Das Marienbild

 

Er hatte lange Jahre an einer höheren Schule Mathematik gelehrt und lebte nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst zurückgezogen in seinem Junggesellenheim. Im Kreis seiner Freunde und Bekannten wurde dies sehr bedauert; denn er war ein weitgereister Mann und vermochte eine anregende Unterhaltung zu führen.

 

Mein erster Versuch, mit ihm näher bekannt zu werden, fiel ziemlich kläglich aus. Ich traf ihn in einer Kunstausstellung, wo er betrachtend vor einer Federzeichnung stand, und redete ihn an.

 

„Stören Sie mich bitte nicht“, fuhr er herum, „sehen Sie nicht, dass ich beschäftigt bin?“

 

Dann aber wurde er rasch zugänglicher. Und als ich beim Abschied einem langgehegten Wunsch nachkam und ihn fragte, ob ich mir gelegentlich seine Bibliothek ansehen dürfe, knurrte er etwas Unverständliches in seinen Bart. Ich nahm es auf gut Glück für eine Zustimmung und klopfte schon am anderen Tag an seiner Tür.

 

Er hieß mich in seiner trockenen Art willkommen, tat eine Handbewegung nach den Regalen hin und vertiefte sich dann wieder in einen umfangreichen Schweinslederband, ohne meine Anwesenheit weiter zu beachten.

 

Ich wandte mich den Büchern zu, aber es war mir kaum möglich, ihnen meine Aufmerksamkeit zu widmen; denn ich hatte vor ihm auf dem Schreibtisch ein Muttergottesbild gesehen, das mich in maßloses Erstaunen versetzte. Er galt doch in allen Kreisen als unreligiöser Mann, dieser Mathematiker. Genaueres darüber war mir nie zu Ohren gekommen, doch wusste ich, dass er bei religiösen Gesprächen äußerste Zurückhaltung zeigte und sich entfernte, wenn sie sich länger hinzogen.

 

Das war auch der Grund, warum ich nie den Mut fand, eine Frage nach dem Muttergottesbild zu stellen – auch später nicht, als wir sehr vertraut waren. Es war längst keine Neugierde mehr, die mich zu dieser Frage trieb, sondern eine untergründige Ehrfurcht, die mich beim Anblick des Bildes ergriff; denn eine lange Zeit hatte in den Firnis kreuz und quer ihre Runen gegraben, und vor dem Bild stand in einer zierlich-schlanken Vase – schweigsam wie mein väterlicher Freund – stets eine Blume: ein Schneeglöckchen, ein Vergissmeinnicht, eine dunkelrote Rose.

 

Erst viel später, als er schon kränkelte, habe ich aus dem Mund dieses wortkargen Mannes einiges über das Bild erfahren. Er saß, in Decken gehüllt, fröstelnd im Lehnstuhl, und seine Augen schauten in unwirkliche Fernen: das Bild habe er sich nach Abschluss der Reifeprüfung gekauft, und seitdem habe es ihn nicht mehr verlassen. Auch im ersten Weltkrieg nicht, wo er in den zermürbenden Stellungskämpfen manchen Spott habe von ihm abwehren müssen.

 

Dann sprach er eines Tages unverständliche Worte, die voll Schwermut in die einbrechende Dämmerung flatterten. Mir war, als spräche er von einer gottfernen Zeit: „Wenn ich auch nicht mehr beten wollte“, sagte er noch, „dieses Bild blieb dennoch bei mir, und ich blieb bei ihm.“ Im Bombenkeller des zweiten Weltkrieges aber hätte es gestanden wie ein Gnadenbild – nicht nur für ihn, sondern für alle, die dort Schutz suchten.

 

Was ihm aber die Mutter des Herrn im tiefsten Sinn bedeutete, das sollte ich erst erfahren, als er mich telegraphisch aus der Nachbarstadt, wohin ich inzwischen gezogen war, zu sich rufen ließ. Ich fürchtete, an ein Sterbebett zu kommen, und war erstaunt, als ich ihn aufgeräumt in seinen Kissen fand. Mir schien er weniger krank als vor Monaten, da ich mich verabschiedet hatte. Das Muttergottesbild war in seinem Krankenzimmer. Es war so gestellt, dass sein Blick es mühelos erreichen konnte.

 

Dankbar erzählte er mir von den kleinen Beweisen der Anhänglichkeit, die ihm die Mitbewohner des Hauses während seiner Krankheit erwiesen hatten. Müde geworden, lehnte er sich dann in die Kissen zurück und wurde plötzlich ernst: „Ich habe es immer als eine Art Vertrauensbruch empfunden“, sagte er, „wenn man das Geheimnis zwischen Gott und seiner Seele einem Dritten preisgab. Man soll nicht davon reden, es sei denn mit dem Beichtvater. Sonst schwächt es das religiöse Leben und gleitet leicht ins Pharisäerhafte ab. Aber jetzt, wo ich bald vor meinem Richter stehe . . .“, er stockte und seine Augen wandten sich dem Bild zu: „Wissen Sie“, fragte er, „was der schönste Name für die Mutter unseres Herrn ist?“

 

„Maienkönigin!“ brach es ohne Zögern aus mir heraus, denn die Sonne des Marienmonats warf verheißend ihre Strahlen in das Zimmer.

 

„Wie Sie das so heraussprudeln!“ sagte er. „Ja, er ist schön, dieser Name, in ihm spiegelt sich der Frühling des Himmels und der Erde, und die zarte Sehnsucht und Reinheit eines jungfräulichen Herzens. Auch mir schien er einst der schönste Name. Aber jetzt, wo ich alt geworden bin und so viel Unrat zwischen damals und heute liegt . . .

 

Als ich Student war“, unterbrach er mit lebhafter Gebärde seine Gedanken, „und glaubte, ich würde durch neue wissenschaftliche Entdeckungen die Welt aus den Angeln heben, da habe ich besonders gern zum `Sitz der Weisheit´ gebetet. Das schien mir das einzig würdige Gebet zu sein, nicht nur für die Gottesmutter, sondern auch für mich.

 

Und später“, fuhr er fort, „sprach ich nur vom `Elfenbeinernen Turm´ und sah, wie das leuchtende Elfenbein sich vor den schwarzen Wolkenballen, die am Horizont heraufzogen, abzeichnete. Er sollte mir ein Vorbild sein in meinen Mannesjahren. Aber heute . . .?“

 

Ich weiß nicht, ob diese Frage an mich gerichtet war, aber mein Gedächtnis weile in der Lauretanischen Litanei, und ich begann von neuem, nach dem Titel zu suchen, der meinem kranken Freund für die Mutter Christi am schönsten schien: „Goldenes Haus?“ fragte ich.

 

Es dauerte einige Zeit, bis ich Antwort erhielt. Dann kam es mit völlig veränderter Stimme zurück: „Bitte für uns!“

 

Überrascht blickte ich auf und sah den vollen Blick des Kranken auf das Marienbild gerichtet. Voll banger Ahnung sprang ich zu ihm und rief ihn beim Namen. Aber er schien mich nicht mehr zu hören. Hilflos und verwirrt über diese unerwartete Wendung, dachte ich einen Augenblick daran, jemand um Hilfe zu rufen, aber ich wagte nicht, meinen Freund allein zu lassen, und wusste keinen anderen Rat, als weiter zu beten.

 

„Du Arche des Bundes!“

 

„Bitte für uns!“ kam es kaum hörbar von seinen Lippen.

 

„Du Pforte des Himmels!“

 

Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, aber ich bekam keine Antwort mehr: das Sterben hatte begonnen. Es dauerte bis zum Anbruch des Tages. Auch die erloschenen Augen ruhten noch auf dem Muttergottesbild. Behutsam nahm ich es vom Tisch. Doch als ich es in seine Hände legen wollte, bemerkte ich ein kleines weißes Blatt, das auf der Rückseite des Bildes befestigt war. Und darauf stand von seiner Hand geschrieben: Mutter der Barmherzigkeit.

 

(Von Josef Hachmann, aus „Der Sonntag“, Limburg, 7. Mai 1950)