Gott schützt die Ehre seiner Mutter

 

Der französische Schriftsteller Louis Veuillot schreibt in seinem Buch „Erinnerungen“:

 

Zu dreien zogen wir im Mai 1809 in den spanischen Krieg. Zwanzig Jahre zählten wir, hatten lustiges Blut und drei alte Flinten zu tragen. Wir waren zu dritt: Jean, Paul und ich, alle drei Söhne desselben Dorfes. Wir taten uns groß mit gottlosen Redensarten.

 

Eines Morgens mussten wir die Grenze überschreiten. Noch sehe ich deutlich den Ort vor mir. Über dem alten Portal der Kirche stand ein Bild der heiligen Jungfrau. „He“, rief Jean, „kommt her, das Ding da schießen wir herunter!“ Sogleich lud Paul seine Flinte und legte an. Die Kugel drang in den Kopf der Statue, in die Stirn zwischen die Augen. Jean schoss und traf sie mitten ins Herz. Ich legte auch an. Mein Pulver flammte auf, während ich ins Blaue zielte. Die Kugel drang dem Bild ins Bein, gerade über dem Knie.

 

Nach dieser Tat machten wir uns auf, um in Spanien einzufallen. Heiß ging es her. Eines Abends legten wir uns auf dem Schlachtfeld zur Ruhe. Plötzlich fiel von einem Felsen ein Schuss, und Paul sank getroffen zu Boden. Die Kugel war ihm in die Stirn gedrungen, gerade zwischen die Augen. Starr wir Marmor und totenbleich standen wir beide da. Seite an Seite lagen wir dann die ganze Nacht, mit offenen Augen und ohne ein Wort zu sprechen. Aber die wachgerüttelte Seele eilte vom Bild des toten Freundes zum Bild der Jungfrau, „Nun ist die Reihe an mir“, sagte Jean.

 

Die Schlacht war heiß. Jean und ich hatten wacker unsere Pflicht getan. Wir kehrten zum Biwak zurück. Nirgends ein lebendes Wesen. Da knallte aus einem Graben, der mit Toten und Sterbenden angefüllt war, ein Schuss aus einer Büchse. Jean wand sich ins Herz getroffen, im Straßenstaub. Zwei oder drei Minuten später war der Unglückliche eine Leiche.

 

Es kam die Stunde des Sieges. Wir zogen zurück nach Frankreich. Es war ein schöner Abend, als wir singend die Grenze überschritten. Da knallte ein Schuss, man wusste nicht, woher. Die Kugel verletzte mein Bein oberhalb des Knies. Man verband mich an Ort und Stelle. „Ein kleiner Mückenstich, nichts weiter“, sagte der Major.

 

Acht Tage später fanden sich Würmer in der Wunde. Man ölte mich ein, man schnitt mich, aber die Würmer waren hartnäckig und blieben. Seit zwanzig Jahren büße ich nun schon. An der Stelle, wo bei der Statue meine Kugel eindrang, haben die Würmer in meinem Körper eine ständige Wohnung. Ich erflehe vom lieben Gott Mut und Heilung. Will er mich nicht erhören, so hat er hundertmal recht.

 

Meine Geschichte bekommt jeder zu hören, und ich füge hinzu: „Es gibt dort oben jemand, der alles sieht und richtet.“

 

Als Zeugen dienen mir die Wunde und die Würmer.