Für eine bessere Welt

 

Maria ist die Morgenröte unseres Heils, der Heilige Frühling, der Immerwährende Mai in Kirche und Menschheit, unsere mächtige Helferin bei dem Bemühen um eine bessere Welt. Alles, was Pius XII. bislang zur Verherrlichung Mariens getan hat: die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz der Gottesmutter, die Dogmatisierung ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel, die Proklamation des Marianischen Jahres und die Einsetzung des Festes vom Königtum Mariens, das wir in diesem Jahr erstmals feiern, will der Verwirklichung seines Herzensanliegens diesen: der „besseren Welt“ der Kinder Gottes unter der milden Königsherrschaft Christi. In dieses Strombett münden die Linien der Geschichte und die Führungen der göttlichen Vorsehung, und der gläubige Christ steht ergriffen vor diesem immer deutlicher erkennbaren Sinn unserer bis in die Fundamente erschütterten Gegenwart. Ihr tiefer Sinn ist: das Zeitalter Jesu anzubahnen, die Große Heimkehr zu Ihm – durch die so offensichtliche und gnadenreiche Heimsuchung Unserer Lieben Frau!

 

Öffnen wir in Ehrfurcht das Buch der göttlichen Ratschlüsse, soweit der Herr uns Einblick schenken will – Er, der allein die sieben Siegel der Geschichte zu lösen vermag!

 

Auf der ersten Seite stehen die beiden heiligen Namen: Jesus und Maria! Geschrieben mit absoluter göttlicher Festigkeit! Beschlossen, gewollt und geliebt vor aller Zeit! In unzertrennlicher Zweieinheit einander zubestimmt und von Gott an den Anfang aller Dinge und an die Spitze des Menschengeschlechtes gestellt! Ihnen gebührt die Königsherrschaft über das Universum, über die Engel- und Menschenwelt: Ihm, Christus dem Herrn, der das Haupt des Menschengeschlechtes ist, der Anfang und das Ende, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und Maria, seiner jungfräulichen Mutter und Gefährtin, die durch ihr mütterliches Fiat Ihm die Herzen öffnet, damit Mensch um Mensch, Generation um Generation sich in Glaube, Liebe und Treue einfüge in die Gliedschaft seines geheimnisvollen Leibes, durch Ihn Anteil gewinne an der Gnade der Gotteskindschaft und hingeführt werde vor das Angesicht des himmlischen Vaters.

 

Und nun folgt Seite um Seite die Geschichte der Welt: geschrieben von göttlicher Allmacht und Weisheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – und von menschlicher Mitwirkung, menschlichem Versagen, menschlichem Trotz und menschlicher Reue – und von den hass- und neiderfüllten Machenschaften des Widersachers, der nur auf die Zerstörung des göttlichen Heilsplanes und das ewige Verderben des Menschengeschlechtes sinnt. Wir lesen Seite um Seite. Vertraute Namen begegnen uns: Adam und Eva, Noah, Abraham, Mose, David, Menschen der Sehnsucht, Zeiten auf Christus hin! Und dann jene unendlich kostbaren Blätter mit dem Bericht über das Leben, Leiden und Sterben des Herrn und die Teilnahme seiner Mutter. Alsdann jene, auf denen die Geschichte des neuen Gottesvolkes steht: die Heldengeschichte der Frühzeit, die glorreiche Geschichte des gläubigen Mittelalters, dessen Dome bis zum Himmel strebten. Und jene, die von der Entchristlichung der letzten Jahrhunderte berichten, vom Substanzverlust an Glaube und Liebe, vom wachsenden Egoismus, von dem beängstigenden Massenabfall, von der Generalmobilmachung der infernalen Geister, von der tödlichen Bedrohung durch den kämpferischen Atheismus, der seine Hand nach der Weltherrschaft ausstreckt – aber auch von dem Elend des verlorenen Sohnes fern vom Haus des Vaters. Und schließlich jenes Blatt, auf dem unsere Generation – und ein jeder von uns – die Geschichte unserer Tage schreibt.

 

Es ist die Zeit eines atemberaubenden Wettlaufes. Vordergründig: in Forschung und Industrie, in dem unaufhaltsamen Wettrüsten aus Angst vor dem Gegner und der allgemeinen Vernichtung. Aber auch hintergründig. Darauf hat Pius XI. hingewiesen: das Gute und Böse liege in einem gewaltigen Wettkampf: deswegen habe niemand das Recht, heute mittelmäßig zu sein: aber man müsse stolz sein, heute leben zu dürfen und Mitspieler zu sein in dem gewaltigen Drama unserer Tage. Es geht darum, wer das Weltimperium gewinnt: Christus oder der Widersacher. Die Gesamtmenschheit ist zum Bewusstsein ihrer Einheit und Zusammengehörigkeit erwacht. Die asiatischen und afrikanischen Völker drängen ungestüm an ihren Platz in der Gemeinschaft der Welt. Die Religionen und Kulte ihrer Vorfahren brechen zusammen. Sie alle stehen vor der Notwendigkeit einer religiösen Umorientierung. Die Entscheidung wird in unserer Generation vollzogen werden. Wie wird sie ausfallen? Für Christus? – Oder die entsetzliche Fehlentscheidung wider Christus für den materialistischen kämpferischen Atheismus?

 

Das ist unsere Stunde: groß, herrlich, entscheidungsreich! Jede Epoche muss im Lauf der Menschheitsgeschichte ihre menschliche Zustimmung geben zu jenem ewigen Ratschluss Gottes, der Jesus und Maria an die Spitze der Menschheit gesetzt hat. Welche Entscheidung wird unsere Generation treffen? Für Jesus und Maria? Dann kommt die bessere Welt! Oder für den Widersacher und die Gewaltherrschaft der Finsternis? Es ist in der Tat ein atemberaubender Wettlauf. Wer wird ihn gewinnen?

 

Trotz allem steht unsere in die Entscheidung gerufene, von den Dämonen gejagte Zeit unter dem Zeichen Mariens, und das bestärkt unsere Hoffnung, dass ein besseres Zeitalter, das Zeitalter Jesu, sich anbahnt. Wie viele marianische Tatbestände haben die Päpste der letzten hundert Jahre in die Geschichte unserer Tage eingetragen? Pius IX. verkündete 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis; vier Jahre später antwortet die Immaculata in Lourdes, und auf dem Vatikanischen Konzil wird das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet. Leo XIII., der Rosenkranzpapst, weiht das neue Jahrhundert dem heiligsten Herzen Jesu. Pius X. erklärt, die Verehrung Mariens sei das beste Mittel zur Verwirklichung seines Regierungsprogrammes: der allgemeinen Erneuerung in Christus, damit alle durch Christus Kinder des Vaters werden! Zwar seien die Zeiten verhängnisvoll, aber vor unseren Augen leuchte der Regenbogen, die mildherzige Jungfrau; ihr Anblick versöhnte Gott; die mächtige Jungfrau werde bei uns sein selbst in den verzweifelsten Lagen und den Kampf gegen den Widersacher siegreich vollenden! Pius XI., der die Laien zum Apostolat ruft, der die Schäden der entchristlichten Gesellschaftsordnung klar mit Namen nennt: Gottlosigkeit, Materialismus, Egoismus und Ungerechtigkeit; der durch das Christkönigsfest die wahren Fundamente einer gottes- und menschenwürdigen Gesellschaftsordnung aufzeigt; derselbe Papst hat uns das Fest von der Mutterschaft Mariens geschenkt und erneut zum Rosenkranzgebet aufgefordert. Und schließlich der gegenwärtige Papst! Er vollendet die Selbstbesinnung der Kirche auf ihr eigentliches Wesen: sie ist der „Geheimnisvolle Leib Jesu Christi“, der in unerschöpflicher Fruchtbarkeit für jede neue Aufgabe neue Glieder ausbildet: Orden, Bewegungen, Vereine, die alle ihre besondere Art und Sendung haben, aber dennoch unter einer letzten gemeinsamen Leitung stehen und einander gliedhaft dienen. Christus ist das Haupt, der Heilige Geist das Lebensprinzip, Maria die Herzmitte und Mutter wie schon im Pfingstsaal. Wie sehr haben wir gerade unter Pius XII. die katholische Weite und Fülle erlebt! Wie sehr bleibt gerade bei diesem „marianischen Papst“ die Gestalt und Verehrung Mariens „in Ordnung“: immer im Gefüge des Ganzen, im Dienst Jesu und seines Reiches! Das gilt von den eingangs erwähnten marianischen Taten dieses Papstes und ebenso von seinen Bemühungen um die „bessere Welt“. Nie wird Maria vergessen, immer „steht sie im Dienst“ und in der Ordnung des Ganzen! Es sind oft Kleinigkeiten, aber sie sind bezeichnend. Am Vorabend des Marienfestes (10. Februar 1952) richtet Pius seinen „Weckruf“ an die Stadt Rom. War nicht schon Fatima im Jahr 1917, als Pius die Bischofsweihe empfing, die himmlische „Vorankündigung“ einer besseren Welt? In Erfüllung des Auftrags von Fatima weiht Pius am 7. Juli 1952 die Völker Russlands der Gottesmutter. Russland wird sich bekehren! Die Ausdehnung des Weckrufes auf alle Diözesen Italiens geschieht am 12. Oktober 1952, wo zur selben Zeit in Fatima unübersehbare Scharen das Gedächtnis der Erscheinungen begehen. Kleinigkeiten, die zeigen, dass Maria „dabei ist“. Das „Marianische Jahr“ sollte die „Große Heimkehr“ ins Vaterhaus beschleunigen und den Widersacher aus der Welt verjagen: „Wo Maria herbeinaht, flieht der Teufel, wie die Finsternis sinkt, wenn die Sonne aufstrahlt“, erklärt der Papst am 8. Dezember 1953.

 

Und nun das Fest vom Königtum Mariens! Es ist die Aufforderung an uns alle, dem Wettlauf des Bösen zuvorzukommen, den rechten Menschheitsentscheid anzubahnen und in die Geschichte unserer Tage unser Amen einzutragen als Zustimmung zu jenem göttlichen Ratschluss, der Jesus und Maria an die Spitze der Welt gestellt hat. Das ist die bessere Welt der Kinder Gottes unter der milden Herrschaft Jesu und Mariens!

 

Helft alle dabei mit! Es grüßt Euch von Herzen

Euer

P. Ferdinand Kastner S.A.C.

„Rosenkranz“, 63. Jahrgang

Provinzialat der Pallottiner, Limburg/Lahn

Mai 1956, S. 132-134