Berechtigung der Pflanzenwelt als Schmuck des Heiligtums

 

Die lebendige Pflanzenwelt hat ihre Berechtigung als Schmuck des Heiligtums in vielseitigster, ja in allseitigster Weise. In den ersten Kapiteln sahen wir, dass sie mit dem Heiligen und Heiligsten auf das Innigste verwachsen ist. Wir sahen auch, dass eine vielseitige ganz innige Beziehung der Pflanzenwelt zum Heiligtum zu finden ist. Und schließlich, dass das, was die Welt in den Blumen und ihren Farben sucht, in unendlich schönerem und höherem Grad in Bezug auf die Kirche und seinen Bewohner gefunden wird. Nichts steht in der Pflanzenwelt mit dem Schmuck des Heiligtums in unpassendem Kontrast oder Widerspruch.

 

Was Gott erschaffen hat, hat er erschaffen zu seiner Ehre, zum Nutzen und zur Freude seiner Geschöpfe, das ist eine kirchliche Wahrheit. Zum letzteren aber gehört das ganze Pflanzenmaterial, das wir hier im Auge haben. O wie schön, wenn wir das, was unsere Sinne und Herzen und Augen erfreut, unserm Schöpfer nahe rücken, um auch sein Herz dadurch zu erfreuen.

 

Nicht selten bezeichnet man den Schauplatz der Natur als einen Dom oder Tempel, und mancher Ungläubige gaukelt sich vor, darin seinen Gottesdienst genügend halten zu können. Wenn nun das nach Gottes und der Kirche Anordnung auch nicht genügt, so liegt doch etwas Domartiges auch für den besten Christen in der imposanten Naturgestaltung, besonders zur Zeit der Vegetation. Alles vereinigt sich zum Preis des Allerhöchsten. Ist es nun unrecht, wenn wir unsere Gotteshäuser dem Dom der Natur ähnlich zu gestalten suchen? Was tun wir da anders als dem heiligen Fingerzeig Gottes Folge leisten?

 

Und wie steht es im gewöhnlichen Leben? Man will einem Freund, einem hoch- und höchstgestellten Herrn bei besonderer Veranlassung danken, einen Geburtstag, einen Namenstag, einen Hochzeitstag, eine Büste oder Statue, ehren, beglückwünschen, da greift man in die Pflanzenwelt, zum Blumenstock, zum schönen Strauß, zum Myrten-, zum Efeu- und zum Lorbeerkranz. Nun, der Schmuck an den Festen des Herrn und seiner Heiligen ist dasselbe, nur unendlich erhabener, geist- und gemütsvoller in der seiner Idee und in seinen Motiven. Und da, wo man anderweitige Geschenke als Anmaßung abweisen würde, da bricht selbst die Blume sich noch Bahn zum Herzen. Nimmt selbst der deutsche Kaiser frohbewegt einen Strauß von Kornblumen entgegen! Und die Kirche, unsere Mutter, räumt dem Pflanzenschmuck im Gotteshaus die erste Stelle ein. Sie hat nichts dagegen einzuwenden, sie sieht es gern, sie schreibt es vor, sie weist Angriffe zurück und lobt das kindliche Gemüt, das mit diesem Material Tempel und Altäre ziert.

 

Dann aber ist der Pflanzenschmuck ein wahrer, echter und lebendiger Schmuck, den Gott selbst geschaffen und gebildet, und an dem geschmacklose Köpfe, geistlose Ideen und kunstlose Formen noch nicht ihr Pfuscherhandwerk versucht haben. Wahr und echt ist hier alles bis zum Leben und darum voll und ganz berechtigt, eine Zierde des lebendigen Gottes zu sein.

 

Dieser Schmuck ist natürlich und doch so kunstvoll und so geheimnisvoll und so wunderbar, dass die Weisheit aller Menschen nicht im Stande ist, auch nur ein einziges lebendiges Grashälmchen zu konstruieren. Und je mehr man mit diesem Schmuck sich befasst, umso tiefer dringt man ein in die Geheimnisse der Natur, in die Weisheit des Schöpfers, in die Höhe und Tiefe des allmächtigen Schöpfungsplans.

 

Hier gestaltet sich eine Abwechslung und Verschiedenheit vor unseren Augen, die großartig und bewunderungswürdig erscheint. Werfen wir nur einen Blick auf die Blätter, da finden wir lange und breite, in allen geometrischen Formen gemusterte, in klarem, intensivem, vollem, leuchtendem, glänzendem, durchsichtigem, schillerndem Grün, das sich in allen möglichen Lauten, Tönen und Nuancen produziert. Da haben wir helles und dunkles Grün, Blau-, Violett-, Gelblich-, Rötlich-, Aschgrau-, Apfel-, Oliven-, See-, Schilf-, Smaragd-, metallisches Grün und Silberconflexen, Gold- und Seidengrün, Grün mit Pünktchen, Flocken, Adern, Strichen, Kreisen und Rändern, mit wechselnden und variierenden Tüpfchen. Fürwahr großartig! Daher kann, abgesehen von der Mannigfaltigkeit der Blumen, Farben und Wohlgerüche, die meine Feder nicht zu schildern im Stande ist, vom ästhetischen Standpunkt aus ein herrlicherer Schmuck des Gotteshauses nicht gedacht werden, als die Pflanzenwelt ihn liefert. An dieser Stelle will ich denn auch nicht vergessen beizufügen, dass der gotische Baustil sein Spitzbogensystem von den Formen der Palmbäume entnommen hat.

 

Nehmen wir zuletzt den praktischen Standpunkt. Fast wie das Wasser zur hl. Taufe ist die Pflanzenwelt überall zu haben zum Schmuck des Gotteshauses. Ob reiche, ob arme Kirchen, keine braucht dieses Schmuckes zu entbehren. Mit Geld und ohne Geld kann man sich ihn verschaffen, und den man einmal hat, kann man bei Topfpflanzen immer wieder benutzen, ohne dass er verdirbt, beschmutzt wird und sich verschlechtert. Ja, eine Reihe von Jahren hindurch werden solche Pflanzen von Jahr zu Jahr schöner, buschiger und blühender. Unterhaltungskosten fordern sie gar keine, nur ein wenig Aufmerksamkeit, Wasser und Pflege sind genug zu ihrem Leben, und dafür danken sie uns täglich durch ihren Anblick, ihr schönes Grün und ihre Blüten.

 

Niemand kann daher diese Berechtigung der Pflanzen als Schmuck des Gotteshauses bestreiten. Und sollte es dennoch jemand wagen, so dürfte bei solchen die Ursache in Nachlässigkeit und Bequemlichkeit zu suchen sein, die sich mit der Blumenzucht Gott zu Liebe nicht befassen mögen.