Votiv-Gemälde

 

1. Anna von Österreich, vermählt mit Ludwig XIII. König von Frankreich, lebte dreiundzwanzig Jahre in kinderloser Ehe.

 

In seiner Not unternahm das königliche Ehepaar zahlreiche Wallfahrten nach Notre Dame de Liesse, um sich durch die milde Fürsprache Marias bei Gott, dem Spender alles Lebens, einen Thronerben zu erflehen. Mit den inbrünstigsten Gebeten brachte es auch reiche Opferspenden in dem Heiligtum der Mutter des Herrn, und noch jetzt sieht man darin ein Gemälde, das beide darstellt, wie sie hier in der tiefsten Demut ihre Bitt-Andacht verrichten.

 

Da kam endlich dem ausdauernden Gebet, dem „Gebet ohne Unterlass“, die Gewährung durch Marias Huld und Gnade: Ludwig XIV. wurde am 5. September 1638 geboren, und das französische Volk nannte ihn in seiner Mitfreude wegen dieses wundersamen Ereignisses „Dieu donné, von Gott geschenkt“.

 

Die tugendhafte Anna, deren Vertrauen während ihrer Kinderlosigkeit so groß gewesen, hatte kaum ihren Sohn geboren, als sie ihn auch derjenigen darstellte, durch deren Fürsprache sie ihn erlangt hatte. Und sie bestimmte auch, dass ein in ihrem Auftrag ausgeführtes und von ihr der Kirche Notre Dame de Liesse geschenktes Gemälde auf die Dauer das Andenken an diese Widmung Ludwigs XIV. an Maria durch seine Mutter bewahrte. –

 

2. Nahe bei dem Tor Bourguillon (zu Freiburg in der Schweiz) an der linken Seite der Straße, die dahin führt, erhebt sich eine ziemlich hübsche kleine Kapelle, im Jahr 1700 erbaut, in deren äußeren Nischen man vierzehn Statuen von Heiligen aufgestellt hat. Zwei oder drei von ihnen sind recht anziehend. Das Innere bietet nichts Bemerkenswertes dar, als die zahlreichen Zeugnisse von dem Glauben der Einwohner. Die Mauern sind nämlich mit Votiv-Gemälden bedeckt, die die durch die Jungfrau Maria gewirkten Wunder bezeugen, unter deren Anrufung dieser kleine Tempel errichtet worden ist. Schlichte Bilder und noch schlichtere Inschriften beurkunden das Ereignis, wodurch die Macht der göttlichen Beschützerin sich offenbart hat. Das eine stellt einen Greis auf dem Totenbett dar, den eine Erscheinung heilt; das andere eine Frau, die nahe daran ist, von einem Wagen zermalmt zu werden, und ein wildes Pferd, das eine unsichtbare Hand plötzlich aufhält; das dritte einen Menschen, nahe daran zu ertrinken, den das gehorsame Wasser auf Befehl der Jungfrau ans Ufer trägt; schließlich das letzte: ein Kind, das in einen Abgrund fällt und dessen Sturz die Flügel eines Engels mäßigen. – Ich habe die unter der letzten Zeichnung befindliche Inschrift abgeschrieben, sie lautet, mit Ausnahme der Fehler, die das Original enthalten: „Am 26. Juli ist von der Höhe des Felsens im Hauses der Brüder Bouger gefallen – Joseph, Sohn des Johann Vincenz Colly, Bürgers von Freiburg, fünf Jahre alt, von Gott und der heiligen Jungfrau bewahrt, ohne irgend Schaden zu leiden.“ – Ich ließ mir den Ort zeigen, wo der Fall stattgefunden hatte. Das Kind ist von einer Höhe von beinahe 180 Fu? Herabgestürzt. –

 

(Aus: Geschichte des Königs von Frankreich Ludwig XIV.)