Die schwarzen Muttergottes-Bilder

 

Aus: Organ für christliche Kunst, 1865

 

Es gibt Abbildungen der allerseligsten Jungfrau, die sich vor allen andern durch die schwarze Farbe unterscheiden und gewöhnlich „schwarze Muttergottes-Bilder“ genannt werden. Desgleichen befinden sich an mehreren Orten als Gnadenbilder hochverehrt, z.B. zu Rom in Santa Maria maggiore, zu Neapel, zu Loretto, in Frankreich zu Marseille, zu Chartres, in der Schweiz zu Einsiedeln, in Bayern zu Alt-Oettingen, zu Kötschach in Kärnten, zu Köln am Rhein, zu Breslau in Preußisch-Schlesien, zu Czenstochau im Königreich Polen. Diese Bilder werden schwarze genannt, sind aber nicht alle schwarz, sondern die meisten nur schwarzbraun. Da ist nun schon oft gefragt worden: woher denn die schwarze, oder vielmehr die schwarzbraune Farbe?

 

Die gewöhnliche Antwort, dass die Bilder durch Alter und Rauch so geschwärzt seien, kann nicht genügen, da viele Bilder, obwohl die Gesichtsfarbe dunkelbraun oder schwärzlich ist, dennoch rote Lippen, lichte Augen, hellen Schmuck zeigen, und daher, soll Alter und Rauch sie geschwärzt haben, auch diese Teile verdunkelt worden sein müssten. Bei manchen Gnadenbildern, wie z.B. bei dem zu Alt-Oettingen in Bayern erzählt man, dass es aus einer verbrannten Kirche herstamme, wunderbar erhalten worden, und wenn auch nicht schwarz gebrannt, so doch vom Rauch geschwärzt sei. Es mag bei diesem Gnadenbild sich so verhalten, obwohl es nicht erwiesen ist, dass es nicht schon ursprünglich dunkelfarbig gemalt worden – aber bei andern, z.B. dem Bild zu Czenstochau in Polen, ist es gewiss, dass es ursprünglich schon so schwarz, oder vielmehr dunkelbraun gemalt war.

 

Gelehrte Forscher über die christliche Kunst haben andere Erklärungen gegeben. Einige meinten, in den schwarzen Bildern erscheine die heilige Jungfrau als trauernde Nachtgöttin, indem sie an die heidnische Diana von Ephesus erinnere; ja ein Herr Ranke zu Breslau weiß es für gewiss, die schwarze Muttergottes sei nichts anderes, als die schwarze Diana von Ephesus, denn es hat eine schwarze Diana gegeben, es gibt schwarze Muttergottes-Bilder – also ist die schwarze Diana der Heiden von den Christen als schwarze Muttergottes verehrt worden! So schließt Herr Ranke. Abgesehen von der Lästerung, die in einer solchen grundlosen Behauptung liegt, und abgesehen von der Bosheit, mit der Herr Ranke der katholischen Kirche eines anzuhängen sucht, - macht sich dieser gelehrte Herr vollends lächerlich. Also die Christen hätten die heidnische Göttin verehrt, oder in die schwarze Muttergottes umgeschaffen? Oder hätte sich die Diana, ohne dass die christliche Kirche es merkte, ins Christentum eingeschlichen? Und wann? Etwa in den ersten Jahrhunderten, wo die Christen beinahe keine Bilder hatten, um jede Gefahr einer Götzenverehrung zu vermeiden? Oder nach dem vierten Jahrhundert? Aber da war die schwarze Diana schon gestürzt und bald vergessen, und damals gab es noch keine schwarzen Muttergottes-Bilder, und das Gestürzte und das nicht Dagewesene sollen sich verschmolzen haben? Wie ungereimt! Im ersten Jahrtausend ist keine Spur von einem schwarzen Muttergottes-Bild, erst gegen das späte Mittelalter hin kommen sie vor. Herr Ranke weiß das, aber es ist dem Gegner der Kirche darum zu tun, mit einer kecken Behauptung den Leuten Sand in die Augen zu streuen und die katholische Kirche zu beschimpfen.

 

Goethe meint in seinen Aufsätzen über Kunst und Altertum, die schwarzen Muttergottes-Bilder hätten wahrscheinlich ägyptischen, abyssinischen, äthiopischen Anlässen ihr Dasein zu verdanken. Aber es gibt in der Kunstgeschichte keinen Anhalt, noch weniger einen Beweis für diese Ansicht.

 

Andere haben wieder gemeint, es sei irgendwo ein schwarzes Muttergottes-Bild als ein Gnadenbild, als ein wundertätiges Muttergottes-Bild verehrt worden, und es seien daher, um die Gnaden auszubreiten, die durch dieses Bild den Gläubigen zugeflossen, andere schwarze Marienbilder entstanden. Allein da muss man immer wieder fragen: woher kam das erste schwarze Madonnenbild? Und wie kam man dazu, dieses erste schwarze zur Verehrung aufzustellen? Wenn man auch zugestehen wollte, es möge ein Marienbild bei einem Brand, obwohl geschwärzt, dennoch wunderbar erhalten und dann als wundertätig erfahren, bekannt und verehrt worden sein, und dass sich auch die Abbildung davon verbreitete, so trifft doch diese Erklärung höchstens bei dem und jenem Bild für einen gewissen Kreis zu, - aber erklärt nicht die Verbreitung der schwarzen Madonnen in ganz Europa und das Aufkommen derselben im Mittelalter zu fast gleicher Zeit.

 

Wie werden nun wir das Entstehen und die Verehrung der schwarzen Muttergottes-Bilder erklären?

 

Wenn uns ein antikes, griechisches Kunstwerk, z.B. ein Götterbild zur Erklärung vorgelegt wird, so sehen wir uns in den griechischen Dichtern um, um die Erklärung der Symbole etc. zu finden, weil ja die griechischen Künstler aus den griechischen Dichtern, besonders Homer, die Ideen zu ihren Kunstwerken genommen haben. Die christlichen Künstler entnahmen die Ideen für ihre Kunstwerke, besonders für solche, die Andachtszwecken dienen und deshalb in den Kirchen aufgestellt werden sollten, aus der Heiligen Schrift. Wer kennt nicht die Darstellung von Philipp Veit: Christus an der Tür anklopfend? Er zeichnet nach Kapitel 3, Vers 20, der geheimen Offenbarung des heiligen Johannes: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ – Maria wird abgebildet auf dem Mond stehend, einen Sternenkranz um das Haupt. Die Quelle dieser Abbildung ist ebenfalls die geheime Offenbarung Kapitel 12, Vers 1: „Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel, eine Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen, auf dem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.“

 

Sowie nun für diese und tausend andere Bilder die Idee aus der Heiligen Schrift geholt wurde, so sind auch die schwarzen Madonnenbilder nach den Aussprüchen der Heiligen Schrift angefertigt worden. Im Hohenlied Salomos heißt es im Kapitel 1,4-5: „Zieh mich her hinter dir! Lass uns eilen! Der König führt mich in seine Gemächer. Jauchzen lasst uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen als Wein. Dich liebt man zu Recht. Braun bin ich, doch schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von Kedar, wie Salomos Decken." Wer spricht so? Vers 8: „Die schönste der Frauen!“ Die von Natur aus weiße Sulamit spricht: „Braun bin ich, doch schön, wie die Zelte von Kedar.“ Vers 6: „Schaut mich nicht so an, weil ich gebräunt bin. Die Sonne hat mich verbrannt.“ Haben nun einige Künstler Maria schwarz, andere braun abgebildet, so waren sie von der Heiligen Schrift daran gemahnt worden.

 

Die schwarze Maria hat auf ihrem Kleid allerlei Zierathen, z.B. Sterne, Blumen, Arabesken – wie kamen die Maler auf diese Idee? Durch den Psalm 45, wo es in Vers 10 heißt: „Königstöchter gehen dir entgegen, die Braut steht dir zur Rechten im Schmuck von Ofirgold.“ und Vers 14: „Die Königstochter ist herrlich geschmückt, ihr Gewand ist durchwirkt mit Gold und Perlen.“ Daher also das reich vergoldete Gewand der seligsten Jungfrau, mit der überaus reichen und prächtigen Verzierung von Gold, Perlen und Edelsteinen auf vielen Bildern, daher auch die Krone, die sie als Königin des Himmels und der Erde trägt.

 

Aber durften die Künstler, was von der Braut im Hohenlied und der Gemahlin des Königs im 45. Psalm gesagt ist, auf Maria anwenden und sie nach dieser Anwendung darstellen? Gewiss waren sie nicht nur in ihrem guten Recht, sondern auch aufgemuntert durch die heilige Kirche selbst, die diese Stellen von Maria versteht und auslegt und in den kanonischen Tagzeiten oder im Breviergebet auf Maria anwendet.

 

Gehen wir nun auf das Gebiet der Kunst, vielleicht gibt sie auch eine Erklärung! – Der durchaus sinnbildliche Charakter der mittelalterlichen Kunst wurde auch auf die Farben übertragen, deren Kraft und Wirkung die damaligen Maler in einem hohen Grad zu würdigen und zu beherrschen wussten. Selbst bei Handschriften wählte man verschiedene Tinten, je nachdem die Gegenstände, die schriftlich aufgezeichnet werden sollten, verschieden waren. Godeskalk, der Schreiber des Kalendariums Carls des Großen, erklärt: die Farbe der Rosen sei dort angewandt, wo es sich darum handle, den Märtyrern nachzufolgen, die Goldfarbe zur Bezeichnung der Jungfräulichkeit, die Farbe des Silbers zur Bezeichnung des ehelichen Lebens. Größeren Umfang hatte die Farbensymbolik in der Materie. Ein Beispiel. Ein altes Kunstwerk, selbst von Goethe mit Beifall geehrt – zeigt Veronika in den blühendsten Farben, wie eine Blume im frischen Morgen, und auf demselben Bild ist der Christuskopf fast schwarz dargestellt. Und trotz dieser schwarzen oder schwarzbraunen Farbe ist das dorngekrönte Antlitz von einem wunderbar edel schmerzlichen Ausdruck, und das Bild übt eine unglaubliche Gewalt auf den Beschauenden aus. Der Künstler wollte durch diesen in Nacht getauchten Farbenton die Person bezeichnen, die der unsichtbaren Welt angehört, darin einheimisch ist, und die Nacht der Leiden, die über Christus hereingebrochen ist. Das konnte aus den Schriften der Mystiker des Mittelalters nachgewiesen werden, die so wie auf die Baumeister so auch auf die Maler einen großen Einfluss übten, und uns klarmachen würden: dass auch bei Muttergottes-Bildern, die schwarze oder braune Farbe von diesem oder jenem Künstler gewählt wurde, jene Farbe, die nicht nur Trauer und Buße bezeichnet, sondern auch die Unendlichkeit, die unendliche Tiefe, in der das All ruht, und die Unergründlichkeit sinnbildet.

 

Zwei Tatsachen, die zwar für die Entstehung der schwarzen Marienbilder nichts beweisen, aber doch für die Erklärung der Verbreitung dieser Bilder und ihrer großen Verehrung nicht ohne Wert sind, müssen noch in Erinnerung gebracht werden, nämlich die Wiedervereinigung der äthiopischen Kirche mit der römischen Kirche (1441) und die Entdeckung von Amerika 1492. Gegen alle Einreden erleuchteter Glaubensprediger, gegen die ausdrücklichen Erklärungen der Kirche wurde von dem niedrigen Eigennutz und der schmachvollsten Habsucht behauptet: die farbigen, besonders die schwarzen Menschen, die man als Sklaven kaufte und verkaufte, seien mit keiner vernünftigen Seele begabt. Da möchte es nun allerdings geschehen sein, dass man auf den Gedanken kam, die Muttergottes in schwarzer oder brauner Farbe darzustellen. Denn wurde die Mutter Gottes, des Erlösers, die Königin des Himmels selbst in schwarzer oder schwarzbrauner Farbe in den christlichen Kirchen und auf den Altären zur Verehrung öffentlich ausgestellt, so musste der Äthiopier sich dadurch mehr zur Einheit der Kirche hingezogen, der Schwarze, der Farbige überhaupt, sich gehoben fühlen, und der Weiße sich daran erinnern lassen, dass der Schwarze so gut als er selbst von Christus erlöst, von ihm zu derselben Freiheit berufen, und auch ein Kind Mariens sei.

 

Seien nun die schwarzen Muttergottes-Bilder wann immer entstanden – das bleibt wahr: - sie üben eine ganz besondere Anziehungskraft aus, denn Czenstochau, Alt-Oettingen, Maria-Einsiedeln, Loretto usw. gehören zu den besuchtesten Wallfahrtsorten der Welt. – „Nigra sum sed formosa! – Ja, Mutter Maria – schwarz bist du, aber schön!“ – und es geht an diesen Orten insbesondere in Erfüllung das Wort des Psalms 45: „“Ich will deinen Namen rühmen von Geschlecht zu Geschlecht; darum werden die Völker dich preisen immer und ewig.“