Der Birolay Marias

 

Barcelona war eingeschlossen, eng eingeschlossen. Die Belagerungstruppen des Königs von Spanien, Philipp IV. unter dem Befehl seines natürlichen Sohnes Don Juan von Austria gewannen täglich mehr Terrain, indem sie mit überlegener Kraft die geschwächten Catalonier, ihre Rechte und Freiheiten, in täglichen Gefechten und Scharmützeln besiegten.

Am 11. September 1652 bemächtigte sich Don Juan des Klosters Baldoncella , das ihm viele Vorteile gewährte und das er nicht mehr verließ, indem er von da aus die Belagerten unaufhörlich neckte, mehr um sie zu ermüden als anzugreifen, damit sie sich nicht sowohl der Gewalt als der Notwendigkeit ergäben. Zwölf Jahre des Krieges hatten es bis auf das Äußerste geschwächt.

 

Es ist bekannt, dass Catalonien Ludwig von Frankreich, dem Abkömmling der männlichen Linie der Moncadas, als Grafen gehuldigt hatten. Von da ab wurde es von französischen Vizekönigen regiert. Die französische Herrschaft befriedigte aber die Catalonier sehr wenig. Der Hauptirrtum bestand darin, dass Frankreich Catalonien als ein erobertes und nicht als ein verbündetes Land, die Catalonier selbst als ein Volk, das sich verkauft, nicht aber sich geschenkt hatte, betrachtete. Die Unbeständigkeit, Treulosigkeit und anmaßendste Despotie Frankreichs wurde den Cataloniern zum niederbeugendsten Joch.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Don Juan von Österreich fortan in Barcelona täglich mehr und mehr Vorteile errang. Die Catalonier leisteten kaum noch Widerstand, lediglich ihrer Ehre wegen hielten sie aus, und doch war Don Juan wenige Tage zuvor, ehe er sich des Klosters Baldoncella bemächtigte, von einem allgemeinen Angriff, den er von verschiedenen Punkten aus gleichzeitig auf die Stadt machte, vollständig zurückgeschlagen worden.

 

Zu allen diesen Gründen, die bei dem geschwächten Mut der Belagerten viel dazu beitrugen, sie zur Unterwerfung zu bestimmen und so einen blutigen, brudermörderischen Krieg zu beenden, kam noch der gewichtigste von allen: Frankreich gab sie Preis, das meineidige Frankreich kam seinen Versprechungen nicht nach, Barcelona erhielt von seinem Grafen keinen Beistand.

 

Deshalb schickte die Stadt am 4. Oktober einen Parlamentär an den Prinzen ab, um wegen der Übergabe mit ihm zu verhandeln.

 

Am Abend vor seinem Einzug in die Stadt, die sich ehrenvoll und würdig unterwarf, stand Don Juan an einem der Fenster des Klosters Baldoncella. Es war ein ruhiger, freundlicher Abend, nicht das geringste Geräusch ließ sich vernehmen und nur das „Achtung!“ der Schildwache störte von Zeit zu Zeit diese Kirchhofsstille. Plötzlich durchschnitt eine Stimme die Luft, ein melancholischer, eintöniger, hochpoetischer Gesang ließ sich hören. Es war der Gesang einer catalonischen Schildwache, die die Langeweile ihrer schon überflüssigen Wacht mit einen beliebten Marienlied ihres Vaterlandes zu zerstreuen suchte. Und dieses berühmte Lied, das eine freie Umdichtung des alten lateinischen Hymnus: „Salve Regina“ ist und im Volk den Namen: „Der Birolay der allerseligsten Jungfrau Maria von Monserrat“ hat, lautet:

 

„Liebliche Rose, glänzende Sonne,

Leuchtender Stern, Edelstein heiliger Liebe,

Keuscher Topas, harter Diamant,

Kostbarster Rubin, glänzender Karfunkel!

 

Lilie, die alle anderen Blumen überragt,

Wunderbare Morgenröte, Klarheit ohne Schatten,

Du stehst den Sündern bei in allen Nöten,

Bist im großen Sturm Hafen der Sicherheit!

 

Du edler Adler, der am höchsten fliegt,

Königliche Kammer des großen Allmächtigen,

Höre wohl auf meinen dir geweihten Gesang,

Und für alle bittend sei uns Beschützerin!“

 

Don Juan hatte mit der größten Aufmerksamkeit dem Gesang gelauscht. Wie war er doch von religiöser Sehnsucht, von göttlicher Liebe durchdrungen, wie langsam und feierlich rauschte er dahin nach dem Takt einer seltsamen, originellen Melodie, und um wie viel mehr schien er durch die zitternde Stimme eines Pilgers hervorgestammelt, als aus der Bruststimme eines kräftigen Soldaten hervorklingend!

 

Der Fürst drehte sich um und einer seiner Pagen, der hinter ihm stand, ein junger Catalonier, der zweifelsohne die Frage in den Augen seines Herrn las, sagte: „Es ist der Birolay der allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Monserrat!“

 

„Monserrat!“ rief Don Juan aus, „dieser Name ist im Mund aller Catalonier, wie auch meine glorreichen Vorfahren Carl V. und Philipp II. eine geweihte Kerze von Monserrat in der Hand, gestorben sein sollen. Vorgestern noch, in dem Kampf, der bei dem Tor Santa Madrona stattfand, und zu dem ich unglücklicher Weise für die Meinigen zu spät ankam, stimmten die siegreichen catalonischen Soldaten, als sie in die Stadt zurückmarschierten, im Chor dasselbe Lied an.“

 

„Das ist nicht auffallend“, erwiderte der Page, „weil die Sieger einen Teil des Regiments bildeten, das Monserrat heißt und sich unmittelbar unter den Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria gestellt hat.“

 

„Und vor vierzehn Tagen“, fuhr der Fürst fort, „warf sich eine Hand voll Menschen auf eine meiner Wacht-Patrouillen, die sie zerstreuten, indem sie mit der einen Hand grüne Reiser schwenkten, mit der anderen das Schwert hoben und aus voller Brust den Ruf: „Maria von Monserrat! Maria von Monserrat!“ ausstießen.“

 

„Es waren dies einige Soldaten, die vom Besuch des Klosters zurückkehrten, und zum Zeichen, dass sie ihre fromme Wallfahrt beendet haben, die Reiser schwenkten.“

 

„Ach!“ sagte der Fürst, „wir müssen das Kloster auch besuchen, Page, sobald wir in die Stadt des Grafen eingerückt sind. Ich muss den Weg hinaufsteigen und der gnadenreichen Jungfrau Maria meine Verehrung bezeugen, deren Name an sich schon genügt, um den Cataloniern Tapferkeit einzuflößen und deren Schutz ihnen den Sieg sichert!“

 

Und so geschah es.

 

Wenige Tage darauf, nachdem er in die Stadt eingezogen war, vertauschte er sein Kriegsschwert mit dem Pilgerstab und wanderte zu Fuß den beschwerlichen Weg hinan. Er blieb einige Tage in dem Kloster, alles beschauend, alles bewundernd und sagte: „dass er sich als Catalonier, der er als Vizekönig von Catalonien bereits wäre, auch keine andere Beschützerin, keine andere Fürbitterin wünschte, als die heilige Jungfrau des Berges.“

Im folgenden Jahr kam er nochmals ins Kloster, um einer besonderen kirchlichen Feierlichkeit daselbst beizuwohnen, und zum dritten Mal im Jahr 1669, aber schon nicht mehr als Vizekönig, nicht als Fürst, sondern als Flüchtling, fast als Verbannter. Politische Gründe, die hier nicht zu erörtern sind, nötigten ihn, Castilien zu verlassen, und Catalonien aufzusuchen, das, nachdem es ihn zuerst als Feind tapfer bekämpft hatte, ihn nun als königlichen Beschützer verehrte. – In der Tat hatte das kluge Benehmen und das milde Regiment Don Juans in Catalonien dem König Spaniens, Philipp, mehr Freunde erworben, als ihm seine Waffen hätten erwerben können, und so groß war die Liebe, die die Catalonier für ihn und so groß der Hass, den sie gegen die Franzosen, wegen ihrer Unzuverlässigkeit und Falschheit hegten, dass sie ein halbes Jahrhundert später zu Ehren Don Juans, in dem sie das Haus Österreich lieben und achten gelernt hatten, den Kampf zur Verteidigung der Rechte dieses Hauses begannen, einen blutigen, furchtbaren Kampf gegen dasselbe Frankreich, seinen früheren Verbündeten, das den Herzog von Anjou in seinen Ansprüchen auf den Thron von Spanien unterstützte.

 

Don Juan also klopfte nun an die Pforten des Klosters, das ihn, den Verbannten, ebenso ehrenvoll aufnahm, wie früher als Vizekönig und Fürst. Dafür ließ er auch auf seine Kosten die ganze Kirche vergolden, eine Arbeit, die über viertausend Golddukaten kostete. – In dieser Zeit erfreute sich Monserrat auch der Gegenwart zweier erlauchter Besucherinnen. Die Infantin Maria, Tochter Philipps III., damals schon Königin von Ungarn, kam auf ihrer Reise nach Deutschland, dessen Kaiserin sie werden sollte, nach Barcelona, und stieg am 3. Februar 1630 zum Kloster hinauf, nachdem kurz zuvor ihre Nichte, Margaretha von Österreich, die Tochter Philipps IV., zu den Füßen der allerseligsten Jungfrau ihre Andacht verrichtet hatte. Beide ließen kostbare und reiche Geschenke zurück.

Überhaupt zogen damals aus allen Teilen der Welt zahlreiche Scharen frommer Pilger, unter ihnen Fürsten und Vornehme, zu dem Heiligtum. Von allen Seiten wurden die wertvollsten Gaben als Weihopfer übergeben und bei den entferntesten Nationen wurden Tempel „zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria von Monserrat“ erbaut. –

 

(Aus: Monserrat, Sagen und Legenden von Victor Balaguer)