Ein Verbreiter der Marien-Andacht: Der heilige Bonaventura

 

Der heilige Franziskus von Assisi und der heilige Dominikus, die zwei gewaltigsten Persönlichkeiten des dreizehnten Jahrhunderts, hatten Maria eine besondere Liebe geweiht. Dominikus hoffte in seinen mühevollen Missionen von ihrer Zärtlichkeit die Bekehrung der Irrlehrer und der von ihnen verführten Menschen, und man weiß, wie viele Früchte sein Vertrauen getragen hat. Sankt Franziskus von Assisi hegte für die Mutter Jesu Christi eine unaussprechliche Liebe, weil sie uns den Herrn zum Bruder gegeben hat und wir durch sie Barmherzigkeit erlangt haben. Indem er gleich nach Christus in Maria sein höchstes Vertrauen setzte, erwählte er sie als Fürsprecherin für sich und die Seinigen.

 

Die Verehrung Marias gehörte zu den Überlieferungen des seraphischen Ordens, und der heilige Bonaventura bemühte sich eifrigst sie möglichst alle aufzudecken und bekannt zu machen. Bei dem Kapitel zu Narbonne, wie bei dem zu Pisa und Assisi erließ er mehrere Bestimmungen in dieser Sache. Die wichtigste ist jene, die die Brüder verpflichtet, abends auf das Zeichen der Glocke hin, zum Gedächtnis der Menschwerdung des Gottessohnes, bei der Maria auf eine so wunderbare Weise mitgewirkt hat, drei Mal den englischen Gruß zu sprechen. Die Ordenspriester sollen in ihren Predigten die Gläubigen für diese fromme Andachtsübung begeistern. Schon mehrere Gläubige hatten sie zwar bereits im Anfang jenes Jahrhunderts regelmäßig ausgeübt, aber der heilige Kirchenlehrer war es, der sie am eifrigsten gefördert hat. In der Folge breitete sich diese schöne Tradition über die ganze Kirche aus, und überall lud der Schall der Glocken drei Mal am Tag, um 6, um 12 und um 18 Uhr, die Gläubigen ein, andächtig in Maria das glorreichste aller Vorrechte, das Vorrecht der göttlichen Mutterschaft in Verbindung mit dem der Jungfräulichkeit Mariens zu ehren.

 

Der heilige Franziskus von Assisi hatte seinen Brüdern vorgeschrieben, jeden Samstag zu Ehren der erhabenen Jungfrau Maria ein Hochamt zu singen. Sankt Bonaventura erneuerte diese Vorschrift im Jahr 1269 bei dem Kapitel zu Assisi. Seitdem hat sich dieser Gebrauch, wie der des „Ave Maria“ durch die ganze Kirche verbreitet, und der letzte Tag der Woche ist den Kindern Marias ein wertvoller Tag geblieben, ein Tag, an dem sie die Tugenden, mit denen der Himmel Maria beschenkt hat, in der Seele zu betrachten pflegen, diese Tugenden, wegen denen sie gewürdigt wurde, in unserer Mitte erhöht zu werden.

 

Im Jahr 1264 hatten sich zwölf Einwohner von Rom unter der Leitung eines Priesters dieser Stadt verbunden, um Maria auf eine ganz besondere Weise zu ehren. Sie teilten ihr Vorhaben dem Bischof von Siena mit, dem damaligen Stellvertreter des Papstes. Der wiederum verwies sie an den General-Superior der Minder-Brüder, einen Mann, dessen Klugheit, Weisheit und Frömmigkeit sie in ihren frommen Unternehmungen sicherer leiten könne. Indessen erscheint die allerseligste Jungfrau dem gottinnigen Bonaventura selbst. Unter den weiten Falten ihres Mantels befinden sich ihre zwölf Diener, und zu ihren Seiten Männer und Frauen von verschiedenen Ständen. Maria hielt ihre Blicke auf den geistigen Sohn des heiligen Franziskus von Assisi gerichtet, sie kommt, um ihm ihren Wunsch zu offenbaren. „O mein Lieber Sohn“, sagte sie, „schreib!“ Hierauf verschwand sie. Dies genügt dem Heiligen. Er hat den Willen seiner Mutter erkannt, er macht sich daran, für diejenigen, die ihm vorgestellt werden, eine Regel abzufassen, und gibt der zudem der frommen Vereinigung zum Wahrzeichen ein weißes und ein rotes Kreuz, das nun jedes Mitglied auf der Schulter zu tragen hatte. Man lebte in der Zeit der Kreuzzüge. Und jede Verpflichtung für die Kämpfe, ob geistiger oder irdischer Art, wurde mit der Übernahme der geheiligten Fahne Christi, des heiligen Kreuzes, vollzogen. Dieses Kreuz mahnte durch seine weiße Farbe an die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria, und durch seine rote Farbe deutete es an, von welch glühender Liebe die Seele Jesu an dem Tag brannte, als er sich für das Heil der Welt zum Opfer brachte. Diese Vereinigung breitete sich in der Folge über mehrere Orte aus, unter dem Namen „Bruderschaft von der Kirchenfahne (Gonfalon). Der Heilige errichtete sie selbst in Lyon kurze Zeit vor seinem Tod, und es ist wahrscheinlich, dass er sie auch an anderen Orten einführte, denn sein Eifer ließ ihn keine Gelegenheit versäumen, wo er die Liebe zu ihr fördern konnte, deren „armer Knecht“ zu sein er sich rühmte. Papst Urban IV. bestätigte die Satzungen der Gemeinschaft, er und seine Nachfolger gewährten ihr Privilegien und geistliche Vorteile. Und zuletzt erhielt sie, als Mutter so vieler anderer Bruderschaften, die sich zu Ehren Marias bildeten, den Namen „Erzbruderschaft“.

 

Wie oft hat der Heilige in seinen Predigten Marias Lob mit dem ihres göttlichen Sohnes, des Heilandes der Welt, vereinigt! Wie oft hat er sie den Menschen gezeigt als bewunderungswürdig in ihrer Macht, ehrwürdig in ihrer Heiligkeit und unbeschreiblich in der Fülle himmlischer Güter, womit sie überschüttet worden ist! Ihre makellose Reinheit, ihre unvergleichliche Keuschheit, ihre glühende Gottes- und Nächstenliebe, ihre mutige Standhaftigkeit in den Trübsalen, ihre unbegrenzte Weisheit, die Fülle aller Gnaden, mit denen sie geschmückt war, bildeten gewöhnlich den Inhalt seiner Reden. Bonaventura glänzte auf der Kanzel unter seinen Zeitgenossen durch die Salbung seines Wortes, wenn es aber galt, Maria zu loben, wurde seine Sprache noch weicher und zarter und die Zuhörer fühlten, wie sich bei ihnen die Liebe entzündete und das Vertrauen sich bis zur Unerschütterlichkeit festigte.

 

Zu diesen meisterlichen Reden fügte Bonaventura auch Schriften hinzu, damit die Erkenntnis seiner „Herrin“ noch weiter getragen würde. Er war ein Dichter, um sie zu besingen, er umschrieb den Psalter des Königs David, er verfasste das „Offizium des Mitleidens“, er gab der Welt den „Spiegel der seligsten Jungfrau“ und in mehreren seiner Werke findet man Blätter über Maria, die man von einem himmlischen Geist diktiert glauben möchte. – Die frommen Bruderschaften konnten in der Folge der Zeiten, je nach den verschiedenen Bedürfnissen der Jahrhunderte, durch andere ersetzt werden. Aber diese Werke des Geistes und der Liebe sind lebendig geblieben, die Jahrhunderte haben ihren Glanz nicht getrübt, ihre Frische hat von dem Wandel der Zeiten nicht eingebüßt, sie sind auch heute noch, wie die Zeitgenossen Bonaventuras sie bewunderten, voll der lieblichen Schönheit, die die Menschen des Mittelalters in ihnen mit Freude kosteten. –

 

Die erste und bedeutendste der Schriften des heiligen Bonaventura zu Ehren der erhabenen Gottesmutter ist der „Spiegel der seligsten Jungfrau Maria“. Er glaubte sich unfähig, von Maria zu sprechen. Und wenn ihn nach dem Beispiel des heiligen Bernard nichts so sehr erfreute, als die Wunder zu feiern, deren Inhalt sie war, so versetzte ihn auch nichts so sehr in Furcht. Es findet in diesem erhabenen Geist ein ewiger Kampf zwischen der Liebe und der Demut statt. Und wenn die erste dieser Tugenden ihn hinreißt, so darf man doch überzeugt sein, dass die Rechte der anderen darunter nichts zu leiden haben werden. Wie ein solcher Kampf in dieser auserwählten Seele sich entwickelt, zeigt das Folgende:

 

„Indem ich wünsche“, spricht Sankt Bonaventura, „zur Verherrlichung und zur Ehre Jesu Christi, unseres Herrn, etwas zur Verherrlichung und zum Lob seiner glorreichsten Mutter zu schreiben, hielt ich es für angemessen, den lieblichen Gruß, den wir an sie richten, zum Gegenstand zu nehmen. Ich bekenne aber ohne Bedenken meine gänzliche und völlige Unzulänglichkeit für ein solches Werk, teils wegen der ungeheuren Schwierigkeiten, die ein so umfassender Gegenstand darbietet, teils wegen der äußersten Unbedeutendheit meines Wissens, der öden Dürre meiner Sprache, der tiefen Unwürdigkeit meines Lebens, teils endlich wegen des grenzenlosen Lobes, dessen diejenige würdig ist, die ich zu feiern wage. – Lob klingt nicht schön im Mund eines Sünders: wie sollte nun ein elender sündhafter Mensch wie ich, wie sollte ein Unding, dessen Leben von Nichtswürdigkeiten voll ist, sich erkühnen, seine Stimme zum Preise Marias zu erheben? Sicherlich sind die Frömmigkeit und die Beredsamkeit in mir zu schwach, als dass ich die seligste und glorreichste Jungfrau gebührender Weise rühmen könnte. Wozu nützt es überdies, einen Tropfen in das Meer zu tragen? Wozu nützt es, einem Berg einen unbedeutenden Kieselstein hinzuzufügen? Gleichwohl habe ich mich erkühnt, obschon ich die Schwäche meines Geistes, die äußerste Armut meines Wissens und meiner Beredsamkeit anerkenne, diese kleine Gabe, diese ganz arme Schrift zur Ehre einer so glorreichen Königin darzubringen, damit ihre am wenigsten unterrichteten Diener darin wie in einem freilich trüben Spiegel wenigstens schwach ihre Größe und ihre Würde betrachten mögen. – So nimm denn hin, o Maria, dieses schwache Geschenk, das dir dein armer Freund darbringt! Mit dieser kleinen Gabe, mit diesem Werklein von dieser Begrüßung grüße ich dich, grüße ich dich, zur Erde gebeugt, mit geneigter Stirn, mit Herz und Mund, und rufe: Gegrüßet seist du, Maria!“ – So beschaffen ist in den Heiligen die Vereinigung der Liebe und der Demut! Warum denn noch staunen, wenn ihre Werke hundertfältige Früchte tragen?

 

Nach einem so rührenden Eingang durchgeht der große Kirchenlehrer die Vorrechte, die Gnaden, die Tugenden, die alle Menschen in Maria bewundern. Sie ist in seinen Augen die dem Fluch der Erbsünde, dem Fluch der wirklichen Sünde, dem Fluch der Höllenpein enthobene Jungfrau, die Jungfrau, die mit Recht – „Meer der Bitterkeit, - Stern des Meeres – erleuchtende Jungfrau – und höchste Königin“ genannt wird. Er entdeckte in ihr die Fülle der himmlischen Gnaden, die Gnade der Geschenke, der Worte, der Vorrechte, der Belohnungen. In ihr sieht er die Fülle der Liebe der neun Chöre der Engel. In ihr betrachtet er den höchsten Herrn aller Dinge, den unendlich weisen, mächtigen, unwandelbaren, gütigen, gerechten, treuen, erhabenen Herrn des vernünftigen Geschöpfes. Und dieser Herr ist durch mehrere Titel mit ihr verbunden: als mit seiner edlen Tochter, seiner würdigen Mutter, seiner keuschen Braut, seiner ergebenen Magd. Dann ist Maria für uns die Morgenröte, der blühende Stab Aarons, die siegreiche Königin. Sie ist die gesegnete Jungfrau wegen der Fülle der in ihr wohnenden Gnaden, wegen der Majestät ihres Sohnes, wegen des Reichtums ihrer Barmherzigkeit, wegen der Pracht ihrer Herrlichkeit, wegen der Tugenden, die sie den sieben Hauptsünden entgegengesetzt hat. Sie ist gesegnet wegen der Frucht ihres Leibes, jener Frucht, die denen zuteilwird, die den Stolz durch die Demut, den Neid durch die Liebe, den Zorn durch die Demut, die Trägheit durch die Arbeitsamkeit, den Geiz durch die Freigebigkeit, die Völlerei durch die Enthaltsamkeit, die Üppigkeit durch die Keuschheit bekämpfen. In dieser Frucht hat die Welt das Ende ihres Elends und die Quelle ihrer Glückseligkeit in der Gegenwart und in den Jahrhunderten der Ewigkeit gefunden. –

 

Es ist dieses Buch eines der schönsten Werke, die zum Lob Marias verfasst worden sind. Auch ist es eins der Bücher des Mittelalters, die am häufigsten gelesen wurden, und gleichsam das „Handbuch“ geworden ist, in dem die Diener und Dienerinnen der Gottesmutter die Gnaden zu erkennen pflegten, mit denen sie beschenkt worden sind. –

 

Ebenso schön ist eine Umschreibung des Marienliedes „Salve Regina!“, worin sich alle Gefühle, von denen die Seelen der Heiligen überfließen, vereinigen. Wir finden das Vertrauen, die Freude, die Hoffnung, die Liebe, den Schmerz und die Demut. Wir finden alle edlen und frommen Regungen, deren ein reines und aufrichtig ergebenes Herz fähig ist. Und zwar in dem Grad des Entzückens, zu dem die Seele eines Seraphs sich aufzuschwingen vermag. Wie diesen köstlichen Kapiteln eine Stelle entnehmen, ohne ihren wunderbaren Reiz zu schwächen? Es mögen hier die letzten Worte des Heiligen genügen: „O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria! O Jungfrau Maria, du bist voll Milde gegenüber den Armen, voll Zärtlichkeit gegenüber jenen, die zu dir flehen, voll Freundlichkeit gegenüber denen, die dich lieben! O Jungfrau voll Milde gegenüber den Reuigen, voll Zärtlichkeit gegenüber denen, die im Guten voranschreiten, voll Huld gegenüber denen, die dich betrachten! O Jungfrau voll Milde in deinen Besorgnissen, voll Zärtlichkeit in deiner Freigebigkeit, voll Freundlichkeit in dem Geschenk, mit dem du dich selbst gibst! O Jungfrau voll Milde in deinen Tröstungen, voll Zärtlichkeit in deiner Liebe, voll Freundlichkeit in deinen Gesprächen! O Jungfrau voll Milde in deinen Gedanken, voll Anmut in deinen Blicken, voll Entzücken in der Liebe, die du zu den Gerechten trägst! O Jungfrau voll Milde gegenüber denen, die sich dir ergeben, voll Zärtlichkeit gegenüber denen, die ihre Sünden bekennen, voll Beseligung gegenüber denen, die du liebst! O milde, o zärtliche, o süße Maria! Amen.“

 

Wir haben unter den Werken von Sankt Bonaventura auch „Litaneien der seligsten Jungfrau“. Und hier liebt er es gleichfalls, ihre Titel unserem Vertrauen und unserem Flehen nahe zu bringen. Sie ist die Erleuchterin der Herzen, die Quelle der Barmherzigkeit, der Glanz der heiligen Kirche, die liebliche Rose des Lenzes, der Strom der Weisheit, das Licht und die Pracht des Morgens, die Standartenträgerin der Jungfrauen, die Morgenröte des ewigen Lichtes, die köstliche Tafel der Gottheit, der Mundschenk des himmlischen Hofes, der erquickende Schatten, in dem Gott zu ruhen liebt, die Freude der Engel, der Gegenstand der Lobpreisungen und der Verehrung aller Geschöpfe. –

 

(Aus: Geschichte des heiligen Bonaventura von Abbé Berthaumier)