Maria und die Eucharistie

 

Es soll Katholiken geben, die bei der heiligen Kommunion ängstlich bemüht sind, nur an Jesus und nicht etwa an seine Mutter zu denken. Und es soll Priester, ja sogar Bischöfe geben, die nur widerstrebend vor dem in der Monstranz ausgesetzten Allerheiligsten eine Muttergottesandacht halten oder es als „unmöglich“ ansehen, dass ein Marienbild über dem Tabernakel angebracht wird. Sie meinen offenbar, Maria habe mit der Eucharistie nicht viel zu tun, zum mindesten müsse die „Ordnung“ eingehalten werden. Ein Gedanke an sie in dem Augenblick, da man sich mit Jesus vereinigt, ein Gebet zu ihr, wenn der Herr in der Hostie hoch auf dem Altar vor der Gemeinde thront, sei unangemessen, wenn nicht gar ungehörig.

 

Dabei gehören Jesus in der Eucharistie und Maria auf das engste zusammen! Sehen wir nur genauer hin:

 

Ist die Eucharistie nicht jene heilige Handlung, in der das Kreuzesopfer von Golgatha in unserer Mitte gegenwärtig wird? Kann man aber dieses Opfer, die Heilige Messe, feiern, ohne der Mutter Jesu zu gedenken? Die Opfergabe, die Priester und auch die Gemeinde dem himmlischen Vater in der Messe darbringen, ist doch der Leib Jesu Christi, „uns gegeben, uns geboren aus der Jungfrau keusch und rein“ (Hymnus „Pange lingua“ vom heiligen Thomas von Aquin). Und ist die Eucharistie nicht das Fleisch Christi, das wir beim Opfermahl der Messe als Speise unserer Seele empfangen? Dieses Fleisch aber hat der Herr unter der Überschattung des Heiligen Geistes „angenommen aus Maria, der Jungfrau“ (Credo der Heiligen Messe). Maria hat die Opferspeise wesentlich mitbereitet. Nicht nur das. Sie nahm in besonders enger Weise teil an der Opferhandlung von Golgatha, die auf dem Altar erneuert wird. Als Jesus den Kreuzweg ging, war Maria an seiner Seite, und als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte, da stand sie zum Zeichen der Einheit mit ihm, unter dem Kreuz. Von Marias Anteil am Opfer ihres Sohnes sagt Papst Benedikt XV.: „Um unserer Erlösung willen gab sie ihre mütterlichen Ansprüche auf Jesus preis und opferte ihn, soweit es auf sie ankam, der göttlichen Gerechtigkeit hin, so dass man mit gutem Grund sagen kann, sie habe zusammen mit Christus die Menschheit erlöst.“

 

Maria war also nicht nur durch die natürlichen Bande des Blutes einzigartig mit Christus verbunden. Zwischen ihnen herrschte „die Einheit des Leidens und Willens“, so dass Maria, wegen ihres Zusammenhanges mit dem Opfer Jesu, die „Wiederherstellerin der verlorenen Welt“ und „die Mittlerin aller Gnaden“ wurde (Pius XI.).

 

Ist es also, da Maria und die Eucharistie dermaßen innig miteinander verbunden sind, ungebührlich, während der Heiligen Messe und bei der heiligen Kommunion auch an sie zu denken? Ihr zu danken, dass sie sich in selbstloser Weise zu unserer Erlösung in den Dienst Christi gestellt hat?

 

Wir sollten aber auch aus einem anderen Grund an Maria denken, wenn wir das eucharistische Opfer feiern und zum Tisch des Herrn gehen: dann wie von ihr die rechte Haltung lernen.

 

Müssen wir nicht gestehen, dass wir bei der Heiligen Messe oft oberflächlich sind? Können wir behaupten, dass wir immer mit der gebührenden Haltung kommunizieren? Eine schöne landläufige Redeweise besagt, der Katholik nehme bei der heiligen Kommunion Christus in sein Herz auf. Trifft das in Wirklichkeit zu? Schließen wir tatsächlich unser Herz für Christus auf? Lassen wir ihn in die Mitte unseres Wesens ein? So dass die Kraft der Eucharistie unser Inneres bis in die tiefsten Gründe durchströmen kann? Wir Katholiken leiden vielfach an einer Krankheit, die heute weit verbreitet ist: an der Spaltung unserer Person. Wir haben uns selbst gespalten! Wir verstehen es, die verschiedenen Schichten unseres Seins voneinander zu trennen, etwa so wie ein Autofahrer mit Hilfe der Kupplung den Motor seines Wagens vom Getriebe trennt. Vor allem die innerste Kammer unseres Ich, in der wir die geheimsten Gedanken denken, die entscheidenden Taten beschließen, schirmen wir wie mit einem Eisernen Vorhang gegen jede Macht, die von außen eindringen will, fugendicht ab. Auch gegen die Macht, die uns in der Brotsgestalt ergreifen und erfüllen will. Selbstsüchtig, wie wir sind, geben wir Jesus nicht unser Herz preis. Kann es, da wir uns so verhalten, Wunder nehmen, wenn unser Kommunionempfang nicht genug Früchte bringt? Die Fruchtbarkeit eines Samenkorns wird entscheidend mitbestimmt von den Bedingungen des Bodens, in den es fällt. Der Same des eucharistischen Brotes muss, um sechzig- und hundertfältige Frucht bringen zu können, in das Erdreich des menschlichen Herzens fallen, sonst verdorrt oder erstickt die keimende Saat wie jene, die auf felsigen Boden und unter die Dornen fiel.

 

Aber wir Christen spalten nicht nur unsere Person, wir spalten auch unsere Zeit. Und wie wir von unserer Person für Christus statt des Kernes nur die Schale übrighaben, so schenken wir ihm von unserer Zeit nur ein paar dürftige Stunden am Rand. Gerade die Zeit, in der wir arbeiten, die Welt mitgestalten, Menschen beeinflussen, diese entscheidende Zeit enthalten wir Christus vor. Wen wundert es, dass die Zeit, in der wir leben, unser Jahrhundert, nicht von Christus geprägt ist, da wir Katholiken unsere Zeit nicht von Christus prägen lassen?

 

So ist es höchst notwendig, dass wir heutigen Katholiken an Maria denken, auf ihr Beispiel schauen, um zu lernen, wie wir unsere Halbheit überwinden können und in der rechten Weise die Heilige Messe mitfeiern, die heilige Kommunion empfangen.

 

Was wir bei uns beklagen müssen: die Gespaltenheit unseres Wesens, die Verschlossenheit, die kalte Unentzündbarkeit unseres Herzens Christus gegenüber, fehlte bei ihr ganz und gar.

 

Sie war, so kann man sagen, unter allen Menschen die erste, die die heilige Kommunion empfing. In der Verkündigungsstunde von Nazareth kehrte der Sohn Gottes in sie ein, nicht wie bei uns unter den sakramentalen Gestalten, sondern „leibhaftig“. Wie aber hatte sie sich für dieses Kommen Christi bereitet! Vom ersten Augenblick ihres Daseins an gehörte sie ganz ihm. Sie war Jungfrau und wollte Jungfrau bleiben. Das heißt: sie wollte als Braut einzig dem Herrn zu eigen sein. Als sie „Ich bin die Magd des Herrn!“ sprach, öffnete sie Christus ihre ganze Person bis hinab in den mütterlichen Grund. Alle Kräfte und Säfte ihrer Natur, das Sinnen und Sorgen ihres Herzens trat in den Dienst ihres göttlichen Kindes.

 

Auch die unselige Spaltung der Zeit, des Lebens in ein Sonntagschristentum und Werktagsheidentum, war ihr völlig fremd. In den Monaten zwischen Verkündigung und Geburt lebte sie in mütterlicher Hingabe ausschließlich für das Kind in ihrem Schoß. Arbeit für Christus war der Inhalt ihres Daseins in den dreißig Jahren des verborgenen Heilandslebens zu Nazareth. „Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh!“ das blieb bei Maria nicht nur ein schöner Vorsatz, das machte sie Tag für Tag im Leben wahr.

 

Gibt es eine bessere Schule, die rechte Art der Mitfeier der Heiligen Messe, die rechte Haltung für den Empfang der heiligen Kommunion zu erlernen, als das lebendige Vorbild Marias?

 

Noch ein dritter Grund muss uns bewegen, die Mutter des Herrn im Zusammenhang mit der heiligen Eucharistie nicht zu übersehen. Maria gibt nicht nur das beste Beispiel, wie wir die Heilige Messe mitfeiern und uns für das Kommen des Heilandes rüsten sollen: Maria kann uns für Christus bereiten!

 

Weil die Kraft Christi ungehemmt, wie in ein offenes Gefäß, in sie einströmen konnte, und sie nun randvoll füllt, darum stellt auch sie eine Kraft dar, eine Kraft, die uns oberflächliche, geteilte Katholiken aus unserer Ichversponnenheit und Halbheit ganz auf die Seite Christi zu ziehen vermag. Der Herr hat sie vom Kreuz herab uns zur Mutter gegeben. Mit der Mutteraufgabe erhielt sie auch Muttermacht. Was der Mensch aus eigenem nur schwer fertigbringt, gelingt dem mütterlichen Einfluss Marias leicht: ein Herz für den Herrn aufzuschließen. Tiefer als sie, die am innigsten mit Christus litt, kann uns niemand das lebendige Verständnis des eucharistischen Opfers vermitteln. Besser als sie, die ihn neun Monate unter dem Herzen trug, vermag kein Mensch sonst uns in das Geheimnis der heiligen Kommunion einzuführen. Unter ihren linden Mutterhänden heilt die unser Wesen spaltende Wunde der Ichsucht zusammen. In der Sonne ihrer Mutterliebe blüht unser Herz Christus entgegen. Sie kann den Samen des göttlichen Lebens, der bei der heiligen Kommunion in unser Herz gesenkt wird, am besten betreuen und pflegen, bis Christus geheimnisvoll in unserer Seele neugeboren wird, und wir zum vollen Mannesalter Christi heranwachsen.

Dr. E. Monnerjahn S.A.C.

in „Rosenkranz“, Juni 1956