Sechs Madonnenbilder Raphaels

 

Aus: Der Geist des Christentums von Dr. F. A. Staubenmeier, 1847

 

Hochgefeiert ist Raphael Sanzio von Urbino, der größte Maler der neueren, oder, wie andere wollen, der letzte der alten Kunstperiode, durch seine verschiedenen Darstellungen der Madonna mit dem Kind. Alle diese sind nur die verschiedenen Versuche, ein und dasselbe Urbild mit sterblichem Pinsel und irdischen Farben wiederzugeben, das sich einst wie in heiliger Erscheinung offenbarend seinem Geist dargestellt hatte (siehe Raphaels Brief an den Grafen Castiglione und die darin enthaltenden Worte: „Jo mi servo di certa idea che mi viene alla mente: Ich halte mich (bei der Darstellung der Madonnen) stets an ein gewisses Urbild, das mir in den Geist kommt“). Maria, die Mutter des Herrn, erscheint in stiller Majestät, in großer Lieblichkeit. Bald blickt sie klar und mild uns an mit ihren Augen, bald schlägt sie sie zu Boden, bald wendet sie sie auf das Kind. Ihr Haar scheitelt sich glatt über der hohen Stirn. Ruhig, züchtig, sanft, in demütiger Hoheit strahlt die holde Gestalt, in gottesbewusster Kraft und selig in dem Kind, das sie innig mütterlich auf den Armen trägt oder auf dem Schoß ruhen lässt. Und der Knabe, milder als ein Engel, überaus lieblich, anmutig, holdselig, und doch in allem der unaussprechliche Ausdruck von Hoheit, die von der ihn erfüllenden Gottheit zeugt.

 

Sechs Gemälde zeichnen sich von Raphaels Bildern ganz besonders aus: Die Madonna, die Gärtnerin genannt, die Madonna vom Haus Alba, die Madonna mit dem Fisch, die Madonna della Sedia, die Madonna di Foligno, und die Madonna di Sisto.

 

Hier eine kurze Beschreibung der Gemälde:

 

Die heilige Jungfrau, dargestellt auf dem Gemälde, dem man den Namen die Gärtnerin gegeben hat, sitzt in einer hellen, klaren und überaus heiteren Landschaft. Mit ihr sind in der sinnigsten Gruppierung das Christkind und der das letztere anbetende kleine Johannes. Es ist nicht nur die hohe Farbenpracht, was dieses Gemälde so unendlich anziehend macht, sondern es ist vielmehr die durch das ganze harmonisch hindurchgehende Unschuld, Reinheit und Lieblichkeit, was auf so eigene Weise ansprechend und rührend auf uns wirkt. Denn nicht nur strahlt das Antlitz der heiligen Jungfrau und der sie umgebenden Kinder in Anmut, Einfalt, Freundlichkeit und Holdseligkeit; sondern dieselben milden und heiteren Züge liegen auch auf der ganzen hier erscheinenden Natur. Ein wahrhaft himmlisches Blau zieht sich über den blühenden Naturgarten hin, die Blumen blicken wie mit Kindesaugen uns an, und so wird das ganze zauberische Gemälde selbst zu einem Himmel heiliger, kindlicher Unschuld und hoher, lieblicher Einfalt. Mit einem Wort: das Paradies erscheint vor uns in aller seiner Lieblichkeit, Kindlichkeit, Wahrheit und ungetrübter Reinheit, und eben hierin hat das ganze Gemälde seine höhere geistige Einheit.

 

Die Madonna vom Hause Alba wird so genannt, weil das betreffende Gemälde in den Besitz des Herzogs von Alba kam. Auch hier sitzt Maria in einer überaus schönen Landschaft. Lachende Wiesen, schattige Gärten, erfrischende Wasser, niedliche Landhäuser, festgebaute, mit Türmen versehene Ortschaften zeigen sich dem Blick; die bezaubernde weite Gegend ist im Hintergrund und von beiden Seiten mit hohen Bergen umschlossen. Über das ganze legt sich friedvoll ein reiner, heller, klarer, nur da und dort mit leichten Wölkchen bedeckter Himmel hin. Die heilige Mutter hält in der linken Hand ein Buch, in welchem, so scheint es, soeben gelesen hat. Ohne Zweifel bezog sich der Offenbarungsinhalt auf die Schicksale ihres Kindes, das sie, weil auf ihrem Schoß sitzend, mit dem rechten Arm mütterlich umschlungen hält. Vor dem Jesuskind ist in kniender Stellung der heilige Johannes, mit einem Lämmerfell halb umhüllt. Er hält Christus, zu dem er mit aller Treuherzigkeit und Freundlichkeit aufschaut, ein Kreuz hin, das er mit rührender Liebe umfasst. Aber von allem, was die beiden unaussprechlich lieblichen Knaben in anscheinendem unschuldigen und kindlichen Spiel einfach vollbringen, ahnt die Mutter den verhüllten, geheimnisvollen Sinn. Darum schwebt über die Züge des sonst Hoheit und Würde ankündigenden Antlitzes der Jungfrau ein Hauch der inneren Trauer und des geistigen Schmerzes der tief fühlenden und alles in ihrem Herzen bewahrenden Mutter hin, die nur durch das große, jeden Schmerz besiegende Glück, die Gnade das göttliche Kind geboren zu haben, im Augenblick abgehalten ist, dem Vorgefühl des Leidens sich gänzlich zu überlassen.

 

Die Madonna mit dem Fisch. Die Jungfrau sitzt auf einem hohen Thron, mit beiden Händen das göttliche Kind haltend, das sich zu zwei männlichen Gestalten sich herabneigt. Die erste ist die des jungen Tobias, den der Erzengel Raphael zu den Füßen der heiligen Jungfrau hinzieht. Durch den Engel aber so geleitet als unterstützt, reicht Tobias dem Jesuskind die Hand dar, das sie mit seiner ergreifen zu wollen scheint. Die andere der Gestalten ist St. Hieronymus, der auf den unteren Stufen des Thrones auf den Knien liegt und ein geöffnetes Buch vorhält, auf das Jesus seine Hand legt. Man kann nicht leicht zu viel sagen über die Helligkeit des im Ganzen herrschenden Tones, über die Reinheit und Einfachheit der Ausführung des Gedankens, über das Großartige und zugleich Anmutige der Gestalt der heiligen Jungfrau, über das Unschuldsvolle des jungen Tobias, über das Edle und Treue im Kopf des heiligen Hieronymus, sowie über das Ausdrucksvolle der Figur des Erzengels Raphael. Aber wie kommen Christus, Tobias und St. Hieronymus hier zusammen? Nach der tiefsinnigen Vorstellung der Kirchenväter war es das ewige Wort, das die religiöse Entwicklung der Menschen im Alten Bund leitete. Unter diese göttliche Leitung durch den göttlichen Logos war auch der junge Tobias gestellt. St. Hieronymus aber erscheint auf dem Gemälde als der gründliche Erklärer des Alten Testamentes, wie dieses ebenso sehr Weissagung als Vorbereitung auf Christus, den Weltheiland, war. Und ist es doch derselbe St. Hieronymus wieder, der in seiner Erklärung des Briefes an die Galater den Kreis seiner Anschauung auch dahin erweitert, dass er sagt: kein Mensch sei je in die Welt ohne Christus gekommen.

 

Die Madonna della Sedia. Fassen wir, ehe wir die Schilderung des gegenwärtigen Gemäldes versuchen, die früheren in ihrer natürlichen Aufeinanderfolge auf. Wenn auf dem ersten die heilige Jungfrau in der so ganz paradiesischen Umgebung selbst wie ein Kind unter Kindern erscheint, so ist schon auf dem zweiten ihr Auge ein mütterlich ernstes geworden, denn es sieht das von Johannes vorgehaltene und von ihrem Sohn erfasste Kreuz. Simeons Weissagung hat sich der Erinnerung aufgedrungen. Mit der inneren Gewissheit, dass die Prophezeiung sich erfüllen werde, steht sie auf dem dritten Gemälde vor uns, denn die Weissagung des Alten Testamentes, die St. Hieronymus erklärt, will es so: die Schrift muss erfüllt werden. Allein das schmerzliche Gefühl ist schon der Ergebung in den Willen Gottes gewichen, so wie der erhabenen Empfindung, Mutter des Erlösers zu sein. Um so mehr und um so inniger aber schließt sich jetzt die hohe Mutter an ihr göttliches Kind an; sie ist wieder allein mit ihm, und nur der kleine Johannes darf Zeuge sein der tiefsten Mutterinnigkeit. So stellt sie sich uns dar auf dem Gemälde, Madonna della Sedia, zubenannt. Wenn der Evangelist von ihr sagt: „Maria aber behielt alles, was gesagt wurde, im Andenken und bewahrte es in ihrem Herzen“, Lukas 2,19; so ist die, das künftige Schicksal ihres Sohnes im eignen Herzen bewahrende Mutter die gegenwärtige. Sie hält das Christuskind mit dem linken Arm, indem sie das Haupt sanft zu ihm hinneigt. Aber wer könnte die mütterliche Innigkeit beschreiben, mit der sie bei diesem Neigen sich an den Knaben zugleich anschmiegt? Es ist das Hinneigen und Anschmiegen der Mutter, die in ihrem Kind zugleich ihren Schöpfer und Erlöser erkennt. Darum blickt uns auch der Knabe aus den offenen, ernsten und großen Augen mit all der in ihm wohnenden Fülle der Gottheit an, indem er das Kindliche seines Wesens allein durch das Sich-Anschmiegen an die Mutter und durch das Spielen mit seinen Fußzehen verrät. Das Kolorit, das das Gemälde aufweist, gehört mit der gelungenen Verschmelzung des Grünen mit dem Roten und Hellen zu dem Schönsten, was wir an Raphael rücksichtlich der Farbenpracht seiner Werke bewundern.

 

Die Madonna di Foligno. Wenn in der Madonna della Sedia die mütterliche Seele auf das Innigste mit der Seele des göttlichen Sohnes verschmolzen ist; wenn ihr Leben gleichsam im Leben des Kindes dadurch aufgeht, dass sie das letztere unaufhörlich in der Tiefe ihres Gemütes bewegt, und es hierbei noch unentschieden ist, ob der große Ernst, der sich auf dem Antlitz der jungfräulichen Mutter malt, übergehen soll in Schmerz oder in Freude, so hat in der Madonna di Foligno die letztere den Sieg davon getragen.

 

Dieses bewunderungswürdige Werk ist ein Votivgemälde und gewährt einen doppelten Anblick. Der obere Teil stellt uns die heilige Mutter dar, wie sie auf Wolken sitzt und von einer Sonne oder vielmehr von einem Lichtkreis umgeben ist, der selbst wieder umgeben von leichten Wölkchen wird, aus denen himmlisch-schöne Kinder anbetend und jubelnd hervorschweben. Mit der Linken hält die Jungfrau den stehenden oder vielmehr den Knaben fest, der herabsteigen will, mit der Rechten berührt sie ihn leise so, dass sie zugleich das göttliche Kind der Erde und den Menschen zeigt, auf die sie mit ihrem Sohn herabschaut. Der untere Teil stellt uns fünf schöne Figuren dar. Zur Rechten, vom Bild aus, ist St. Johannes der Täufer, voll Kraft, Ernst und Würde hinweisend auf die himmlische Erscheinung. Vor ihm in kniender Stellung das Bild des schon der Ewigkeit angehörenden heiligen Franziskus von Assisi. Ihnen gegenüber befindet sich der Donator des Gemäldes, ein treuherziger greiser Priester, der kniend seine Hände faltet. Hinter ihm steht St. Hieronymus, ein würdiger Alter mit weißem Bart, seine Linke auf den Kopf des vor ihm knienden Betenden wie zur Stärkung durch einen schon Vollendeten legend. Zwischen ihnen, auf dem Vordergrund, steht ein Engel mit einem Täfelchen, ohne Zweifel im Begriff, die Gelübde des Donators aufzuzeichnen, damit sie dereinst als erfüllte ins Buch des Lebens eingeschrieben werden. Den Hintergrund nimmt eine Landschaft ein, in der eine Stadt liegt. Über beide ist der Wiederschein von jenem Lichtkreis hingegossen, von dem die Mutter mit dem Kind wie von einer himmlischen Glorie umflutet ist.

 

Ein Freund und Kenner der Kunst, dem diese Madonna als die erwählteste und würdigste von allen Mariengestalten des Raphael erscheint, gibt von ihr folgende weitere Schilderung: „Was sie auf Erden war, Jungfrau und Mutter, und Mutter und Jungfrau und Himmelskönigin jetzt; Demut und Majestät, begnadigt und begnadigend, das alles erscheint sie hier oben in unbegreiflicher Einigung; die wunderbarste, die bedeutungsvollste von allen, ein ewiger Typus für alle. – Stellung und Bewegung sind bewunderungswürdig. Mit mehr Anmut hat sich wohl nie ein weibliches Haupt so seitwärts geneigt, wie dieses; milder und holdseliger sich kein Augenpaar zur Erde gesenkt; nie hat ein Mund so keusch und süß, von überströmender Huld geschwellt die Lippen, mehr Gnade verkündet, wie dieser! Die Formen scheinen fast ideal und weniger aus der wirklichen Natur genommen, und doch so lebendig, so tief beseelt und natürlich der wunderschöne Kopf mit dem herabwallenden Schleier, den das Kind mit beiden Händen erfasst, als wollte es sich im Herabsteigen vom Schoß der Mutter daran halten. Mit dem linken Fuß steht es auf den Wolken, den rechten scheint es aber herabsetzen zu wollen.“ (Speth: Die Kunst in Italien, II. Teil, S. 364-365)

 

Die Madonna di Sisto schließt die lange Reihe der Madonnen des großen Meisters als die ohne Zweifel vollendetste. Es ist dies die große, auf Wolken wandelnde Mutter mit dem Christuskind, im Zustand himmlischer Verklärung. Kein irdisches Gefühl, kein menschliches Sehnen, Wünschen, Fürchten und Verlangen drückt sich auf diesem Antlitz mehr aus. All das hat aufgehört, denn das Irdische ist schon verwandelt in das Überirdische, der sterbliche Leib ist ein geistiger geworden. „Ein irdischer Leib wird ausgesät, ein geistiger Leib wird auferstehen!“ 1 Kor 15,44 Wo der Friede des Himmels und seine Seligkeit einmal wohnt, wo alles Zeitliche ausgekämpft ist, da hört mit der irdischen Wehmut auch das irdische Lächeln auf. Darum lächelt die himmlisch verklärte Mutter so wenig, als ihr Angesicht Schmerz und Trauer ausdrückt. Zwei Dinge stellen sich mir daher bei dem Anschauen dieses wunderbaren Gemäldes immer der Betrachtung dar. Die heilige Mutter, wie sie durch den Pinsel Raphaels früher vor uns stand, steht so noch vor uns, und sie steht doch wiederum so nicht mehr vor uns. Sie steht in der früheren Weise vor uns, denn alles, was die früheren Darstellungen Geistiges, Reines, Lauteres, Heiliges, Würdevolles, Erhabenes, Seliges und Friedvolles an sich haben, das sieht man hier wieder, aber in voller Vereinigung des früher schon Vollendeten ist der nicht genug zu preisende Vorzug der Madonna die Sisto. „Wie wir das Bild des Irdischen getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmels tragen!“ 1 Kor 15,49 Sie steht aber in der früheren Weise nicht mehr vor uns, denn alles ist durch Verklärung weiter geschritten und erhöht; das Reine ist noch reiner, das Lautere noch lauterer, das Heilige noch heiliger, das Würdevolle noch würdevoller, das Erhabene noch erhabener, das Selige noch seliger und das Friedevolle noch friedevoller. Nur die Grundzüge des hohen, heiligen Wesens also sind geblieben, aber sie sind unendlich reiner, geistiger und erhabener durch himmlische Verklärung geworden. Hier ist nun Vollendung im Ewigen und durch das Ewige!

 

„Unansehnliches wird gesät, Herrliches wird auferstehen; Gebrechliches wird gesät, Kraftvolles wird auferstehen!“ 1 Kor 15,43 Die Vollendung aber, wer möchte sie mit irdischen Worten beschreiben? Raphael hat mit Farben sie angedeutet, und kaum vermögen wir seine Andeutung zu schildern. Denn so eine göttliche Reinheit, wie sie aus dem Antlitz der heiligen Jungfrau spricht, so eine erhabene Ruhe und so ein himmlischer Friede, wie dies ihr ganz tiefes Wesen uns deutet, sie sind nicht für den begreifenden Verstand, sondern nur für das tief sinnende Gemüt, das heilige Gefühl und die rein geistige Anschauung.

 

Würdig der ganzen wunderbaren Erscheinung ist die ganze Umgebung. Zwei Engelsgestalten in der wahrsten geistigsten Auffassung des englischen Wesens sind zu den Füßen der heiligen Jungfrau, rings um sie aber ein ganzer Himmel voll Engelsköpfen, auf Wolken schwebend, eine nie gesehene überirdische Glorie. Das ist die ewige Mutter, die göttliche Mutter für alle Zeiten, die jungfräulichste Mutter in der ewigen Idee. Und das Kind auf ihren Armen? Du siehst in ihm den Weltschöpfer und Welterlöser zugleich, aber in der Hülle einer kindlichen Gestalt. Daher die strenge Hoheit in seinen Blicken, die Kraft der Gottheit, die auf allen Zügen des ruhig auf die Welt herabblickenden Antlitzes liegt. Tiefer unten sind der heilige Sixtus und die heilige Barbara auf Wolken gestellt, in tiefer Andacht vor der himmlischen Erscheinung kniend.