Die Marienbilder und Lieder zu Würzburg

 

Fast jedes Haus zu Würzburg war ehedessen mit einem Marienbild geschmückt. Vom höchsten Turm der Burg schaute die allerseligste Jungfrau und Muttergottes Maria, diese Herzogin des Frankenlandes, im goldenen Prachtgewand weithin in das gesegnete Land. Bischof Julius hat das Bild aufrichten lassen. Vom Turm der Liebfrauen-Kapelle blitzt seit dem 14. Juni des Jahres 1713 das Bild, das Goldschmied Martin Nötzel verfertigt und mit 400 Dukaten vergoldet hatte. – Es befanden sich im Jahr 1732 in der Stadt 33 Altäre und Marienbilder, und 320 Bildstöcke an den Häusern, von denen man viele zur Nachtzeit mit Laternen erleuchtete. 140 Marienbilder waren über die Haustüren und an öffentlichen Plätzen, wie auf die Wände gemalt.

 

Daher das uralte Lied, das wir hier aus einem Gesangbuch wiedergeben, das „aus sonderm Befehl Philippi Adolphi“ im Jahr 1630 bei Elias Michael Zinck in Würzburg gedruckt worden ist.

 

„Von unser lieben Frawen Beschützerin des gantzen Frankenlandes.

 

O himmlische Fraw Königin

Durch alle Welt ein‘ Herrscherin,

Du Herzogin zu Franken bist,

Das Herzogthumb dein eigen ist.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Zu Wirtzburg hast du deinen Sitz,

Das zeigt am Schloß die hohe Spitz,

Darauff dein Bild gläntzt hüpsch und fein,

Wie Gold und wie der Sonnenschein.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Von dir wie du o Jungfrau weißt,

Marienberg der Schloßberg heißt,

Schaw Jungfrau wie auch Grund un Erd,

Dich halten hie im höchsten Werth.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Dich Wirtzburg gar im Hertzen hat,

Dein‘ Kirch‘ steht unten in der Stadt.

Die schöne Kirch‘ Capell‘ genennt

Sich dein und dir geweiht erkennt.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Maria dich liebt Wirtzburg sehr

Wo thut ein‘ Stadt deßgleichen mehr?

Zu Wirtzburg an so manchem Haus

Steht ein Mariä Bild heraus.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Den Dreyssigsten dir Wirtzburg hält

Rorate ist da wolbestellt

Und deine fünff fürnembste Fest

Fast Wirtzburg auf das allerbest.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Auff deinen Gruß gibt Wirtzburg acht

Zu Früh, zu Mittag und zu Nacht,

Den Rosenkranz da haben all‘

Nicht wenig von Perl und Corall.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!

 

Die Bruderschaften ich nicht meld,

Noch deine Bildstöck in dem Feld,

Viel Kinder hie mit Herz und Mund

Dich grüßen schier all‘ Uhr und Stund.

Darumb O Mutter Deine Hand

Halt über uns in Franckenland!“

 

Es war eine ungewöhnlich hohe Zahl von Marienbildern erhalten. In manchen Straßen steht kaum ein Haus, das sich nicht damit schmückte. Fast alle stammen aus der späteren Renaissancezeit und tragen deren Typus. – Wir sehen Maria als die unbefleckt empfangene Jungfrau, auf die Schlange tretend, von Sternen umglänzt, wieder als Mutter mit dem göttlichen Kind, als Mater Dolorosa, die den Leib des Herrn im Schoß hält. Es begegnet uns auch wohl die heilige Familie auf der Pilgerfahrt nach Ägypten, und die Anbetung der Magier. Auch finden sich andere Figuren, wie St. Laurentius, St. Vincentius, St. Sebastianus, St. Ignatius, St. Kilianus und besonders Salvatorbilder.

 

Es ist keine Stadt in Deutschland, deren Häuser so reich mit Bildern in Relief, Rundfiguren und Gruppen versehen waren, aber auch keine, die so herrliche Lieder zu Ehren der gnadenreichen Jungfrau gesungen hat und noch singt. Aus den alten Marienliedern rauscht uns ein Strom der edelsten Begeisterung entgegen. Sie atmen die innigste Liebe, das unbedingteste Vertrauen zur Mutter des Allmächtigen. Wie einfach und naiv diese heiligen Weisen auch scheinen, sie muten uns wunderbar an, wirken in ihrer Fülle und unwiderstehlich, und ein Zauber weht um sie, der sich nur begreift, da sie aus den Tiefen des altkatholischen Volkes heraufklingen. Alle diese Lieder wurden seit Jahrhunderten gesungen, sind unzähligemal durchempfunden und enthalten die Substanz der Gefühle verstorbener Generationen. Und das sangeslustige Volk im Frankenland verstand es, wie keines in Deutschland, mit vollen Harmonien und rhythmischen Bewegungen seine Weisen ertönen zu lassen. Ein so gewaltiger Volkschoral, wie er am grünen Donnerstag vom Leichenhof zwischen dem Dom und Neumünster zu den Himmeln brauste, war auch nur in Würzburg zu hören, und nirgends mehr im deutschen Vaterland! –

 

(Aus: Kunstgeschichte der Stadt Würzburg von Andreas Niedermayer)