Maria und das Apostolat

 

Die heute von Gott gewollte marianische Bewegung erschöpft sich nicht darin, Maria bloß persönlich zu verehren und sie nachzuahmen, sondern es muss auch das heute immer klarer ins Bewusstsein tretende Mysterium ihrer soteriologischen (erlösenden) Mittätigkeit auch uns zur aktiven Mitarbeit am Heil der Seelen bewegen. Dabei ist aber auch die Art und Weise, wie Maria zur Erlösung beigetragen hat, vorbildlich. Marianisches Apostolat ist nicht identisch mit dem sich auch im Religiösen oft austobenden Aktivismus unserer Tage, der es in Methode, Statistik und manchmal auch Raffinesse den „anderen“ gleichtun will, der aber auch oft genug nur den peinlichen Eindruck einer gewissen Verlegenheit erweckt, weil eben unter allen Umständen etwas getan werden muss. Marianisches Apostolat ist nicht etwas Mechanisches, sondern zunächst einmal etwas durchaus Lebendiges. Und weil Mariens Mittätigkeit an der Erlösung vor allem in der Geburt ihres Sohnes zu Betlehem und in der Opferdarbringung ihres Sohnes auf Golgotha gipfelt, darum muss auch unser apostolisches Wirken eine unter persönlichen Opfern bewirkte Zeugung Christi in uns und in den Mitmenschen sein. Der heilige Ludwig Maria Grignion von Montfort war es, der diesen übernatürlichen Zeugungsvorgang des marianischen Apostolates in lichtvoller Klarheit geschaut hat, und seine Gedanken hierüber können eigentlich nicht oft genug überdacht werden. In seiner sogenannten „Vollkommenen Andacht“ schreibt er:

 

„Wenn der Heilige Geist Maria in einer Seele gefunden hat, so eilt er zu ihr hin, zieht mit seiner ganzen Fülle in diese Seele ein und teilt sich ihr überreichlich mit, und zwar in dem Maß, als die Seele seiner Braut Raum gewährt.“

 

Und nun folgt eine Bemerkung, die aufhorchen lässt; denn sie gilt nicht nur für die Zeit Grignions, sondern auch für unsere Gegenwart:

 

„Eine der Hauptursachen, warum der Heilige Geist gegenwärtig keine auffallenden Wunder in den Seelen wirkt, liegt darin, dass er diese Seelen nicht innig genug mit seiner getreuen und unzertrennlichen Braut vereinigt findet.“

 

Diese beiden wundervollen Texte sind aber im Grunde nur eine Umschreibung des Glaubensartikels: „Er hat Fleisch angenommen aus Maria der Jungfrau und ist Mensch geworden“; d.h. wenn Christus auch heute noch in den Seelen geboren werden will – und dies ist ja das Ziel unseres persönlichen Vollkommenheitsstrebens und unserer ganzen apostolisch-missionarischen Arbeit – dann geschieht dies auf keinem anderen Weg als dem von Nazareth und Betlehem, nämlich „durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau“. Es ist müßig zu sagen, dass damit nie und nimmer Maria und der Heilige Geist auf eine Stufe gestellt werden und dass diese gnadenhaften Vorgänge nicht im physischen Sinn verstanden werden dürfen; trotzdem handelt es sich um durchaus wirkliche (metaphysische) Geschehnisse in der Seele.

 

Um aber zu Grignion zurückzukehren, so will er mit den beiden angeführten Texten wohl dieses sagen: Wenn Christus in den Seelen gezeugt werden soll, dann muss in ihnen jene marianische Empfänglichkeit vorhanden sein, auf Grund derer dann der Heilige Geist das Wunder der Gottesgeburt wirken kann. Nichts ist darum verhängnisvoller als diese Haltung des demütigen „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“ theoretisch und praktisch leugnen zu wollen. Hier scheint nun aber auch der tiefste Sinn der Weltweihe an Maria zu liegen. Der Papst übergibt als Stellvertreter der ganzen Menschheit diese Welt, die dem Göttlichen und Religiösen abgestorben ist, dem Mutterherzen Mariens, damit sie als Ausdruck der zuvorkommenden Gnade diese erkalteten Herzen erst wieder einmal für Gott empfänglich mache; und jetzt erst, wenn diese Seelen zur demütigen Haltung der Magd des Herrn zurückgefunden haben, kann der Heilige Geist sich auf sie niedersenken, und jetzt erst kann es wieder Pfingsten werden auf der ganzen Erde.

 

Was in Fulda 1954 geschah (Weihe Deutschlands an das Unbefleckte Herz Mariens), war im Grunde nichts Neues, sondern nur die Wiederaufnahme einer alten Reichstradition. Nur mit tiefster Ergriffenheit liest man die Worte, die Kurfürst Maximilian I. von Bayern (gest. 1651) mit Blut niedergeschrieben hatte, um so seine Weihe an Maria zu vollziehen: „In mancipium tuum me tibi dedico consecroque, Virgo Maria. Maximilianus peccatorum coriphaeus“, dir, o Jungfrau Maria, übergebe ich und weihe ich mich als Leibeigener. Maximilian, der größte der Sünder. Erst nach seinem Tod fand man dieses Schriftstück verschlossen in einem Kästchen, das sich unter dem Tabernakel des Altöttinger Gnadenbildes befand.

 

Ebenso hat Kaiser Ferdinand III. sich Maria geweiht in einer Form, die völlig an die spätere Weiheformel Grignions erinnert: „Dir weihe ich mich, die Meinen, Gattin und Kinder, dir das Römische Reich, an dessen Spitze mich Gott stellte. Dein also bin ich, dein sind alle, die mein sind; dein meine Besitzungen und Länder, dein das Reich, dein die Völker und Heere. Du beschütze sie. Du siege, du herrsche und regiere in ihnen! So gelobe ich in frommer Gesinnung und Ergebenheit, dein Ferdinand, 1640.“

 

Wie bezeichnend ist doch folgendes Ereignis aus der Zeit der beginnenden Aufklärung. Am 5. September 1658 kniete Kaiser Leopold I. „allerdemütigst“ in der Gnadenkapelle zu Altötting, um von Maria, der „Himmelskönigin das neue angetretene Kaisertum zum Lehen zu nehmen und sich, seine Untergebenen und Leute unter den Schutz Mariens wider seine Feinde zu stellen.“ Was für eine gewaltige Konzeption spricht aus dieser Handlung! Schließlich dürfen wir ja nicht übersehen, dass die ganze Barockkultur eigentlich ein marianisches Pfingsten darstellt.

 

Der flandrische Jesuit Johann Sandäus schrieb mitten im 30jährigen Krieg ein Buch „Maria aquila mystica“, Maria, der mystische Adler. Er geht hier aus von dem Wort der Geheimen Offenbarung, dass „der Frau beide Flügel des großen Adlers gegeben wurden“ (12,14). Das vorletzte Kapitel seines Buches, das sich aus Vorträgen vor der Kölner Marianischen Kongregation zusammensetzt, überschreibt er: „Aquila renovans“, wobei er sich an das Psalmwort erinnert: „Renovabitur ut aquila iuventus tua“, deine Jugend wird sich wie die eines Adlers erneuern (Psalm 102,5). Das gilt auch von unserem persönlichen Leben, wenn wir es von Maria tragen lassen; das gilt erst recht von den Völkern und von unserer ganzen Zeit, wenn wir sie der Frau mit den Adlerflügeln, Maria anvertrauen. Sie wird dann einmal nach dem Tod unsere Seelen auf den Berg der Ewigkeit hinübertragen, sie wird auch die erlöste Menschheit über den großen Weltenbrand hinweg zur Sonne geleiten, die Christus ist, ihr Sohn, in das Reich Gottes, das auf einer neuen paradiesischen Erde seinen ewigen Anfang nehmen wird und über das der Pfingstgeist ewig seine Schwingen breitet.

 

Prof. Dr. R. Graber

aus einem Vortrag auf der Pfingsttagung

der MCen in Würzburg 1955