Paul Claudel: FULGENS CORONA

 

veröffentlicht in der Monatszeitschrift „Rosenkranz“, März 1956

 

Mit besonderer Freude geben wir hier einige Stellen aus einem Vortrag wieder, den Paul Claudel im Marienjahr (1954) vor den Seminaristen des Lyoner Seminars gehalten hat. Man kann ihn mit Fug und Recht als das geistige Vermächtnis des großen Dichters bezeichnen – er erschien wenige Tage vor seinem Tod in dem Sammelband „J’aime la Bible“ und ist von den darin veröffentlichten Arbeiten die zuletzt niedergeschriebene. Der Dichter sagt selbst, dass er darin sein Herz sprechen lässt: „laut, ganz laut . . .“ Es ergreift uns besonders, wie er Maria und die Kirche in einem sieht und wie rührend er dem Hl. Vater (Pius XII.) für sein Eintreten für die Ehre Mariens dankt. Wir finden, dass der Aufsatz darum besonders gut in dieses Heft („Rosenkranz“) passt.

Wir entnehmen den Text in der Übersetzung von Heinrich A. Mertens der deutschen Ausgabe des zitierten Werkes: Paul Claudel: Ich liebe das Wort. Leinwand, 192 S., Paulus-Verlag, Recklinghausen.

 

Dank der freundlichen Bitte des hochwürdigen Herrn Abbé Claude Roffat und dank der liebevollen Herablassung Seiner Eminenz, des Kardinals Gerlier, der dieser Versammlung präsidiert, darf der alte Dichter wieder einmal, wie vor zwei Jahren, vor seinen Freunden aus Lyon ein Zeugnis seines Glaubens ablegen. Wir stehen am Ende des Marianischen Jahres, und das gibt ihm Mut; denn bei einer Huldigung an die heilige Mutter Gottes darf in dieser Stadt, welche ihr geweiht ist, keine Stimme fehlen. Vielleicht ist der Akzent dafür ihm seit achtundzwanzig Jahren nicht ganz fremd, seit wir an einem guten Weihnachtstag zu Notre-Dame in Paris Bekanntschaft gemacht haben. Es ist seit damals eine lange Zeit, in der ich sie sozusagen unter allen Blickpunkten erlebt habe, eine lange Zeit, wo sie fast in allen Augenblicken meines Lebens, eines langen abenteuerlichen Lebens, verbunden ist: mir allen Schritten meines Daseins, von denen sie besser als irgendeiner weiß, was davon zu halten ist; aber sie kennt auch mein Herz. Es ist hohe Zeit, dieses Herz reden zu lassen: nun, am Ende, vor dem Hinabsteigen. Laut, ganz laut soll es reden! Und es will reden von ihr; darum hat es mich diesen Abend gebeten.

 

Als erstes kommen mir da die Worte auf die Lippen, mit denen unser Heiliger Vater, der Papst, seine Enzyklika zum Marianischen Jahr eröffnet: „Fulgens Corona“ – „eine strahlende Krone“; denn eine Krone empfängt sie, eine Krone ist sie, und eine Krone verschenkt sie. Mit einer Königskrone hat der Papst bei der Einsetzung eines neuen Kirchenfestes die Stirn der Mutter Gottes soeben feierlich geschmückt.

 

Im vierten Kapitel des Hohenliedes wendet Gott sich an jene mystische Braut, in welcher die Kirche immer die allerseligste Jungfrau erkannt hat, und spricht zu ihr: „Komm vom Libanon, meine Erwählte, du sollst gekrönt werden.“ Das Bild von den Schneefeldern des Libanon beschwört vor uns das Mysterium von der Unbefleckten Empfängnis. Und der heilige Johannes zeigt uns im zwölften Kapitel der Apokalypse „jenes große Zeichen am Himmel!“: eine Frau, bekleidet mit der Sonne und gekrönt mit zwölf Sternen. Zwölf ist die Zahl der Fülle. Es handelt sich nicht nur um die zwölf Stämme Israels; es handelt sich in dieser symbolischen Zahl um den ganzen Himmel aller Heiligen, an deren Festtag im Jahr des Heiles 1954 das Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet wurde. Und da gibt es nicht einen unter diesen Sternen, nicht einen unter diesen „leuchtenden Wächtern am Firmament“, wie der alte Äschylos sagt, der nicht Maria den Ursprung seines Glanzes schuldete.

 

Fruchtbare Jungfrau! ruft der Prophet. Nun wird dein Überfluss sichtbar, und staunend stehst du inmitten jener Völker, die wie Regengüsse hervorbrachen und die aus dir an einem einzigen Tag geboren wurden. Schau, wie sie aus Nord und Süd dich umscharen, und da ist nicht einer dieser strahlenden Bürger der Ewigkeit, der dich nicht als seine Mutter erkennte!

 

Eine Krone, vor der sich alle Bitten sammeln. Ganze Völker stampfen mit den Füßen und stoßen sich schmerzhaft im Dunkel, und eine Frage erhebt sich, auf die kein Mund erschöpfende Antwort gibt: „Wer wird Sterne aus uns Machen? Wer wird in uns jene gefangenen Kräfte der Erkenntnis, der Gnade und des Willens befreien?“ Und sogar Gott, während Er seinen Blick in die Ewigkeit richtet, über die zahllosen Geschlechter Seiner Heiligen und Auserwählten, sogar Gott fragt: „Wer wird mich zu ihrem Vater machen? Wer wird mir das Tor öffnen? Wer wird mir den Weg ebnen zu einer Barmherzigkeit, welche die unzertrennliche Begleiterin der Gerechtigkeit sein soll?

 

Das ist der Augenblick des Aufganges Mariens: ihre Stunde ist gekommen. Sie spricht ihr Ja. Sie schenkt Gott der Menschheit und schenkt die Menschheit Gott. Sie erhört diese doppelte Sehnsucht. Der Prophet Osee sagt: „Sie erhörte den Weizen, den Wein und das Öl“, und sie wurden so Werkzeuge der Sakramente . . .

 

Marias Krone ist ihr Magdtum, sie ist die „ancilla Domini“. Der Satan hat gesagt: „Non serviam“ – „Ich will nicht dienen“. Maria dagegen will ganz und gar nur Magd und Dienst sein. Gott bedient sich so vieler unvollkommener Werkzeuge – warum sollte Er sich nicht auch dieses vollkommenen Werkzeuges bedienen; denn Er nennt sie ja selbst: „Perfecta mea“ – „Meine Vollkommene“. Ihre Art des Dienstes ist die Mutterschaft, und weil sie eine vollkommene Dienerin ist: die vollkommene Mutterschaft. Deshalb begnügte sie sich nicht damit, ihre Kinder zur Welt zu bringen: unaufhörlich übt sie ihre Mutterschaft aus, bis ihre Kinder zur Fülle gelangt sind: zur Krone.

 

Dienerin heißt nicht Schöpferin; wer Dienerin sagt, sagt Verwalterin: Verwalterin Gottes von allem, was in uns zur Kindschaft Gottes verpflichtet ist, auch Verwalterin der Ungeduld des Fleisches und des Blutes. Der Prophet Zacharias nennt Gott einen Keim. Wir sind Söhne Gottes; es muss also in uns ein göttlicher Keim hineingelegt worden sein. Und wie sollte sich Maria für diesen Keim in uns nicht interessieren, da sie doch an ihm mitgewirkt hat? Wie sie in uns die Berufung zu der Krone hineingelegt hat, so umsorgt sie, so hegt sie in uns die Berufung zu der Krone, die sie selber ist. Nicht nur eine schmückende Krone, sondern eine lebendige Laubkrone, die uns erlaubt, uns vollkommen zu verwirklichen und, wenn ich so sagen darf, voll und ganz unserem Schöpfer geboren zu werden: wahrhaft geboren zu werden . . .

 

„Frau“, lesen wir im Evangelium, „was ist zwischen dir und mir?“ Ja, was? Es ist die Vaterschaft und die Mutterschaft. Durch die Mutterschaft ist Gott Menschensohn und durch die Mutterschaft ist der Mensch Gottessohn geworden; denn so sprach Jesus zu Nikodemus: „Der Mensch muss wiedergeboren werden.“ Und wenn dann dieser Dr. Nikodemus, dieser erstaunte Schriftgelehrte fragt, ob er dazu in den Mutterschoß zurückkehren müsse, so denken wir an all jene Generationen, die eine gewisse Mutter in ihren Schoß aufgenommen hat, und dass die Kirche bis zum Ende der Zeiten nicht aufhören wird, Kindern das Licht der Welt zu schenken.

 

Geboren von einer Mutter – das ist eine neue Mutterschaft, die Gott für Seinen Dienst anwirbt. Es ist keineswegs sinnlos, dass an manchen Orten unseres Landes Maria angerufen wird unter dem Namen „Unserer Lieben Frau von der Entbindung“. Sie entbindet wirklich. In der Tiefe eines jeden Menschenwesens lebt eine gefangene Seele, eine eingesperrte Seele, die wider Willen dem Wahn unterworfen ist und die sich mehr oder weniger dunkel nach Wissen und Licht sehnt. Aber würde ihr schließlich das Jawort gelingen, würde sie mit ihrem seufzenden Aufbäumen gegen Finsternisse und Unterdrückung Erfolg haben, wenn es nicht die Kirche in Person ihrer Stellvertreter gäbe, um dieser Seele beizustehen in ihrer Mühe um die eigene Entbindung – diese Kirche, die wir nicht unterscheiden können von der Tochter Annas und Joachims? . . .

 

Der Himmel hat manches Mal über meinem Haupt gewechselt, aber überall habe ich Maria gefunden, überall habe ich die Kirche gefunden, überall habe ich jene Krone mit den leuchtenden Sternen gefunden, welche mich mit ihrer unfehlbaren Macht der Führung und des Wohltuns festhielten, welche überall und immer gegenwärtig waren, um mir den Weg zu weisen und den Irrweg zu verbieten.

 

Und welches Wunder! Maria hat die Krone von ihrer Stirn genommen, um sie uns zu übergeben, um daraus ein Werkzeug in unseren Händen zu machen, ein Werkzeug der Betrachtung und der kräftigen Wirkung: den Rosenkranz. Die kleine Perle zwischen Daumen und Zeigefinger ist nun Maria selbst, die sich zum Wagen für unser Auge und für unsere Stimme macht, und die uns auf ihrem Weg der Anbetung mit sich nimmt: zu immer neu beginnendem Psalter. Ja, auch diese Maria, auch diese Kirche und auch diese Mutter Gottes hat sich ganz in unsere Hände gegeben, damit wir uns ihrer bedienen. Merke auf, Herr! lesen wir in jedem Vers der Psalmen. Neige dein Ohr! Schlafe nicht! Tag und Nacht steigt dieser dumpfe Lärm, unterbrochen von gellenden Schreien, von der Erde zu Gott empor: eine Vervielfältigung Mariens, die Ihn daran hindert, jeweils zu schlafen . . .

 

Es bedeutet wenig, der heiligsten Jungfrau im Gefühl nahe zu sein und sie in Worten zu loben, wenn wir nicht mit ihr arbeiten, wenn wir nicht die Gelegenheit nutzen, mit der Tat zu beweisen und zu prüfen, in welchem Grad wir zu ihr halten und sie zu uns hält, so dass wir wirklich nur ein einziges Ganzes bilden. Als der heilige Paulus auf dem Weg nach Damaskus mit seinem Herrn Bekanntschaft macht, ist sein erstes Wort: „Herr, was willst du? Was soll ich tun?“ Und eben dieses Wort ist auch das Wesen und die Substanz der heiligsten Jungfrau, die nichts anderes ist als eine Dienerin: die dient und die hilft und die schafft und die so nahe bei uns ist, dass sie uns von ihrer Leidenschaft des Dienens und des Helfens und des Schaffens mitteilen muss. Seht, wie sie bei ihrem Sohn thront und wie sie Ihm um sich herum den Himmel zeigt: nicht den Himmel der vergänglichen Sternbilder, sondern den Himmel der Seelen, die unaufhörlich geboren und wiedergeboren werden zur Sonne der Wahrheit, und hört, wie sie zu Ihm spricht: Ich bin nicht leer geblieben unter Deinen Händen! Sieh, was ich aus Dir hervorgebracht habe! Sieh, was ich aus dir, mit Dir hervorgebracht habe! Sieh, all das habe ich dir geschenkt, seit jener Ruf an mich ergangen ist, der zu mir sprach: Höre, meine Tochter! Der Ruf, wodurch ich geschaffen wurde und der mir versicherte: Fürchte dich nicht! Fordere! Ich habe gefordert. Ich habe mich vervielfältigt! Sieh um Dich das zahllose Geschlecht jener Maria, die ja sagt und die ohne Unterlass zu Deiner Krone beiträgt und, o mein Gott, auch zu ihrer eigenen: denn Du hast sie in unbegreiflicher Wahl ausgewählt . . .

 

Sieh, ich bin die Magd des Herrn“, sagt sie: Die Magd hat gedient! Sie hat Gott bedient: sie hat Gott gedient. Selbst Satan, dieser Unabhängige, der sich rühmte, niemandem und nichts zu dienen: Kraftvoll wurde er unter harte Fersen getreten. Sieh, da ist auch er jetzt am Ende und dient, wie uns der Brief an die Philipper sagt. Das Böse dient, das Leid dient, die Sünde dient, die Hölle dient: all das hat mitgewirkt an jenem Kreuz auf dem Gipfel der Welt, woran der Sohn Mariens glorreich ausgespannt ist!

 

Und ich armer, alter Mann, der ich niemals wirklich gedient habe, der ich in diesem Leben niemals fähig war, nur zehn Minuten hintereinander an dieselbe Sache zu denken – wie froh bin ich, diese Maria im Himmel zu haben, die Gott all das Gute erzählt, was ich von ihm denke!

 

Und wie dankbar bin ich jenem armen Priester dort in Rom, der gerade in dem Augenblick, als ich diese Zeilen schrieb, auf seinem Krankenlager von seinem Herrn das Recht erflehte, noch ein wenig leiden und arbeiten zu dürfen für Ihn und seine Kinder. Wie dankbar bin ich ihm, dass er es uns so sicher und endgültig gesagt hat: Maria ist gekrönt. Im höchsten Himmel – mit Leib und Seele! Dieselbe Maria, welche das Hohelied als unversehrt und vollkommen preist. Unversehrt – ganz und vollkommen, damit wir zu ihr die Arme ausstrecken! „Assumpta est Maria ad aethereum thalamum, in quo Rex regum stellato sedet solio. Veni coronaberis!” – “Aufgenommen ward Maria in das himmlische Brautgemach, wo der König der Könige auf dem Sternenthron sitzt. Komm, du wirst gekrönt werden!“

 

„Lasst uns lieben den Herrn, unsern Gott!

Lasst uns lieben die Kirche!

Ihn als unsern Vater – sie als unsere Mutter.

Ihn als den Herrn – sie als die Magd des Herrn.

Denn wir sind Kinder seiner Magd!“

 

hl. Augustinus