Maria als Freundin geistlicher Liederdichter

 

Es war ein frommer Glaube in den ersten Zeiten des Christentums, dass Maria, die Mutter unseres göttlichen Heilandes, diejenigen Dichter unter ihren besonderen Schutz nehme, deren Gesänge rein seien. Sie hieß damals: „Bonorum poetarum magistra, Lehrerin der guten Dichter.“

 

Die Verse des Sedulius, eines irländischen oder schottischen Dichters, der um das Jahr 430 blühte, gelten dafür, dass sie der heiligen Muttergottes besonders wohlgefielen. – Fortunatus, Bischof von Poitiers, rief nie eine andere Muse an, als Maria, und durch die Jahrhunderte herab ist sein schönes „Ave maris stella!“ der Gesang schiffbrüchiger Seeleute, mit dem „Salve Regina“ des Hermann von Veringen bis auf uns gekommen, welch letzteres Lied (wie P. de Barry aus der Gesellschaft Jesu erzählt) die Engel am Rand der Brunnen zum Lob ihrer Königin, und die belagerten Christen Antiochias auf den Mauern ihrer Stadt sangen, während sie die Angriffe der Sarazenen zurückschlugen. –

 

Kurz nach der Eroberung Englands stifteten die Normannen in Rouen unter dem Namen der „Puys“ oder „Palinodien“ große Dichterversammlungen zu Ehren der Gottesgebärerin. Diese Vereine, in denen der „Fürst“ oder „Vorstand“ der Bruderschaft von Unserer Lieben Frau den Vorsitz führte, gaben der „Akademie Francaise“ ihre Entstehung, und hießen in der Folge selbst die „Akademie der Palinoden“. Der Erzbischof von Rouen entwarf die Statuten dieser religiösen und literarischen Gesellschaft, deren feierliche Sitzungen in einer der vornehmsten Kirchen der Stadt gehalten wurden, und die sich rühmte: unter dem Patronat der heiligen Jungfrau Maria zu stehen. Eine unerlässliche Bindung für die in diesen Versammlungen um den Preis der Dichtung kämpfenden Sänger war: dass ihre Balladen, Sonette, Lieder zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Marias verfasst, oder dass wenigstens ihr Gegenstand ganz keusch, und das Lob der heiligen Jungfrau, die ohne Sünde empfangen, schicklich eingeflochten sei. Diese Versammlungen haben Einfluss auf die poetischen Erzeugnisse der Normandie. Sie gaben ihnen eine ernste, religiöse Tendenz, die dem Nationalcharakter entsprach, der damals im höchsten Grad ernst und ritterlich war. Das Fest der unbefleckten Empfängnis Marias wurde mit seinen heiligen Dichtungen das große, eigentümliche „Fest der Normannen“. Sieben Jahrhunderte lang bestand dieses Fest. Das Land, wo es seinen Ursprung hatte, hieß damals „Land der Weisheit“. –

 

In der Bretagne, wo die gallischen Barden sich länger als irgend anderswo erhielten, traten die Lobgesänge auf die heilige Jungfrau Maria beinahe ohne weiteren Übergang an die Stelle der schrecklichen und schauerlichen Gesänge der Druiden. Dialogisierte (im Zwiegespräch ausgeführte) Balladen und Volkslieder über religiöse Gegenstände, legten den Grund zu der Musik eines Volkes, das mit gefalteten Händen und gebogenen Knien für das Gefühl des Schönen in der Dichtkunst, und in den Künsten überhaupt zu erwachen schien. Jede Ballade dieses Volkes enthielt eine Anrufung der allerseligsten Jungfrau Maria, einen frommen Gedanken oder eine erhabene Sittenlehre. Denn damals fand alles in der katholischen Glaubenslehre seinen Zusammenhang, damit das Volk zur Sittlichkeit erzogen und ihm Geschmack beigebracht werde – an einem stillen, seiner Fassungskraft angemessenem Glück. Der Turm der Dorfkirche, dessen Spitze abends bis zu den Sternen hinaufzureichen schien, redete mit dem Landmann von Gott. Das Bild der Gebenedeiten des Herrn, das er unter dem Strohdach seiner Kirche verehrte, stellte ihm den Triumph der prunklosen Jugend vor die Augen. Die Bilder der Heiligen erinnerten ihn an manche fromme Legende, reich an Heldentaten der Selbst-Abtötung, der christlichen Barmherzigkeit, des Gebets-Eifers, und die geistlichen Gesänge, die mit ihrer hehren Melodie seine Nachtwachen verschönerten, erwiesen sich für ihn als eine, seinem Bedürfnis angemessene Schule der christlichen Moral. –

 

Die Weihnachtslieder (Noels), diese freudigen Gesänge, in welchen das Andenken an die heilige Jungfrau Maria mit dem göttlichen Christkind zu Betlehem sich so lebendig ausspricht; wie sie so zur Nachtzeit bei Fackelschein, auf den schneebedeckten Fluren oder vor den alten, mit Wintergrün und Moss ausgeschmückten Krippen durch ganz Frankreich erklangen, blieben die Lieblingslieder des Volkes, bis jene grauenvolle Revolution ausbrach, die auch sie mit so vielen anmutigen Erfindungen des religiösen Dichtergeistes verstummen machte. – Die Hymnen unserer Kirche haben der Musik einen erhabenen und strengen Charakter gegeben, der die Seele füllt, dass sie überströmt und ins Unendliche sich versenkt. Die Weihnachts-Pastoralen haben ihr eine einfachere, rührendere Richtung mitgeteilt. Sie gleichen dem munteren Gesang eines Vogels, der freudig aufsteigt zu Gott, ein fröhliches Geheimnis zu feiern. Sie gleichen dem Duft der Wälder, der den Altar der jungen Mutter des Welterlösers balsamisch umweht. Die heitere Poesie des Hirtenlebens, die sich mit diesen anmutigen Tonweisen verbindet, mahnt an den Schatten der Wälder, an den Wohlgeruch des Weißdorns, den süßen Geschmack der Honigwabe und an das Blöcken der friedlichen Lämmer. Es ist der Gesang des christlichen Volkes, der Gesang der frommen Hirten, der Gesang der Natur selbst. –

 

In diesen geistlichen Pastoralen erscheint Maria immer als mädchenhafte, gar anmutige und liebliche Jungfrau, die den König der Engel und Heiland der Welt in ihren armen Schleier hüllt, und zu sehr versunken ist in ihre Freude, um an die Dürftigkeit des Stalles und an das Stroh der Krippe zu denken. Das Volk, abgehärtet durch den Anblick von Entbehrungen aller Art, fasste nicht sowohl die Armut, als das Glück der Mutter Christi auf. Es ist ein Gemälde von Claude Lorrain, in welchem alles Licht ist. – In dem „Stabat mater dolorosa“ aber, das die Italiener so poetisch die „Tränen Marias“ nennen, tönt nicht mehr der Jubel der Heiligen Nacht, sondern die Schrecken von Golgotha. Es ist ein Sterbegesang, in dem eine allertiefste Schwermut waltet, und zuweilen unterbrochen von entsetzlichen Empfindungen, die wie tausendfältige Dolchstiche die Seele durchbohren. Es ist die Erzählung des unaussprechlichsten Schmerzes einer Mutter, die den unendlich geliebten Sohn dahin sterben sieht in den allerfurchtbarsten Qualen. – Wenn man die unsägliche Trauer dieser Tondichtung inne werden, einblicken will in ihre schmerzlichen Geheimnisse, muss man sie in einer jener großen Kirchen Italiens hören, wo das Volk noch gläubig betet und mit ganzer Seele singt. Es ist, als würde dann die majestätische Stimme der Orgel unterbrochen von Schluchzen, und als weinten die Engel mit ihrer Königin, der „schmerzhaften Mutter“. – Keine Religion hat, seit die Welt besteht, der Poesie und Musik ein dem „Stabat mater dolorosa“ ähnliches Thema und Lied geliefert. Die Schmerzen Marias am Fuß des Kreuzes erinnern an alle Macht der poetischen Begeisterung und Harmonie! –

 

(Aus: Geschichte der religiösen Poesie)