Geschmack und Grundsätze

 

Über den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht diskutieren. Nichts desto weniger will ich einiges über die Kirchendekoration hier erörtern. Geschmacklos sind alle künstlichen und nachgemachten Blumen, geschmacklos ist ebenso eine Überhäufung als ein Verschwinden des Schmuckes, geschmacklos ist das ewige Einerlei, geschmacklos sind Blumen, Vasen und Pflanzen von einer Sorte und Farbe, geschmacklos sind alte abgeblasste, verwelkte und beschmutzte Kränze und Girlanden, auch wenn sie eingefärbt und mit neuen „verzierten Blümchen“ versehen würden. Über diese Geschmacklosigkeit, glaube ich, ist wenig zu disputieren.

 

Zum guten Geschmack für kirchliche Schmückung gehört daher vor allen Dingen die Blumenfreundschaft, und nach dem Geschmack an lebendigen Blumen richtet sich dann auch die Gruppierung zum Kirchen- und Altarschmuck. Und hier gilt vor allem: Varietas delectat! Damit soll nun nicht gesagt sein, dass man bei jeder Dekoration neue Pflanzen auf den Altar stellen müsste, sondern damit sei gesagt, man suche sein Material womöglich jedes Mal etwas zu ändern, und ein verändertes Ensemble, wenn auch mit demselben Material, herzustellen. Sehr viel kommt zu dem Zweck der jedesmalige Altar in Frage. Tabernakelaltäre mit niedrigem Aufsatz lassen sich entschieden viel reicher, geschmackvoller und schöner dekorieren als Aufsatzaltäre. Bei reichgearbeiteten Altären darf entschieden nicht so viel Pflanzenschmuck verwendet werden als bei kunstlosen und ordinären. Auch muss man Sorge tragen, dass der Schmuck von unten nicht durchlöchert und durchbrochen erscheint, sondern gleichsam aus grünem Grund sich aufbaut, während oben einige Pflanzen einzeln hervortreten dürfen. Besonders schöne Topfpflanzen mit Blumen schaffe man an die Seiten des Tabernakels. Auch suche man gewöhnliche Blumentöpfe zu verdecken, schöne Vasen rücke man etwas in den Vordergrund. Wenn möglich sorge man, dass eine grüne Hinterwand an verschiedenen Stellen von Blumen durchbrochen ist. Die schönsten Bouquets sind jene, in denen das zierliche und feine Grün vorherrscht und jedes Blümchen zur vollen Geltung kommt. Paarweise machen z.B. Fuchsienbäumchen mit gleichen oder ähnlichen oder unähnlichen Glöckchen auf der Mitte der Kerzenbänke unten aus niedrigen Topf- und Blattpflanzen hervorschauend gar wunderbaren Effekt. Rechts und links stellt man einen Blumenstrauß daneben und die Dekoration ist gewiss geschmackvoll. Zweige, selbst Maien – und Kränze von Moos oder Bux oder gar erst von Papier halte ich am Hochaltar in der Kirche nicht wohl am Platz. Gewöhnlich schließen diese ihn in steife Formen ein. Auch ist es gut, auf solche Pflanzen zu spekulieren, die vom Hintergrund der Altarfarbe möglichst abstechen.

 

Um alles das zu erreichen, will ich hier nun einige Grundsätze aufstellen:

 

1. An jedem höheren Feiertag im Jahr suche man dem Altarschmuck ein anderes Tableau zu geben. Das ist durchaus nicht schwer, besonders an den Hauptfesten, weil an jedem sowohl der Topfflor als der Gartenflor ein anderer ist.

 

2. So lange als möglich suche man mit den Topfpflanzen Blumensträuße in Vasen mit Wasser untereinander zu stellen. Dadurch gewinnt der Schmuck an Lebhaftigkeit, Wohlgeruch und Schönheit.

 

3. Am Hochaltar bringe man stets das Schönste an und verwende das nicht für die Seitenaltäre oder gar vor Bildern. Der Grund ist einleuchtend.

 

4. Je blumenreicher die Jahreszeit, umso weniger Laub- oder Blattpflanzen am Hochaltar. Es bedarf keines Beweises, dass Blumen das Schönste ist aus der Pflanzenwelt, und wenn man es haben kann, soll man dem Herrn das Schönste zum Opfer bringen. Am Fronleichnamstag sei der Glanzpunkt der Dekoration.

 

5. Man mische nicht natürliche Blumen und gemachte. Das ist einmal nicht notwendig und das andere Mal nur schön in den Augen derer, die es gemacht haben. Es ist nicht notwendig, denn im Winter blühen keine oder nur sehr wenige Blumen, und darum hat niemand das Recht, solche zu fordern. Das andere Mal aber ist eine solche Vermischung Täuschung und Unwahrheit, und das soll vom Altar fern sein.

 

6. Man ziere der Höhe des Festes entsprechend schöner und reichhaltiger. Das gehört zur Ordnung und Hebung der Feststimmung.

 

7. Man geize nicht mit seinen Blumen und Pflanzen für das Gotteshaus. Wie abscheulich nimmt es nicht aus, wenn am Fenster des Pfarrhauses die schönsten Blumen stehen, und an Sonn- und Feiertagen die Altäre wenig oder gar keinen Schmuck aufzuweisen haben.

 

8. Man sorge auf beiden Seiten des Tabernakels stets für Symmetrie, sowohl was die Höhe, als die Dichtigkeit der entsprechenden Pflanzen und Blumen betrifft und sorge möglichst für gleiche oder ähnliche oder entsprechende Pflanzen, so dass sie paarweise zur Verfügung stehen.

 

9. Den gemachten und verzierten Blumen erkläre man ein für alle Mal den Krieg. Ist nichts anderes da, behelfe man sich so gut es geht, sorge aber für lebendige Pflanzen, verlege sich auf die Blumenzucht und in kurzer Zeit wird der papierne Flitter verschwinden.

 

10. In sehr hellen Kirchen verwende man Pflanzen mit dunklem Grün und dunkelfarbigen Blumen. In mehr dunklen Kirchen stehen helle Pflanzen und Blumen am schönsten.

 

11. Man bleibe stets bei den kirchlichen Vorschriften und lasse sich durch nichts verleiten, davon abzuweichen.

 

Niedrige, effektvolle Blattpflanzen und schöne Schlinggewächse suche man an entsprechende Stellen zu platzieren, auf Pfosten, Vorsprüngen, Ecken etc. Dann aber richtet sich der Geschmack eben sehr viel nach der Kirche und dem Altar, mit dem man es zu tun hat. Im Einzelnen kann davon hier nicht die Rede sein, sondern nur im Allgemeinen. Mit der Zeit aber bekommt man Routine auf diesem Gebiet und späht sich manches Plätzlein als sehr geeignet aus, um das man sich früher vielleicht nie bekümmert hat. Wer übrigens ein wenig ästhetisches Gefühl hat, wird mit lebendigen Blumen selten geschmacklos dekorieren, denn das meiste gibt sich da an jedem Altar von selbst.