Wilde Blumen

 

Nicht umsonst hat einst der göttliche Heiland seine Zuhörer auf die Blumen des Feldes aufmerksam gemacht und ihre Schönheit gepriesen und den himmlischen Vater als ihren Erhalter und Ernährer dargestellt. Auch sie wollen wir daher berücksichtigen und ihre mannigfache Verwendung im Heiligtum im bunten Durcheinander uns vergegenwärtigen. Damit soll nicht verlangt sein, dass es geschehen muss, sondern gezeigt werden, wie es geschehen kann. Greifen wir hier also einiges heraus.

 

Da haben wir das blaue Veilchen (Viola odorata), das uns um die Osterzeit allerorts entgegenlacht, in Töpfen und Sträußen gewiss eine schöne Zierde des Osteraltares, besonders als untere Deckung und Füllung bei höheren grünen Bäumen und Pflanzen.

Auch das holde Vergissmeinnicht (Myosotis palustris) kann am Fronleichnamstag in Sand auf Tellern eine herrliche Zierde der Hausfenster abgeben, besonders wenn man noch einige andere Gartenblumen daruntermischt.

Die Kornblume (Centaurea Cyanus) verdient einen Platz im Blumengarten. Denn mit ihren langen Stielen ist sie praktisch für Sträuße.

Die Ackerkamille (Anthemis arvensis) ist ebenfalls eine schöne Blume, die man in Bouquets oder als Streuwerk der Straßen am Fronleichnamstag sehr wohl verwerten kann.

Die Dotterblume (Catha palustris) blüht im ersten Frühjahr auf feuchten Wiesen und kann nicht selten bei Anfertigung von Sträußen aushelfen.

Der Ehrenpreis (Veronica officinalis) verdient seiner Vergissmeinnicht ähnlichen Farbe wegen Verwendung und eignet sich im Blumengarten besonders in den kultivierten Arten vortrefflich zu Einfassungen.

Das Maiblümchen des Waldes (Convallaria majalis) sieht die Maienkönigin im lieblichen Strauß gewiss freudig zu ihren Füßen.

 

Die Waldschlüsselblume (primula elatior) mit ihren hellgelben Doldenblüten eignet sich gewiss dazu, Platz in einem schönen Altarstrauß zu finden. Der Heideginster (genista pilosa) kann mancherorts denselben Zwecken dienstbar gemacht werden. Auch hier hat man eine Sorte für den Blumengarten gezüchtet, die so schön ist, dass sie verdiente, in Töpfen kultiviert zu werden.

Die Wasserschwertlilie (Iris Pseudo-Acorus) ist ebenfalls für den Landmann fast regelmäßig eine gesuchte Blume, um sie am Fronleichnamstag zu verwenden. Besonders ist das Laub, die Schwerter sehr geeignet, um kahle Stellen an bekränzten Pfosten oder an Triumphbögen unten am Boden zu verkleiden. In Stücke geschnitten, dient es vielerorts fast als einziges Streuwerk der Straßen an diesem Tag.

 

Die gemeine Zaunrebe (clematis vulgaris), die ich oben wegen ihrer zierlichen Fruchtansätze schon nannte, verdient als Heckenunkraut mit ihren herrlichen weißen Blüten auch hier einen Platz. Denn auch ihre Blütensträuße eignen sich ausgezeichnet zu Bindereien. Diese Pflanze hat aber eine großartige Kultur durchgemacht und sind deren an 200 verschiedene Sorten zu haben. Obwohl sie ein Rankengewächs ist, so gibt es doch auch schwach und gar nicht rankende Sorten, die in kurzer Zeit bei ihrer leichten Kultur gewiss unsere Altäre bald mit ihrem großartigen Blütenflor verschönern werden.

 

Mustern wir schließlich noch das Körbchen der Bräutchen am Fronleichnamstag, da finden wir gewiss die Klatschrose oder den Ackermohn (Papaver Rhoeas), den Wiesenhahnenfuß oder Butterblume (Ranunculus repens), das Gänseblümchen oder Tausendschön (Bellis perennis), die weiße große Gänseblume oder falsche Kamille (Leucanthemum vulgare) und viele andere.

 

Wie sinnreich diese wilden Blumen von den Landleuten oft angewandt werden, zeigt gerade diese fast verachtete große Gänseblume. Im vergangenen Jahr hatte ein hiesiger Bürger am Fronleichnamsaltar ein großes Kreuz errichtet, es mit blauem Papier bedeckt, die Ränder schön eingefasst und die Mitte und Breitseite ganz mit solchen großen Gänseblumen bedeckt, die er mit Leim derart befestigt hatte, dass sie nur geringen Zwischenraum voneinander hatten. Das nahm sich schön und herrlich aus. Andern Ländern und Gegenden sei an dieser Stelle als Altarschmuck empfohlen, was Gottes freie Natur von selber liefert, gleichviel ob es hier genannt ist oder nicht. Denn es ist keine Frage, dass der wilde Flor Deutschlands und der nördlichen Klimaten mit den entsprechenden Himmelsstrichen Nordamerikas kaum einen Vergleich aushalten kann.

 

 

Denn in Gottes freier Natur ist der Blumengarten für die Armen, um sich am Fronleichnamstag ihren Strauß zu winden und dem vorüberziehenden Heiland hinzustellen. Und ich bin überzeugt, dass er auch auf diese Sträuße mit Wohlgefallen herniederschaut. Wer es aber anders haben kann, der gehe nicht auf die Landstraßen und an die Zäune, sondern hole das Beste herbei aus dem Blumengarten und vom Blumenbrett und bringe es an diesem Tag zum Lob des Allerhöchsten dar.