach und da und dort hoben sich Hände empor und streckten sich wie zum Willkommgruß der Kirche entgegen. Vor dieser angekommen, wurden viele von Freude überwältigt; einige weinten, dass ihnen die Tränen aus den Augen rannen, andere sanken an der Türschwelle nieder und küssten den steinernen Tritt. – So glücklich fühlten sie sich, dass sie nach langer, beschwerlicher Reise endlich bei der Mutter waren und ihr Herz vor ihr ausschütten durften.

Wie Österreich sein Maria-Zell so haben fast alle katholischen Länder ihre marianischen Landesheiligtümer: die Schweiz das liebliche Maria-Einsiedeln, „wo hoch im Schweizertale die heilige Kapelle steht“, Bayern sein ehrwürdiges Altötting, das katholische Rheinland sein herrliches Kevelaer usw.; ja fast in jeder katholischen Stadt findet sich das eine oder andere hochverehrte Marienbild, das Pilger von nah und fern anzieht. Das ist ganz in der Ordnung, wenn man so sagen darf. Denn wenn die Heiligen hienieden einen Wirkungskreis unter uns angewiesen bekommen je nach dem Grad ihrer Würde, ihrer Verdienste und Heiligkeit, wenn der eine über fünf, der andere über zehn Städte gesetzt wird (Luk. 19,17), so muss die Gottesmutter wohl überall gebieten. Sie ist die Königin der Welt, die Königin der Barmherzigkeit; deshalb geht sie uns überall nach, schlägt überall sichtbarer Weise den Thron ihrer Güte auf und übersät die ganze Erde mit den Denkmälern ihrer mütterlichen Liebe und Huld. – Es gibt ein schönes Bild, auf dem Maria dargestellt ist, wie sie als Maienkönigin durch die Natur zieht: auf ihrem Arm trägt sie das göttliche Kind, vor ihr her gehen Engel und streuen Blumen auf den Weg. Einen nie endenden Mai haben wir in unsern Wallfahrtsorten: dort sprießen unter Marias Tritten immer Blüten himmlischen Segens auf.

Wie die Vaterlandsliebe angeregt wird durch Nationalfeste und denkwürdige Stätten, so wird durch die Wallfahrtsorte der religiöse Geist neu belebt. Schon die Teilnahme an einem Pilgerzug ist ein Bekenntnis des Glaubens und ein Zeugnis der Frömmigkeit und zwar nicht selten ein sehr kräftiges, weil es mit einer herzhaften Überwindung der Menschenfurcht verbunden ist. Dazu kommt, dass in gar manchem armen Sünder bei dieser Gelegenheit der seit Jahren eingeschläferte Glaube wieder erwacht. An heiliger Stätte hat er Zeit, einen ernsten Einblick in sein Inneres zu tun; da ziehen die Erinnerungen an eine glücklichere Vergangenheit wie die Töne eines längst verklungenen Liedes durch seine Seele und lassen ihm keine Ruhe, bis er sich wieder mit Gott ausgesöhnt und ein neues christliches Leben begonnen hat. Wenn die Mauern der Gnadenkirchen von allen Umwandlungen der Herzen erzählen könnten, die sie geschaut, wahrhaftig, das gäbe einen Lobgesang auf die Barmherzigkeit Gottes und seiner heiligsten Mutter, wie er ergreifender nicht gedacht werden könnte!

 

Ferner sind die Wallfahrtsorte eine vortreffliche Schule des Gebetes. Was das Sprichwort vom Meer behauptet, kann man mit vollem Recht auch auf die Gnadenorte anwenden: „Wer beten lernen will, der gehe an einen gut besuchten Wallfahrtsort.“ Dort fühlt man sich dem Himmel näher und wird durch das Beispiel der anderen gleichsam zur Andacht fortgerissen. Dabei betet man mit viel mehr Vertrauen, weil man weiß, dass Gott der Herr an diesen Orten seine Gaben freigebiger auszuteilen pflegt und dass man mit seinen Bitten nicht auf seine eigene armselige Persönlichkeit angewiesen ist. Das Gebet des einzelnen wird gleichsam aufgenommen in den großen Gebetsstrom, der seit Jahrhunderten sich an diesen Brennpunkten der Frömmigkeit aufgestaut hat und mit gewaltigem Rauschen zum Himmel um Gnade ruft. Damit ist allein schon unendlich viel gewonnen. Denn ohne Gebet können wir selbst und kann die Welt nicht bestehen. Das Gebet hält das Gleichgewicht. Zwischen der Welt und dem Himmel, zwischen menschlichem Frevel und göttlichem Erbarmen.

Und was für eine reichlich fließende Quelle des Trostes ist für die trostbedürftigen Menschen jeder Wallfahrtsort! Vor dem Gnadenbild, das stumm auf den Beter zu seinen Füßen herabblickt, schweigt jedes Leid, und wäre es auch noch so groß; die Wogen legen sich und die Seele wird ruhig und klar wie ein stiller See, in dem sich die Sterne spiegeln. Freilich lassen nicht alle ihre Leiden bei der Gottesmutter zurück; viele tragen ihr Kreuz wieder mit sich in die Heimat. Aber weitaus die meisten werden gekräftigt und ermutigt, im Leid ein Geschenk der göttlichen Vorsehung, Weisheit und Barmherzigkeit zu sehen und es geduldig, demütig und großmütig so lange zu tragen, als es Gott gefällt. Damit haben sie in gewisser Hinsicht noch mehr erreicht, als wenn sie geheilt worden wären. Denn es gibt nichts Verdienstlicheres für den Himmel und nichts Erhabeneres und Rührenderes als ein Leid, getragen im Geist des Glaubens, der Demut und Liebe.

Was ein Schriftsteller von Lourdes, dem großen marianischen Weltheiligtum in den Pyrenäen sagt, gilt deshalb mehr oder weniger von allen Wallfahrtsorten: „Ist es denn nun in Ansehung des unsäglich Guten, das Lourdes in der Welt nach allen Seiten wirkt, noch rücksichtsvoll, sei es gegen Gott, sei es gegen die Menschen, namentlich gegen die leidende Menschheit, diesen Gnadenort zu schmähen und das Vertrauen und die Freude, welche die Menschen zu ihm hegen, zu untergraben und zunichte zu machen? Da könnte man auch schmerzlich bewegt ausrufen: Was trachtest du, zu zerstören die Mutter in Israel? (2. Kön. 20,19) Verschone doch das Heil der Welt!“ Wir selbst tun ganz gut, wenn wir ein besonderes Vertrauen auf die Mutter Gottes an den Gnadenorten haben. Es ist höchst vernünftig, das Heil da zu suchen, wo Gott es augenscheinlich bereitet hat. Wir folgen hierin einfach nur unserer gläubigen Vernunft und dem Willen Gottes.

 

 

Der heilige Johannes von Kenty als Wallfahrer

 

Alt ist der Mann, der da im abgetragenen, zerfransten Priesterrock und in Schuhen, aus denen die Zehen vorwitzig hervorschauen, über die Berge der Alpen wandert auf Pilgerfahrt nach Rom. Mühsam zieht er Schritt für Schritt die Füße nach, als wären es Holzklötze. Es ist gut, dass der Pilger ins Träumen gerät, denn wenn er denkt und nachsinnt, merkt er nicht bei jedem Schritt, wie todmüde er ist.

 

Von weit her kommt er schon. Sechs Monate bereits dauert die Wanderung von Kenty bei Krakau in Polen, und weil er von Kenty kommt, nennen ihn die Lateiner Cantius, Johannes Cantius also. Sieben Paar Schuhe hat er bisher auf der Wallfahrt verbraucht, und für das achte Paar ist es längst an der Zeit. Aber wenn einer eine Pilgerreise macht, soll er, so meint der Alte, nicht allzu viel nach solchen Dingen fragen. Und bald ist er ja am Ziel, im Mittelpunkt der Welt, an Sankt Peters ruhmreichem und gnadenvollem Grab. Hell jubelt bei diesem Gedanken das Herz des Wallfahrers auf.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Johannes von Kenty nach Rom pilgert. Dreimal war er schon dort, zu viele Marienheiligtümern ist er gepilgert und einmal war er sogar im Heiligen Land. Viel ist er gewallfahrtet in Hunger und Durst, in Kälte und Hitze, unter mancherlei Mühen und Beschwerden, aber gerne hat er es immer getan und alle Härten der weiten Fußwanderungen auf sich genommen zur Sühne für seine Schuld und weiß dabei nicht – was übrigens alle Heiligen nicht wissen –, dass er ein Heiliger ist.

 

Zur Sühne für seine Schuld! Welche Schuld? Oh, die Heiligen haben scharfe Augen und bemerken das Stäubchen auf der Waage, wo andere in ihrer Blindheit schwere Steine übersehen. War er, Johannes von Kenty, nicht Pfarrer in der großen Gemeinde Ilkusi gewesen mit der schweren Verantwortung für tausend unsterbliche Seelen? Weit mehr jedoch bedrückten den ehrwürdigen Priestergreis die langen Jahre seiner Lehrtätigkeit am Seminar zu Krakau, wo er Hunderte und Hunderte von Seelsorgern herangebildet hat. Ob er da wohl voll und ganz seine Pflicht erfüllt hat? Wie gesagt, Heilige sehen das Stäubchen auf der Waage, und deshalb wollte der Alte für seine Pflichtverletzungen durch die neue und wohl letzte Pilgerfahrt seines Lebens büßen. So denken die Heiligen, und diese Gedanken sind durchaus ehrlich bei ihnen.

 

He! Johannes von Kenty, weißt du denn nicht, dass du als Seelsorger mehr als nur deine Pflicht getan hast? Übersiehst du, dass du den Schülern im Seminar nicht nur umfangreiches Wissen, sondern in Wort und Beispiel auch, echte, tiefe, hingebende Frömmigkeit lehrtest? Denkst du nicht mehr daran, dass du oft nicht einmal das Nötigste zum Leben hattest, weil du alles verschenkt hast? Sogar die Schuhe von den Füßen und die Hose unter dem langen Priesterrock hast du weggegeben, wenn dich ein Armer auf der Straße anbettelte. Nicht einmal, zehnmal, zwanzigmal hast du solche außergewöhnlichen Werke der Nächstenliebe vollbracht, du alter Mann im Lumpenrock, du hochedler Ritter im Heer des Christkönigs!

Nein, an all das denkt der Träumende nicht, sondern er liegt plötzlich der längelang auf dem Weg. Das waren sicher Kinder, die ihn ärgern wollten und das Seil über den Weg gezogen hatten, das er übersah! Doch wenn es nur übermütige Kinder gewesen wären! Etwas ganz anderes war es, denn da ertönt ein Pfiff, und aus dem Gebüsch rechts und links treten Räuber. Sie umzingeln den Pilgersmann und rauben ihm den letzten Pfennig aus der Tasche. Und bevor sie sich wieder verziehen, brüllt der Räuberhauptmann den Ausgeplünderten an, ob das auch wirklich alles sei, was er bei sich hat. „Ja, alles, alles, alles“, entgegnet verstört der Gefragte und denkt im Augenblick nicht daran, dass ihm seine Schwester in ihrer vorsorglich klugen Art fünf Goldstücke in den Kleidersaum eingenäht hatte. Und nun ist es für Johannes von Kenty wirklich ein wahres Glück, dass ihm dies wenige Augenblicke später einfällt, denn da konnte er noch die Räuber zurückrufen und sich entschuldigen, und sie sollten doch nicht meinen, dass er sie angelogen habe, er habe wirklich nicht an die Goldstücke gedacht. Mit diesen Worten öffnet der Heilige den Kleidersaum und übergibt den Banditen auch die fünf Goldstücke.

 

Da solltest du die Gesichter gesehen haben! Der Räuberhauptmann sagte tief beeindruckt zu Johannes von Kenty:

„Nun weiß ich wieder, dass es noch Gutes auf der Erde und einen Gott im Himmel gibt. Behalte dein Geld, und hier ist alles, was dir gehört, und bete für mich und für uns alle.“

Auf diese Worte musste natürlich Johannes von Kenty antworten, und so schmiedete er gleich das Eisen im Feuer, und zum Schluss der Rede folgten die Räuber dem Heiligen in die nächste Kirche, und da setzte sich der Mann Gottes in den Beichtstuhl, und die wilden Gesellen traten einer nach dem anderen hinzu. Was sie da in den Beichtstuhl brachten, das hatte wirklich Gewicht. Als Johannes von Kenty dann den letzten absolviert hatte und aufstand, sagte er leise, befriedigt und anerkennend vor sich hin:

„Wahrhaftig, das war eine Pilgerfahrt wert!“

 

Am 24. Dezember 1473 holte das Christkind seinen treuen Diener durch einen seligen Tod zur ewigen Belohnung heim, gerade recht zur Weihnachtsfeier im Himmel.

Gnadenorte

 

1. Wie feierlich und ergreifend ist es, wenn wir einer Wallfahrt begegnen, wenn wir sehen, wie Hunderte, ja vielleicht Tausende aus weiter Entfernung, unter Entbehrungen, im Staub der Straße dahinwallen, um den Ort zu erreichen, wo sie beten, bereuen und büßen, und durch eine heilige, geheimnisvolle Vermittlung mit Gott sich versöhnen wollen. Die Fahne mit dem Bild der heiligen Muttergottes wird dem Zug vorangetragen. Nach der Fahne wird das Kruzifix getragen. Es ruht fest in der Hand des Trägers, wie das Vertrauen, das alle beseelt, wenn ihr Auge sich darauf richtet. Und Gebete und Lieder umgeben die lange Wanderung, und wie eine Rosenkette begleitet der stete Gruß an die „geheimnisvolle Rose“ den Tag vom Aufgang bis zum Niedergang.

Überall tritt uns diese Erscheinung vor den Blick, in allen Weltteilen. Die Christen ziehen glaubensmutig und wegesfroh den Gnadenorten zu, auch wenn noch so große Gefahren auf sie warten.

Die Gnadenorte sind dem Gläubigen ehrwürdig und lieb, denn hier sind es die Gnaden, die durch freiwillig dargebrachte Opfer uns von besonders dazu befähigten Kräften vermittelt werden. Die ungläubige Welt sieht mit Geringschätzung darauf hin, sie kennt die Wallfahrt zum Gnadenort nicht und fällt darüber ihr verwerfendes Urteil. Eine scheinbar „tolerante“ Meinung der Öffentlichkeit hat sich wohl allenfalls herabgelassen, die Wallfahrten der Gläubigen als eine Art der Erholung anzusehen, die ihnen nach viel Arbeit und Alltag wohl zu gönnen sei, wie anderen eine Badereise nach Mallorca etwa.

Die Wallfahrten beruhen auf zwei wichtigen Momenten: die Verehrung Marias und der Heiligen und dem Opfergedanken. Die Verehrung der Heiligen gehört allein zur katholischen Kirche und der Opfergedanke zu fast allen christlichen Bekenntnissen. Die katholische Kirche aber stellt uns die Heiligen als religiös sittliche Vorbilder auf, die wir um ihre Fürbitte bei Gott anrufen dürfen und können, aber durchaus nicht anrufen müssen. Es wird uns als nützlich und heilsam anheimgestellt, aber nicht geboten. Ferner ist die Verehrung der Heiligen nicht mit Anbetung zu verwechseln, wie es fortwährend von Unwissenden behauptet wird. Die Verehrung verhält sich zur Anbetung wie die zwischen den Geschöpfen bestehende gegenseitige Beziehung zu dem Abhängigkeitsverhältnis aller zu ihrem gemeinschaftlichen Schöpfer und Herrn. Sollen wir Christus anbeten, so sind wir genötigt, Heilige zu verehren. Ihr Glanz ist nichts anderes, als eine Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und ein Beweis seiner unendlichen Macht, die aus Staub und Sünde, licht- und heildurchdrungene Geister hervorzurufen vermag. Wer Heilige verehrt, verherrlicht Christus, dessen wahrhafte Gottheit sie bezeugen. Und so mögen wir denn sagen, dass, gleich wie Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen sei, so auch Christus kein Gott eines im Todesschlaf verharrenden Geschlechtes, sondern eines wirklich geistig erweckten und zur Heiligung und Beseligung heranwachsenden Volkes.

Liegt es nun schon allgemein in der menschlichen Natur, dass sie sich dort hingezogen fühlt, wo irgendetwas Großes und Folgenreiches geschehen ist, oder wo selbst nur einmal ein bedeutender Mensch sich aufgehalten hat. Um wie viel mehr muss dies der Fall sein, wo es derselbe Zug der Seele ist, der so viele Tausende aus weiter Ferne versammelt, die Unbekannten durch dasselbe fromme Bedürfnis einander näher rückt, und mit einem Band der zu erhoffenden Gnade fest umschlingt, wo schließlich der Glaube die Gemüter lebendiger erfüllt, als dort, wo über dem traurigen Bestreben, die Religion gänzlich körperlich zu machen, alles Innere mehr und mehr sich verflüchtigt. –

 

2. Von allen auf dem weiten Erdkreis zerstreuten und mit Recht „Gnadenorte“ benannten Stätten sind die wichtigsten und schönsten diejenigen, wo die Bilder der „Königin aller Heiligen“, wie sie ja auch in der Lauretanischen Litanei genannt wird, die die Gottesmutter unter den erhabensten und schönsten Beinamen anruft, sich befinden. Und unter diesen ist es wieder das „Heilige Haus zu Loretto“, das nach jenen Stätten, wo sich unser Herr und Heiland Jesus Christus einst aufhielt, die Pilger anzieht.

Die Legende ist bekannt, wie das kleine Haus, in dem Maria zu Nazareth wohnte, an den jetzigen Ort gekommen ist. Niemand als die Engel selbst schafften es dahin. Es rührend zu betrachten, wie sorgsam die himmlischen Wächter und Hüter, denen das heilige Werk übertragen war, dabei verfuhren. Wie sie das Haus über das Meer trugen und dann von einem Ort zum anderen brachten, bis sie es für vollkommen gesichert hielten. In dem schönen Lorbeerhain fand es endlich seinen Platz, von dem nun das Haus und die Stadt, die bald darauf um das Haus herum entstand, den Namen „Loretto“ empfingen. Hier ist es, im Zentrum des Glaubens, seit Jahrhunderten ein Objekt tiefster Verehrung geworden, der Zielpunkt unermesslicher Pilgerfahrten, der ewige Springquell der Gnade für jegliches Leid und Gebrechen des Leibes und der Seele. Selbst wer nicht gläubig die Schwelle dieses Heiligtums betritt, wird angezogen, gerührt, in sich gekehrt, erhoben. Die Luft, die er hier atmet, ist von frommen Wünschen und Gebeten so sehr durchhaucht, dass er sich des Gefühls der Andacht nicht zu erwehren vermag, die ihn vor dem Göttlichen erfasst und hält.

Um dieses „heilige Haus“, gleichsam wie dessen Gehäuse, ist ein prachtvoller Bau von weißem Marmor aufgeführt, voll der schönsten Reliefs von Michel Angelo und Bramante. Das Bild der heiligen Jungfrau Maria mit dem Kind, der Sage nach vom heiligen Lukas, aus Zedernholz vom Libanon geschnitzt, ist mit den kostbarsten Edelsteinen bedeckt, die im Licht der vielen Ampeln und Kerzen ihre Strahlen entsenden.

Als die Franzosen Loretto in Besitz nahmen, plünderten sie den Schatz und nahmen auch das Gnadenbild mit sich fort, aber im Jahr 1801 wurde es an dem ihm gebührenden Ort zu allgemeiner Verehrung wieder aufgestellt. Es erhebt sich jetzt, tief geschwärzt durch die Zeit und den ununterbrochenen Dampf unzähliger Lampen und Opferkerzen, hinter einem reichen Gitter, hoch über die auf dem Boden dicht hingestreckten Beter. Zum Schutz der Andächtigen und, wie man sagt, der hier ausgestellten Schätze, halten an allen Seiten des die „Santa Casa“ umschließenden Marmorbaues päpstliche Grenadiere in voller Parade die Wache. –

Manchen Besuchern wurde es vergönnt, nach der Frühmesse in das Innere des Heiligtums einzutreten. Ein Priester langte dann eine Schale hervor, deren sich die allerseligste Jungfrau bediente, und nach der Sage soll sie daraus gegessen haben. In diese Schale legte man die mitgebrachten Rosenkränze hinein, um sie zu weihen. Dann wurde etwas von den Mauersteinen abgeschabt und in ein Papier gewickelt, ebenso ein Stückchen von dem Schleier des Muttergottesbildes und über all das ein Zertifikat angefertigt, das den Gläubigen als Andenken mitgegeben wurde. Hochbeglückt verließen sie dann mit diesen kostbaren Gaben die Kirche. –

Unter den Opfergaben, die von allen Nationen im „Heiligen Haus zu Loretto“ dargebracht wurden, verdient jedenfalls auch die prächtige Canzone erwähnt zu werden, die Torquato Tasso, im Jahr 1557 von Bologna nach Rom reisend, zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria an diesem Ort dichtete. Aus ihr entströmt die höchste Andacht, zu der die Religion jemals zu begeistern vermochte. Und diese Andacht ist wahrlich noch nicht erloschen. Das bezeugen auch in unseren Tagen der Not und des Elends die zahllosen Wallfahrer, die nach Loretto pilgern, um Fürsprache von Maria zu erflehen und auch wirklich der Segnungen des Allerhöchsten teilhaftig zu werden. Wie viele Mühselige und Beladene sind schwer gebeugt hierhergekommen zu der göttlichen Gnadenmutter, und sind stets froh und friedevoll, weil in ihrer Krankheit entlastet oder gar vollständig geheilt, in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Ratschlüsse Gottes sind ja unerforschlich.

 

3. Was von Loretto erzählt werden kann, wiederholt sich an allen Gnadenorten auf die gleiche Weise. Wie zu Loretto und Altötting, so ist es in dem hochbegnadeten Maria Einsiedeln, in den Karpaten wie in der spanischen Sierra, in Czenstochau wie in Antocha, bis in den kleinsten Gnadenkapellchen auf hohen Felsspitzen, die der Pilger nur mühsam erklimmt.

Ein Jahrtausend und noch mehr ist über diesen Stätten dahingerauscht, Geschlechter sind verstorben, die Erde hat ihre Oberfläche mehr als einmal verändert, die gepriesensten Systeme, Einrichtungen und Schöpfungen des Menschengeistes wechselten und versanken, um neuen Platz zu machen. Die Machtschritte vieler gewaltsamer Zeitgeister forderten unerbittlich ihre Opfer, aber nichts hemmt den Quell der Gnade, nichts die fromme Zuversicht der Menschen, ihn durch Opfer zu erreichen. Das Heilige Haus von Loretto, das uralte Bild von Altötting, die arme Zelle des heiligen Einsiedlers Meinrad in der Schweiz, der Lindenstumpf aus alter Heidenzeit im Preußenland an der Weichsel, die Waldrast in Tirol, Maria Taferl, Maria Zell – sie alle bedeuten und bezeugen, dass die Völkerschaften der Erde ihre Vertreter hierher senden, wie seit so vielen Jahrhunderten, , so noch jetzt in unverminderter Zahl. Wer jemals solche Orte besuchte, wurde wundersam von dieser Wahrheit berührt, wenn er hörte, wie in allen Sprachen Stoßseufzer und Gebete sich zum Himmel erhoben, und wenn, gleich nur im Kleinen, er ein Bild der ungemessenen völkervereinigenden und heiligenden Macht der katholischen Kirche erhielt. –

Es möge hier noch ein Wort des deutschen Dichters Goethe, eines Protestanten, angeführt werden, das er bei Gelegenheit eines Besuchs von Maria Einsiedeln äußerte: „Es musste ernste Betrachtungen erregen, dass ein einzelner Funke von Sittlichkeit und Gottesfurcht hier ein immerbrennendes leuchtendes Flämmchen angezündet hat, zu welchem gläubige Seelen mit großer Beschwerlichkeit heranpilgern sollten, um an dieser heiligen Flamme auch ihr Kerzlein anzuzünden. Wie dem auch sei, so deutet es auf ein grenzenloses Bedürfnis der Menschheit, nach gleichem Licht, gleicher Wärme, wie es jener Erste im tiefsten Gefühl und sicherster Überzeugung gehegt und genossen hat.“ – So hat denn ein Geist wie Goethe, trotz seinem „Wie dem auch sei!“ also in dem von ihm Unbegriffenen, das „grenzenlose Bedürfnis der Menschheit“, in der schönen Form von Wallfahrten sich Gnade von Oben zu erflehen, anerkennen müssen.

Wir bedürfen dieses Zeugnisses nicht, aber es ist immerhin interessant. Wir gehören zu jenen, die glauben, lieben, verehren, anbeten, abbüßen und alles in Demut tragen, was uns dadurch auferlegt wird. Uns gegenüber stehen die, die nicht glauben und dafür hassen, spotten und mehr Respekt vor der brutalen Gewalt haben, sie komme, woher sie wolle, als vor der Macht Gottes. Diesen mag die Äußerung Goethes an dieser Stelle etwas bedeuten. Uns lehrt sie, dass der katholische Glaube im Stande ist, Nationen wie Einzelne zu erleuchten, und die ihn durchströmende Wahrheit mindestens ahnen zu lassen. Wir müssen billig unterscheiden zwischen diesen und solchen, die sich dadurch berühmt zu machen suchten, dass sie gegen alle göttliche Wahrheit sich wendeten. –

Mit diesem Gefühl wollen wir von dem Gnadenort mit dem alten Lied scheiden, dass die Wallfahrer bei ihrem Abzug aus Altötting anzustimmen pflegten:

 

„Wir scheiden unter heißen Tränen

Von Deinem süßen Gnadenthron;

Maria, sieh‘, ach! unser Sehnen

Nach Dir und Deinem lieben Sohn!

Wir müssen fort, ach fort! Uns ruft die Pflicht:

Doch Du, Maria, Du verlass uns nicht;

Maria! Maria! nur Du verlass uns nicht!“

 

In der Zeitschrift "Ave Maria" vom Februar 1911 heißt es:

 

"Echte Wallfahrer.

Ein Abonnent schreibt dem Ave Maria:

Die Fußreise von Wien nach Einsiedeln, welche seinerzeit im Ave Maria erwähnt worden ist, ist eine Kleinigkeit. Ich ging zu Fuß von Bosnien bis Mals an der Schweizergrenze, ohne Geld, ohne Sprachkenntnis, und kam auch fort. Ein Weiblein mit 72 Jahren ging von Vinstgau nach Einsiedeln auf bloßen Füßen mit einem Korb voll Lebensmitteln auf dem Rücken, kehrte nur in Bauernhäusern ein, um eine Suppe zu kochen, lag auf Stroh über Nacht und war in 14 Tagen zurück. Zwei Männer von Schlanders im Alter von 54 Jahren gingen auch zu Fuß dahin. Sie beteten täglich 12 Rosenkränze, schliefen nur auf Ofenbänken, kochten ihr Essen in Bauernhäusern und kamen nach 14 Tagen zurück. In der modernen Zeit des Dampfes und der Elektrizität sind solche echte Wallfahrten jetzt wohl schon selten."