Maria im Rosenhag

 

Aus: Leben und Wirken Albrecht Dürers

von Dr. A. von Eye

Nördlingen 1860

C.H. Beck´sche Buchhandlung

 

Martin Schongauer war, wie mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, ein Glied der Ulmer Künstlerfamilie dieses Namens, die ursprünglich einem Augsburger Geschlecht angehörte und wurde etwa um das Jahr 1420 Geboren. Später ließ er sich in Colmar nieder. Er war gleichbedeutend als Maler und als Kupferstecher. Seine Bilder befanden sich meistens in den Gegenden des Oberrheins, waren aber in den Stürmen der Zeit, die jene Gegend besonders trafen, vielfach der Vernichtung preisgegeben.

 

Glücklicherweise wurde eines der bedeutendsten erhalten, nämlich die schon von alters her berühmte „Maria im Rosenhag“, ein Altarblatt in der St. Martinskirche zu Colmar.

 

Ursprünglich stand dieses ausgezeichnete Gemälde auf dem Altar einer Seitenkapelle, jetzt hängt es sehr hoch an der Wand des Querschiffes rechts. Maria, fast lebensgroß, hält das göttliche Christkind in den Armen und sitzt auf einer Rasenbank von Blumen und einem Rosenhag umgeben. Bunte Vöglein singen im Gesträuch und zwei kleine blaugekleidete Engel halten schwebend eine Krone über ihrem Haupt. Der goldene Grund erhebt die Pracht der Farben, unter denen verschiedenartiges Rot vorherrscht, was eine überaus freudige und feierliche Wirkung hervorbringt. Lackrot ist der heiligen Jungfrau Unterkleid, Scharlach ihr weit ausgedehnter Mantel. Unter dem sanften Rosa der Rosen leuchtet das feurige Rot einer Essigrose. Der Ausdruck demutsvoller Reinheit in dem schönen Kopf und der ganzen Haltung der Madonna, die lieblichen Köpfe der Engel und des Christkindes sind wahrhaft bezaubernd und übertreffen alles, was hierin von seinen Zeitgenossen geleistet worden ist. Die Zeichnung ist geistreich und fein empfunden und das ganze besitzt die Stimmung einer wahrhaft himmlischen Heiterkeit.