Das Bild des Rosenkranz-Festes

 

Aus: Der Wahrheitsfreund von Cincinnati, 1842

 

Das Prämonstratenser-Stift Strachow zu Prag besitzt ein Meistergemälde von Albrecht Dürer, dem deutschen Künstler, das in anmutigster Weise das Rosenkranz-Fest darstellt: wie nämlich das göttliche Jesuskind selbst und seine gebeneide Mutter – Kränze, gewunden aus Rosen, an alle Stände der ganzen Welt austeilen.

 

Die göttliche Gnadenmutter sitzt in einer lieblichen Gegend unter einem Baldachin, der von zwei Engeln aus den Wolken herab in die Höhe gehalten wird. Auf ihrem Schoß ruht das liebe Jesuskind, das da eifrig beschäftigt ist, mit beiden Händen einem Papst, als dem Oberhaupt der Kirche, einen schönen Rosenkranz aufzusetzen, während die Jungfrau Maria einem Kaiser, der in erbaulicher Ehrfurcht dakniet, als dem Oberhaupt des Staates, ebenfalls einen Rosenkranz auf das Haupt drückt.

 

Der mit andächtigster Miene in den Staub hingesunkene Papst, wie der fromm seine Hände öffnende Kaiser haben die Insignien ihrer Würde auf die Erde gelegt, und ihre Augen sagen: dass die innigste Anbetung Jesu und die aufrichtigste herzlichste Verehrung seiner Mutter, und die Sternenkrone des Himmels, die zwei Engel über dem Haupt Marias im Triumph tragen, ihr Sinnen, Denken und Flehen, - und der Empfang des kostbaren Rosenkranzes ihre gegenwärtig allergrößte Freude und Ehre sei.

 

In der Nähe der heiligen Gottesgebärerin krönt St. Dominikus einen, hinter dem Papst knienden Kardinal, der unverwandt seine Blicke auf das Jesuskind heftet, das so gern den Fürbitten Marias für ihre Verehrer die gnadenvolle Gewährung bietet.

 

Anmutige Engelsknaben verteilen an Bischöfe, Priester und Mönche des lateinischen und des griechischen Kultus Kränze aus Rosen.

 

Auf der Seite hinter dem Kaiser sind Ritter und Knappen, Edelfrauen und Burgfräulein, Bürger und Bürgerinnen, Künstler und Ärzte bereits mit dem Festkranz geziert, oder erhalten ihn noch von anderen Engeln, an deren Armen noch viele Kränze hängen.

 

Unter denen, die sich zum Rosenkranzfest um die Himmelskönigin geschart haben, ruht auch auf den Knien ein, seiner Haltung nach, dem gelehrten Stand Angehöriger, der zwischen seinen Fingern gerade einen solchen Rosenkranz hält, wie sich dessen die Katholiken auch heutzutage bedienen.

 

Unter den weiter im Hintergrund angebrachten Figuren, die mehr als Zuschauer zum Thron Marias gekommen zu sein scheinen, erblickt man eindeutig das Porträt Martin Luthers. Sein Unwille, Verdruss und Ärger über die allseitige Verehrung der Mutter des Welterlösers und über das höchst gemütliche Himmelsblumen-Fest ist mit geschickter Meisterhand und der Wahrheit getreu in seinem Gesicht deutlich hervorgehoben.

 

Im Vordergrund, zwischen den geistlichen und weltlichen Fest-Genossen, sitzt zu Marias Füßen ein Cherubim, der gemäß der Aufforderung des königlichen Dichters: „Halleluja! Lobet den Herrn in seinen Heiligen! Lobt ihn mit Posaunenschall und Zithern!“ (Psalm 150,1+3) den Herrn auf der Zither preist.

 

Eine höchst anziehende Gebirgslandschaft mit einem freundlichen Wohnstädtchen ist in der Vertiefung des Gemäldes sichtbar.

 

Am rechten Ende der Huldigungs-Gruppe steht der Künstler, Albrecht Dürer, selbst, in ernstem Staunen, zwischen den gefalteten Händen seine Maler-Notiztafel und das Jahr der Verfertigung dieses Bildes zeigend.

 

Die Personen dieses Bildes befinden sich in der Kleidertracht des 16. Jahrhunderts.

 

Außer den schon erwähnten Porträten, hat der Maler, nach dem Geist der Schule seiner Zeit, den meisten Figuren die Gesichtsähnlichkeit irgendeiner damals lebenden bekannten Person gegeben. Der Papst hat die Ähnlichkeit mit Leo X.; der Kaiser mit Maximilian I.

 

Das ganze Bild spricht den Kenner und denjenigen, der mit der Deutung vertraut ist, außerordentlich erbauend und erfreuend an. Denn dem Geist des Glaubens und der Demut, der Liebe und Eintracht, der Seelenheiterkeit, der lebendigsten Hingabe an den Gottheiland Jesus Christus und des kindlichsten Vertrauens zu Maria, wie ihn die freien Künste in ihrer Heimat, dem Katholizismus, durch ihre herrlichen Werke dem vorurteilsfreien Beschauer versichtbaren, kann niemand widerstehen.

 

Und wie erhebend ist es zugleich, dass das Rosenkranz-Fest der katholischen Kirche schon zweihundert Jahre früher, bevor es zu einem allgemeinen Kirchen-Fest erhoben worden ist, bereits in den Herzenstiefen eines deutschen Malers, zu einem Kunst-Fest sich gestaltet hatte! Wie schlägt das die Vernunft der Unvernünftigen auf einmal nieder! – Der heilige Dominikus ist deshalb eine Hauptfigur auf diesem Gemälde von Albrecht Dürer, weil der Stifter des Prediger-Ordens es war, der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts den „heiligen Rosenkranz“ predigte, um durch die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria Hilfe von Gott wegen der Leiden zu erhalten, die damals die Albigenser und andere Irrlehrer den meisten Provinzen Frankreichs und Italiens zufügten.

 

Der Katholik betet im Geist und in der Wahrheit Gott den Dreieinigen allein an. Aber die Weisheit der katholischen Gebetsart – als Verehrung, Vertrauen und Bitte – verträgt sich sehr gut damit, sich vom Thron des ewigen Vaters zum Thron seiner Tochter, vom Thron des Eingeborenen Sohnes Gottes zum Thron seiner Mutter, vom Thron des Heiligen Geistes zum Thron seiner Braut liebend und lobpreisend und flehend um ihre Fürbitte zu wenden. Denn wer Maria liebt und lobpreist, der liebt und lobpreist in ihr zugleich und vor allem Gott, die allerheiligste Dreifaltigkeit!