Das Lied "Salve Regina!"

 

Der Dichter dieses Liedes

 

Hermannus, mit dem Zunamen Contractus, hatte den Grafen Wolferad II. von Beringen zum Vater, und die aus vornehmen Geschlecht stammende Hiltrude zur Mutter, und wurde 1013 geboren.

 

Unter der Pflege seiner vorzüglichen christlichen Mutter öffnete sich mit dem Verstand auch sein Herz dem Glauben und der Frömmigkeit. Von zartester Jugend an war er ein Kind des Segens, das Gott den Herrn mit dem Herzen eines Engels liebte. Er wuchs wie im Alter so auch in der Erkenntnis, als ihn im sechsten Jahr eine Krankheit befiel, die, als Folge von Erkältung, sein leibliches Wachstum plötzlich hemmte und alle seine Glieder zusammenzog, von woher er den ihm von seinen Zeitgenossen gegebenen und in der Geschichte bewahrten Beinamen: „Contractus, der Zusammengezogene“ erhielt.

 

Diese Heimsuchung hemmte ihn, dem Unterricht in seinem ganzen Umfang weiter zu folgen, den er seit seiner Kindheit erhalten hatte. Seine Leiden, seine Schwächen wirkten ja auch auf seine geistige Entwicklung nachhaltig zurück. Er konnte in diesem beklagenswerten Zustand keine tiefe, echte Bildung erlangen und sein Geist blieb sonach ein Brachfeld. Sein Herz jedoch blieb es nicht. Gott wirkte in ihm und erleuchtete ihn mit dem Licht des Glaubens, erfüllte ihn mit christlicher Liebe, beseligte ihn mit der Hoffnung im Kreuz Jesu Christi, und zierte und bereicherte ihn mit den Tugenden der Auserwählten. Er machte also große Fortschritte in der Wissenschaft des Seelenheils, dieser Wissenschaft aller Wissenschaften. Und wenn er in irdischen Dingen nicht von Kenntnis zu Kenntnis gelangte, so gelangte er, was ja unendlich mehr gilt, von Tugend zu Tugend in der Nachfolge Jesu und Marias.

 

In dieser Bedrängnis brachte Hermann zehn Jahre, schwer gebeugt durch körperliche Leiden und Ungelehrsamkeit in weltlichem Wissen, jedoch in stets innigster Verbindung seines Herzens mit Gott, zu.

 

Inzwischen betete er mit Inbrunst zu Gott und der allerseligsten Jungfrau Maria, seine Krankheit zu heilen und ihm vollkommene Gesundheit und den Gebrauch seiner Glieder wieder zu schenken, um sich kräftiger ihrem Dienst weihen und alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu ihrer Verherrlichung anwenden zu können. Seine Bitten blieben nicht ohne Erfolg. Gott und Maria erhörten ihn und setzten ein Ziel den Leiden und Entbehrungen, denen dieses Kind unterworfen gewesen, dadurch aber auch von der frühesten Jugend an in der heldenmütigsten Geduld geübt worden war.

 

Eines Tages nun, nach einer noch andächtiger als jemals empfangenen heiligen Kommunion, nach der Hermann sich rückhaltlos dem lieben Heiland und seiner gütigen Mutter aufgeopfert hatte, erschien ihm Maria und sprach zu ihm: „Mein Kind, es ist den anbetungswürdigen Absichten Gottes gemäß, in deinem Siechtum die Macht und die Güte des Herrn zu offenbaren. Deine Ergebung war ihm wohlgefällig. Deine täglichen Gebete sind zu ihm aufgestiegen und er will sie erhören. Bis jetzt fehlte dir die Gesundheit und die Wissenschaft. Weder dein Körper noch dein Geist hatte ein fröhliches Gedeihen. Verlange also eine dieser beiden Gaben: Gesundheit oder Wissenschaft! Bezeuge es, welche von diesen beiden Gaben du vorziehst und dein Wunsch soll erfüllt werden!“

 

Hermann besann sich nicht lange. Trotz den Peinen, die ihm seine Krankheit bereitete, begehrte er die Wissenschaft, die er als die Leuchte erkannte, durch die er sowohl sich selbst, als auch den Schöpfer und seine Werke, alles Sichtbare und Unsichtbare, besser erkennen werde.

 

Und die heilige Jungfrau erwiderte: „Du sollst also die Wissenschaft erlangen. Und von Gott füge ich dir noch eine andere Gabe hinzu, durch die du die erste wirst besser geltend machen können, es ist die Gabe der Gesundheit, die dir gleichfalls seit so vielen Jahren mangelt.“

 

Dieses Versprechen erfüllte sich schnell. Hermann wurde plötzlich geheilt. Die Kraft und Gelenkigkeit wurde seinen Gliedern wieder gegeben und sein Verstand nahm schnell und ohne Anstrengung die Wissenschaften auf, die in seinen Bereich gehörten.

 

Um Gott besser dienen und sich dem Studium ohne Zerstreuung widmen zu können, verließ Hermann die Welt, nahm in einem Alter von 30 Jahren das Ordenskleid des heiligen Benedikt und schloss sich in das Kloster von St. Gallen ein. Er machte hier solche Fortschritte in den Wissenschaften und Künsten, dass er in kurzer Zeit als ein Wunder der Gelehrsamkeit galt. Die Heilige Schrift, die Weltweisheit, die Geschichte, die Astronomie, die schönen Wissenschaften, die Musik, die lateinische, griechische, hebräische und arabische Sprache, kurz – alles eignete er sich schnell und ungezwungen an, und er wurde in allen diesen Kenntnissen so eingeweiht, dass er für den gelehrtesten Mann seiner Zeit galt.

 

Man besitzt eine Chronik und andere Werke von ihm, die seinem Geist Ehre machen.

 

Als Denkmal seiner Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, dieser Königin seines Herzens und seiner Wohltäterin, dichtete und komponierte er unter vielen anderen Hymnen und Antiphonen auch den wunderbaren Marien-Gruß:

 

„Salve Regina, Mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra salve!

Gruß dir, Königin, der Barmherzigkeit Mutter! Du, unser Leben, Wonne und Hoffnung, Gruß dir!

 

Ad te clamamus exules filii Hevae!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas!

 

Ad te suspiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle!

Zu dir seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Tal der Tränen!

 

Eja ergo advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte!

Darum wende du, unsere Fürsprecherin, voll Erbarmen deine Blicke auf uns!

 

Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!

Und zeig uns, nach unserer Verbannung, Jesum, die gesegnete Frucht deines Leibes! –

 

O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria!

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!”

 

(Die letzte Zeile, der Schlussruf besteht aus Worten des heiligen Bernard)

 

Die Kirche hat diesem Hymnus die Ehre erwiesen, ihn in ihre Gebets-Liturgie aufzunehmen. Welch eine hehre Anerkennung für den Verfasser dieses Marien-Grußes! Wie viele Huldigungen sind bereits durch ihn von unserer Erde zum Thron der Gebenedeiten des Herrn emporgestiegen, und wie viele Gnaden gelangten dadurch vom Himmel und aus den Händen der Mutter der Barmherzigkeit in unsere Wüste herab! –

 

Das Sterbe-Stündlein des Dichters dieses Liedes

 

Im Kloster wurde Hermannus Contractus der Lehrer des Mönches Berthold. Und dieser Schüler bezeugt von dem Dichter des so hehren Muttergottes-Liedes: „Salve Regina!“ folgendes:

 

Hermann war ein fleißiger Handhaber der Demut und Liebe, von wunderbarer Geduld und gar schnell im Gehorsam, ein Freund der Keuschheit und Beschützer jungfräulicher Unschuld, ein freudiger Verehrer der Barmherzigkeit, ein unbesiegbarer Kämpfer für die katholische Wahrheit, ein bewährter Prediger der christlichen Religion, ein Mann von nicht geringer Bescheidenheit, Mäßigkeit und Enthaltsamkeit. Als Ordensbruder wurde er ein rechter Pfleger eines heiligen und ehrbaren Lebens. Höchst wohlwollend, gesprächig, angenehm und leutselig, betrug er sich gegen alle so, dass er zu allen tüchtig und bereitwillig sich finden ließ und deswegen von allen geliebt wurde. Er war ein unermüdeter Feind und Streiter gegen Unbilligkeit, Ungerechtigkeit und Bosheit jeder Art, kurz alles dessen, was Gott zuwider ist. So war Hermann als Mensch und Ordens-Bruder. Und gleich ausgezeichnet erscheint er auch als Gelehrter.

 

Nur eine kurze Laufbahn war dem wackeren Mann beschieden. Und als Gottes Gnade endlich seine fromme Seele für würdig hielt, dass sie aus dieser irdischen Prüfungsschule befreit würde, ergriff ihn ein Anfall, der ihn zehn Tage darniederlegte. Er litt beinah unausgesetzt und schrecklich an diesem tödlichen Anfall. Da eines Morgens früh, als ich, den er vor allen zum Vertrauten hatte, nach versehenem Gottesdienst dem Kranken nahte, und ihn fragte: ob er sich etwas besser befinde, antwortete er: „Du sollst nicht sage ich, solches nachforschen; vielmehr horche auf das, was ich dir, auf den ich nicht wenig vertraue, erzählen will. Ohne Zweifel werde ich gleich sterben, und dann genesen: daher empfehle ich dir und all den Menschen einzig und allein meine sündige Seele. Die ganze Nacht hindurch war ich in einer Art von Verzückung. Es däuchte mir, als ob ich den Hortensius des Tullius Cicero, ebenso, wie wir das Gebet des Herrn zu lesen pflegen, wachend gelesen und wieder gelesen hätte; noch ist mir der Sinn des Gelesenen geblieben. Auch die Handschrift der Materie über die Laster, welche ich mir vorgenommen habe zu diktieren, habe ich gelesen, wie wenn sie schon geschrieben gewesen wäre, und noch mehr der Art. Dieses Lesen nun hat bei mir so große Verachtung und Ekel gegen diese Welt, mit allem, was sie hat, und selbst gegen dieses Leben, so wie im Gegenteil – nach jener zukünftigen und unvergänglichen Welt – ein solches Verlangen und Liebe erregt, dass ich all dies Vergängliche gleichsam für Nichts und Eitelkeit und für Tand erachte! Mich schmerzt es, noch zu leben!“

 

Ich, über diese Erscheinung und Rede nicht wenig erstaunt, zerfloss ganz in Tränen, wie es auch recht war, über den Hingang eines solchen Lehrers und Freundes, und konnte kaum mich halten, dass ich nicht gegen allen Anstand laut weinte.

 

Hierauf sagte Hermann: „Wolle nicht, mein Freund, über mich weinen, sondern vielmehr frohlockend mir Glück wünschen! Nimm hier meine Schrift, und was noch daran zu schreiben ist, das verbessere fleißig, und dann erst übergib es geschrieben denjenigen, welche es würdigen. Du aber denke täglich daran, dass du sterben musst. Bereite dich immer vor auf diese Reise mit allem Streben und Trachten, weil du nicht weißt, an welchem Tag oder zu welcher Stunde du mir, deinem liebsten Freund, folgen musst!“

 

Das waren seine letzten Worte.

 

Hernach wurde seine Mattigkeit von Tag zu Tag größer und er nahte seinem Ende. Gänzlich auf das Himmlische gerichtet – empfing er, nachdem er seine Sünden aus dem Grunde des Herzens gebeichtet hatte, voll Demut das Mahl des Herrn. – Mehrere, die um ihn zusammenströmten, Brüder, Freunde und Vertraute sangen, beteten und weinten einstimmig, bis er endlich eines sanften Todes, was er immer vor allem gewünscht hatte, verschied, am 24. September 1054, der glückliche und unvergleichliche Mann. – Er hinterließ den Seinigen nichts, als viele Tränen! –

 

Das Entstehen der Schlussworte zu diesem Lied

 

Der heilige Bernardus, Abt von Clairvaux, hatte sich im Jahr 1146, von Papst Eugen III. dazu beauftragt, auf den Weg gemacht, um die Begeisterung der Deutschen nach Palästina zu lenken, das wieder vielfach von den Ungläubigen bedroht wurde, und durch ihre Übermacht den Christen wieder leicht konnte entrissen werden. Aus der Schweiz, über Straßburg, war er den Rhein herabgefahren und landete am Vorabend des hochheiligen Weihnachtsfestes vor Speyer. Er kam. In feierlichem Zug, mit Kreuz und Standarten, voraus die Zünfte mit brennenden Kerzen und Zunftzeichen, gingen ihm der Bischof, die Geistlichkeit und die Bürger von Speyer entgegen, und führten ihn, unter Glockengeläut und Gesängen, durch die Stadt hinauf an das Münster, wo der Kaiser Konrad und die Fürsten des Reiches ihn, als des Papstes Legaten, mit Ehrerbietung empfingen.

 

Unermesslich war das Zuströmen der Menge. Aus der Nähe und Ferne waren sie gekommen – den heiligen Mann zu sehen, dessen Wort als Gottesspruch (divinum oraculum), er selbst als Wundertäter verehrt wurde.

 

Unter dem lauten Lobgesang „Salve Regina!“, den Hermannus Contractus ehedessen zum Preis der glorreichen Himmelskönigin Maria gedichtet hatte, bewegte sich der Zug hinauf zum Chor, den verehrten Mann in der Mitte, auf dessen frommen Sinn die erlauchte Versammlung der Ersten des deutschen Reichs, ihren Kaiser, das Oberhaupt der christlichen Welt, an der Spitze, die zuströmende Menge der Gläubigen und die Herrlichkeit des weitberühmten Gotteshauses, besonders tiefen Eindruck machen mochten.

 

Und als nun die letzten Worte des Lobgesangs verklungen waren, da setzte der fromme Abt, von Begeisterung fortgerissen, nach den Worten:

 

„Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!

 

Und zeig uns, nach unserer Verbannung, Jesum, die gesegnete Frucht deines Leibes!“

 

mit denen seither immer, und auch hier, der Hymnus schloss, noch die dichterischen Ausrufungen hinzu:

 

“O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria!

 

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!”

 

Diese Worte wurden von da an in allen Kirchen der christlichen Welt gesungen bis auf den heutigen Tag, im Speyrer Dom aber jeden Tag durch das ganze Jahr der ganze Hymnus. Und die Speyerer beschlossen, das Andenken an den Heiligen, sowie an die Worte, die zuerst in ihrem Münster zum Lob der allerseligsten Jungfrau Maria, des Doms Patronin, aus seinem Mund erklungen waren, noch auf eine andere bleibende Weise der Nachwelt zu überliefern.

 

In dem mittleren Gang des Langhauses ließen sie vier Messing-Platten in den Boden einlegen, auf denen obige Worte eingegraben standen. Auf der ersten: „O clemens!“ – auf der zweiten: „O pia!“ – auf der dritten: „O dulcis!“ – auf der vierten: „Virgo Maria!“ – in vier Entfernungen, dreißig Fuß voneinander. Die erste beim großen Tor, die letzte dicht an den Treppen des Königschores, zu den Füßen des hochberühmten Marienbildes daselbst.

 

Diese vier Messing-Platten sind aber, und vielleicht schon beim Dom-Brand vom Jahr 1689, verschwunden. An ihrer Stelle sieht man jetzt nur noch vier von Stein eingelegte siebenblätterige Rosen, jede drei Fuß im Durchmesser, gerade unter den vier Kreuzgewölben des Langhauses.

 

Die Entfernung der Platten – je dreißig Fuß voneinander – gab zu der Sage Veranlassung: Der heilige Bernardus habe bei jedem Gruß einen dreißig Schuh langen Sprung gemacht. –

 

Die Verehrung dieses Liedes bei den Dominikanern

 

Der gelehrte Dominikaner-Mönch Johann Benedikt Perazzo, der uns in seinem berühmten Werk „Ecclesiastes Thomisticus“ auch eine Erklärung des „Salve Regina!“ hinterlassen hat, berichtet über diesen marianischen Hymnus: dass er, gemäß einer Anordnung der Oberen des Dominikaner-Ordens, täglich nach vollendeter Complet in der Mitte der Kirche von allen Ordens-Brüdern in feierlicher Weise gesungen wurde. – Dieser Gebrauch rührt aber von dem seligen Jordanus her, der zum „Salve Regina“ eine ganz besondere Andacht hatte. Einmal nämlich, während dieser Antiphone im Chor gebetet wurde, sah der fromme Ordensmeister, wie die heilige Muttergottes, begleitet von vielen seligen Geistern des Himmels, durch die Gänge des Klosters zog und mit Weihwasser die Zellen der Brüder segnete. –

 

Mehrere Päpste haben all denen, die diese Andacht mitbeten, Geistlichen, sowie Laien, einen Ablass von mehreren Tagen verliehen. –

 

Wie nun alles, was neu beginnt, mit Widersprüchen zu kämpfen hat, und wenn es auch ein Institut ist, das besonders die Ehre Gottes und das Heil der unsterblichen Seelen anstrebt, insbesondere, alsbald die Nachstellungen des bösen Feindes erfahren muss, um durch das Feuer der Trübsal erprobt zu werden, so hatte denn der Dominikaner-Orden bei seinem Beginn gleichfalls viele Drangsale zu erleiden.

 

Damit indessen der Orden in all diesen Prüfungen sich des besonderen Schutzes der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin erfreuen könnte, so wurde auf dem General-Capitel, das unter Jordan, dem ersten Ordens-General nach dem heiligen Dominikus, im Jahr 1224 gehalten wurde, verordnet: dass von nun an in allen Conventen und Klöstern des Ordens täglich nach vollendeter Complet von allen Brüdern und Schwestern das „Salve Regina!“ gebetet werden sollte, und zwar in der Weise, dass sie, sobald das Brevier-Gebet geschlossen sei, je Zwei und Zwei aus den Chorstühlen hervortreten, den Hymnus anstimmen, in Prozession bis zur Mitte der Kirche vorschreiten, dort sich einander gegenüber stellen, den heiligen Gesang vollenden und nach Abbetung der zum Hymnus gehörigen Oration wieder in den Chor sich zurückbegeben.

 

Das Capitel von Valenz bestimmte jedoch (1647) in der sechszehnten Verordnung, dass die Ordens-Mitglieder die Worte:

 

“Eja ergo advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte,

Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exilium ostende!“

 

gegen den Altar gewendet und auf den Knien liegend beten sollen. – Und zum Zeichen, dass die durch Marias Fürbitte erlangten Gnaden gleich einem wohltuenden Regen, der auf dürre Felder herniederträufelt, die Seelen erquicke, mussten zwei Priester, indessen der Hymnus gesungen wurde, diese Ordens-Mitglieder, sowie auch die anwesenden Laien, mit Weihwasser besprengen. –

 

Nicht selten sah man während dieser Andacht die glorreiche Himmelskönigin erscheinen und den Sängern ihren Segen erteilen, woraus genugsam erhellt, wie angenehm ihr dieses Opfer der Verehrung sei. –

 

Der heilige Bernardus, der das „Salve Regina!“ in mehreren Reden erklärt hat, sagt (in der ersten Rede) über den hohen Wert und die Reichhaltigkeit dieses Hymnus: „Von Heiligen ist dieses Lied verfasst, von Heiligen ist es eingeführt, darum wird es nur von Heiligen würdig benützt werden, denn, in der Tat nur von religiösen, in heiliger Begeisterung glühenden Gemütern wird es nach seiner Zartheit verstanden und mit Erbauung gesungen werden. Es ist so süß in der Bezeichnung der Gnadenwege, so fruchtbar zur Anregung heiliger Empfindungen, so tiefgehend in der Erörterung der Geheimnisse, dass es von uns nie nach Verdienst betrachtet und erläutert werden kann. Da es aber so lieblich in unserem Ohr erklingt, wirkt es sanft belebend auf alle Gefühle, befruchtet durch deren Fülle den Geist, und wendet uns, so zu sagen, mit dem Mark der Seele hinan zur Königin der Heiligen, zu unserer Fürsprecherin, die wir, gleich als ob wir sie mit leiblichen Augen zu sehen vermöchten, als gegenwärtig begrüßen.“ –

 

In vielen Diözesen wird das Lied „Salve Regina!“ auch nach den Begräbnissen gesungen, um die allerseligste Jungfrau Maria um ihre mütterliche Fürbitte für die armen Seelen im Reinigungsort recht inniglich anzuflehen. –

 

(Aus: Erscheinungen der Jungfrau Maria von Paul Sauceret)