Jakob Balde, der Oden-Dichter Marias

 

1. In dem Büchlein: „Das alte Ingolstadt von Ludwig Gemminger“ liest man: Jakob Balde war in dem Städtchen Ensisheim im Elsass geboren, und zwar im Januar des Jahres 1603. Damals gehörte Elsass noch zum deutschen Reich. Demzufolge ist Balde der Geburt nach ein Deutscher. Sein Leben und Wirken machen ihn aber zum Bayern. Achtzehn Jahre alt, kam er nach Ingolstadt, hat sich daselbst die Doktorwürde der freien Künste und der Lebensweisheit erworben, und sich letztlich der Rechtskunde mit sonderbarem Fleiß und Eifer gewidmet. Heiter und des Lebens sich freuend ist er, ohne ausgelassen zu sein, schon damals dem Gesang und der Musik eifrigst ergeben gewesen. Eine alte Überlieferung erzählt, wie Jakob Balde zu jener Zeit einem Mädchen, dem er in Liebe zugetan war, zur Nachtzeit ein Ständchen dargebracht habe. Dies geschah in der Nähe des Klosters „Gnadenthal“, als plötzlich die Klosterfrauen, als sie in den Chor gingen, die Metten zu singen anfingen. Dies hat das Herz Baldes so bewegt, dass er, ausrufend: „Cantatum satis est, frangito barbiton!“, seine Leyer gegen die Mauer warf, dass sie zertrümmerte. Und zur Stunde, weil anderen und besseren Sinnes geworden, beschloss, in den Orden der Gesellschaft Jesu einzutreten. Das ist gewiss, dass der Obere, weil er den lebenslustigen jungen Mann kannte, seiner Bitte anfangs wenig Glauben schenkte und mit der Aufnahme etwas zauderte. Doch Balde blieb fest und wurde später eine Zierde des Ordens. Im einundzwanzigsten Jahr seines Alters nahm er, im Juli 1624, das Ordenskleid und machte zu Landsberg das Noviziat. Die Ordens-Gelübde legte er aber erst am 31. Juli 1640 ab, und hat zufrieden in seinem Beruf gelebt, wie aus vielen seiner Gedichte zu erkennen ist. Zu Ingolstadt lehrte er die Beredsamkeit mit solchem Beifall, dass sein Ruf aus weitester Ferne die vornehmsten Jünglinge, ja Fürstensöhne und Männer vom höchsten Ansehen zu seinem Lehrstuhl zog, und dass der große Kurfürst Max I. ihn als Prediger auf die Kanzel seiner Hofkirche rief, allwo er ihm den ehrenvollen Auftrag gab, Brunners Geschichte Bayerns fortzusetzen. Auch als Missionar scheint Balde eine Zeitlang zu Konstantinopel gewirkt zu haben, wenigstens sind einige seiner Lieder so geschrieben, als wäre er im Land der Türken gewesen. Sein Orden schickte ihn als Prediger nach Landshut, Amberg und dann nach Neuburg, wo er, 1654 angekommen, vierzehn Jahre später, im Jahr 1668, an einem Zehrfieber starb.

 

Balde war schlank und hager, und nennt sich selbst scherzweise den „dürren Dichter“, der da abgelegt das Tier, die Fäulnis, die Fesseln der Gefangenschaft eines sinnlichen Lebens.

 

Und in diesem schwachen Leib wohnte eine so schöne Seele, ein so großer Geist! – Als Mensch war er die lautere Liebe, bieder und offen, ohne alles Falsch, anspruchslos, witzig und heiter. – Als Christ und Priester glühte sein Herz für Jesus. Das Opfer des Neuen Bundes war daher sein Ein und Alles. Als er körperlich nicht mehr in der Lage war, das heilige Opfer selbst darzubringen, wohnte er doch dem Messopfer täglich kniend bei und erschien dem Volk, wegen seiner besonderen Andacht, als ein Heiliger. Desgleichen war sein Herz für die glorreiche Himmelskönigin Maria, die Mutter des Herrn, entflammt. Seine schönsten Lieder gehören ihr, jede zarte Empfindung, jeden süßen Trieb des Herzens weihte er ihr, ihre Fürbitte erbat er für sich und andere, für seinen Fürsten und für sein Vaterland in jeglicher Not. Der höchste Ruhm ist es ihm, „Marias Sänger“ zu heißen. – Als Dichter war er in allen Fächern groß, erreichte jedoch als Lyriker den höchsten Ruhm.

 

2. Johann Gottfried von Herder, ein Protestant, der viele Dichtungen Baldes ins Deutsche übersetzte, sagt von Ihm: „Starke Gesinnungen, erhabene Gedanken, goldene Lehren, vermischt mit zarten Empfindungen für das Wohl der Menschheit und das Glück seines Vaterlandes strömten aus seiner vollen Brust, aus seiner innig bewegten Seele. Er sah die jammervollen Szenen des dreißigjährigen Krieges. Mit verwundetem Herzen tröstete er die Vertriebenen, zugleich suchte er Deutschlands besseren Geist zu wecken und es zur Tapferkeit, Redlichkeit, Eintracht zu ermahnen. Wie ergrimmt ist er gegen die falschen Staatskünstler, wie entbrannt für die gesunkene Ehre und Tugend seines Landes! Allenthalben in seinen Gedichten sieht man seine ausgebreitete, tiefe Weltkenntnis, bei einer echt philosophischen Geisteswürde. Er ist ein Dichter Deutschlands für alle Zeiten. Manche seiner Oden sind von so frischer Farbe, als wären sie in den neuesten Jahren geschrieben.“

 

August Wilhelm von Schlegel, ein Protestant, sagt von Balde, „dass er ein eingeborener und ungewöhnlich reich begabter Dichter sei.“

 

In: „Allgemeine Real-Enzyklopädie oder Konversations-Lexikon für das katholische Deutschland“ liest man: „Jakob Balde ist einer der größten Dichter Deutschlands. Eine reiche, schöpferische Phantasie, eine sich hervordrängende unerschöpfliche Fülle von Bildern, die glühendste Begeisterung für Religion und Vaterland, eine Zartheit der Empfindung, verbunden mit seinem Witz und satirischer Laune, wie sie in dem Maß keinem Sohn des Nordens zu Teil zu werden pflegt, zeichnen seine Gedichte aus und sichern ihm einen Rang unter den vorzüglichsten Dichtern Deutschlands. Der lateinischen Sprache, worin er seine meisten und vorzüglichsten Gedichte geschrieben hat, war er in einem so hohen Grad mächtig, dass er ein klassischer lateinischer Dichter zu heißen verdient. Man nennt ihn daher den „deutschen Horaz“. An Reichtum der Wendungen, an Schwung der Phantasie und an Glut der Begeisterung übertrifft er den römischen Dichter. An Anmut der Sprache steht er ihm nicht oder nur wenig nach. Seine Stellung als Mitglied des hochachtbaren Jesuiten-Ordens gab ihm jene Unabhängigkeit von dem Druck äußerer Verhältnisse, die dem Dichterleben, soll ihm der Schwung seines Geistes nicht verkümmert werden, so notwendig ist. Als Mitglied dieses großen Ordens hatte er Teil an der ganzen geistigen Errungenschaft auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, wodurch die Gesellschaft Jesu eine Überlegenheit über Weltteile behauptete und in Europa die Gegner der katholischen Kirche niederwarf, in Amerika das Christentum verbreitete, am Indus und Ganges aber die Weisheit der Braminen überbot und inmitten der alt-indischen Kultur das Kreuz aufrichtete. Daher war er nicht nur der klassischen Sprachen mit all der Feinheit griechischer und römischer Bildung in einem Grad mächtig, wie vor und nach ihm wenige, sondern er war auch eingeweiht in das Studium der Geschichte, der alten sowohl als der neueren, und schrieb und dichtete im echten Geist der Alten. Aber er wurzelte zugleich tief in seiner Zeit und erhob sich mit ihr zur Begeisterung, zum triumphierenden Jubel und stieg mit ihr zum Ausruf des Wehe und Schmerzes über den Druck und Jammer der Gegenwart hinab. Sein Orden war auf die leuchtende Höhe der Zeit gestellt und griff auf das Mächtigste in ihre Bewegungen ein. Nicht allein als Gelehrte, als Kanzelredner, als Missionare standen die Jesuiten in so hohem Ansehen, sondern auch als die größten Diplomaten lenkten sie zumeist die Angelegenheiten Europas. Dass die Stellung in einem solchen Orden einem von Natur reichbegabten Dichtergeist äußerst günstig sein musste, wird niemand verkennen wollen. Rechnet man dazu seine nicht über Europa allein, sondern über drei Weltteile sich erstreckende Verbindung mit Gelehrten, Staatsmännern, Freunden und Beförderern der Kunst und Poesie, dann muss man gestehen, dass wenigen Dichtern unseres deutschen Vaterlandes eine so beneidenswerte Stellung zu Teil geworden ist, als dem Jakob Balde. Man hat es wiederholt ausgesprochen: Baldes Verhältnisse als Priester und Ordensmann hätten ihn abschneiden müssen von den reichsten Quellen der Begeisterung, woraus die Poesie schöpft, woraus sie Reiz und Anmut in ihre Schöpfungen einwebt, von der – Liebe nämlich, gerade als wenn nur irdische Liebschaften und Buhlschaften den Hauch der Liebe in die Poesie wehen könnten, als ob es irgendeine höhere, reinere und glänzendere Liebe gäbe, als die des eingeborenen Sohnes Gottes, der für uns Mensch geworden, litt und starb als der Gekreuzigte, und dessen Liebesbild in seiner göttlichen Mutter Maria, in den Märtyrern und in allen Heiligen und begeisterten Streitern für Wahrheit und christliche Tugend in tausendfarbigem Abglanz wiederstrahlt! Allerdings kennt sein Dichten keine sinnliche und unsittliche Liebe: dennoch aber ist eine Glut der Liebe über alle seine Poesien gehaucht, wie wir sie bei keinem unserer Dichter mehr antreffen möchten. Unerschöpflich sind seine Gefühle, und seine Bilder strömen in unversiegbarer Fülle mit bewunderungswürdiger Anmut der Sprache hervor, wenn er die Größe Gottes und die Liebe des Heilandes besingt, oder der unbefleckt empfangenen und allzeit jungfräulich gebliebenen Gottesmutter voll Anmut und Zartheit seine Kränze windet. Dann wieder, welche Reinheit der Natur-Begeisterung, welche Eleganz der Sprache, welcher vertraute Umgang mit der Natur und Einsamkeit!“ – Jakob balde genoss allerwärts eine große Verehrung. – Die Ratsherren von Nürnberg losten um Baldes Feder und der, welcher sie erhielt, bewahrte sie in einer silbernen Kapsel auf. – Als Balde von Amberg über Nürnberg und Altdorf nach Neuburg reiste, erzeigten ihm die Professoren jener Universität alle Ehren und baten ihn, irgendetwas in ihre Gedenkbücher zu schreiben. – Papst Alexander VII. schickte ihm für die Widmung seiner „Urania“ eine goldene Medaille, zwölf Dukaten schwer, die Balde am 24. September des Jahres 1665 am Altar der heiligen Muttergottes aufhing. –

 

3. Von Jakob Baldes Dichtungen – zum Preis der Gebenedeiten des Herrn – mögen hier nur einige folgen, die dem „Marienbüchlein, Gesänge aller Zeiten und Völker zu Ehren der allerseligsten Jungfrau, ein Buch der Andacht und frommen Erhebung, herausgegeben von Dr. J.B. Rousseau“, entnommen sind.

 

Die Unnennbare

 

Wo beginnen und wie soll ich vollenden,

Jungfrau, deinen Gesang, den hundert Sprachen

Singen, hundert Sprachen in jeder Zone

Singen einst werden;

 

Der die Berge der Welt, als sie zum Himmel

Aufstieg, alle die Scheitel neigten? Alle

Ströme rauschten Gesang dir mit der Berge

Wehenden Wipfeln;

 

Hermons Hain, und die Au Engeddi, Karmel,

Und, vom Himmel gepflanzt, die alte Ceder

Libanons und der Palmenhain, Cypressen

Und Therebinthen.

 

Deines heiligen Landes Strom, der Jordan,

Teilte sich und berührte dir die Ferse

Sanft; in Hesbon spielte mit deinem Abglanz

Leise der Zephyr!

 

Und wie soll ich dich nennen, dich des Lebens

Heilquell, Schatten der Müden, dich, in Flammen

Glänzender Rosenbusch? Den Stern am Morgen,

Oder Aurora?

 

Jene Taube, die einst des Friedens Ölzweig

Über Ströme und Sündfluten brachte?

Turteltaube, die unserm Erdenjammer

Tröstungen zugirrt?

 

Regenbogen der Gnade über dunkeln

Wolken? Rose der Dornen? Wenn einst jede

Schöne Blume verblüht, der Blumen schönste

Blühet unsterblich! –

 

Mutter und Kind

 

Holder strahlet das Auge dir,

Süße Mutter, im Glanz himmlischer Freude, wenn

Auf den rosigen Knaben du

Niederblickest, und ihm leise dem Herzen nahst.

Zarter schlingen sich Blum und Stamm

Nicht zusammen, wie du, Kind, an der Mutter Blick,

Wie die Mutter an deinem Blick

Hangt und trinket in ihm Atem der Seligkeit.

O ihr Beide, die nur Ein Herz,

Eine Seele belebt! Mutter dem Sohne du,

Sohn der Mutter des Lebens Band! –

 

Die Mutter unterm Kreuze

 

Unsäglich ist dein Schmerz, und dennoch stehest du,

O Mutter, unterm hei´lgen Kreuz,

Mit deiner Brust es stützend! Was du siehst,

Und wer dich siehet, Freund und Feind,

Drängt tiefer dir das Schwert ins blut´ge Herz! Doch seht!

Sie blickt ruhig an den Sohn.

Die Martern haben alle ihre Kraft erschöpft;

Sie saugt in sich des Sohnes Tod.

O Hochbetrübte, teile deinen stillen Schmerz,

O teile deinen Schmerz mit mir! –

 

Die Himmelfahrt

 

An dem Tage, da du der Erd, o Jungfrau,

Dich entschwingend, hin über die Gestirne

Stiegst, da neigete dir, bestreut mit Blumen,

Selbst sich der Himmel!

 

Und ein süßer Gesang, als du hereintratst,

Scholl den Himmel hindurch dir laut entgegen:

„Wer ist Sie, die aus wilden, dunklen Hainen

Glänzend hervorgeht?“

 

Einige Königin, ganz, o ganz in sich schön,

Überfließend an Reiz und süßen Freuden;

Um sie duftet der Äther; lieblich lehnt sie

An den Geliebten

 

Ihre holde Gestalt. So tritt in seine

Stillen Reiche der Mond; so blickt die Sonne

Auf am Morgen; es küsst ihr Blick auf alle

Tränen des Frührots.

 

Unter solchen Gesängen hobst du höher

Dich, o Mutter, im Arm des Sohns, und über-

Stiegest Alles, was Gott nicht ist, und tauchtest

Dich in der Gottheit

 

Glanz. O selige gnadenreiche Jungfrau,

Lass vom Meere der Freuden, lass aus deinem

Vollen Becher auch uns Ein Tröpflein stillen

Unsere Tränen! –