Die goldene Krone für Maria

 

Der schöne Platz vor der Kirche „Santissima Annunziata“ zu Florenz wird an Sonn- und Festtagen fast nicht leer von Kirchgängern, denn sie ist die beliebteste und anmutigste in der ganzen Stadt. Die Equipagen des hohen Adels halten oft die ganze Front besetzt, während ihre Inhaber vor den Beichtstühlen und an den Altären der Kirche knien. Auch der Hof kommt mehrmals im Jahr, um hier seine Andacht zu verrichten. Ja, an einem Sonntag im Mai kann man einen großen Teil der Bevölkerung des umliegenden platten Landes hier festlich versammelt sehen. Prozessionen kommen zum Teil stundenweit her, der Himmelskönigin Maria ihr Frühlingsopfer zu bringen. Fast die ganze Gemeinde schließt sich dieser Huldigung an. Die Mädchen eröffnen den Zug, die jüngsten voran, alle in weißen Kleidern und mit dem oft fein gestickten und mit silbernen Nadeln an dem kohlschwarzen Haar befestigten hellen Schleier geschmückt. Ihnen folgen die Frauen, meist in dunkleren, nicht selten seidenen Kleidern. Den Mittelpunkt bildet ein kleines Kind, das in weißem, lustigem Gewand, mit vergoldeten Flügeln, einen Engel darstellend, auf einem Esel reitet, der zugleich das Fässchen frisch gepressten Olivenöls und andere Gaben trägt, die der heiligen Jungfrau dargebracht werden, damit sie auch heuer wieder ihre Fürbitte für eine gesegnete Ernte bei Gott einlege. Die Männer, wieder von den Knaben beginnend, meist zu Bruderschaften vereint und in die ihnen eigentümlichen Kutten und Kapuzen verhüllt, schließen unter Gesang den Festzug. –

 

Das Innere der Kirche von St. Annunziata ist sehr reich dekoriert, auch fehlt es nicht an Werken der bildenden Kunst von bedeutendem Wert, unter denen Andrea del Sartos berühmte Fresken in der Vorhalle den ersten Rang einnehmen. – Ein Bild aber ist es vor allem, das durch seine wunderbare Entstehung nicht minder als durch seine wundertätigen Wirkungen berühmt ist, die hilfsbedürftigen Gläubigen in die Kirche ruft, und dessen Umgebung nie leer wird von Flehenden, die rings um das vergoldete Gitter der Kapelle knien, die ihm als Schrein dient. Es ist eine Verkündigung Mariä, al fresco gemalt, dem Anschein nach aus dem Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. – Einst, so erzählt die fromme Sage, war der berühmte Maler Frau Bartolomeo, nach mannigfachen Versuchen an dem Gelingen seines Werkes verzweifelnd, über demselben eingeschlafen. Als er wieder erwachte, siehe! da war das Bild vollendet von Meisterhand, so dass er selbst in staunend andächtiger Verehrung vor ihm niederfiel. Ein Engel, den die gebenedeite Gottesmutter selbst gesendet hat, hatte es mit unsterblichem Pinsel geschaffen. Von nah und von fern strömten alsbald die Gläubigen hinzu, das Engelbild zu verehren, bei dem viele Wunder geschahen. Das Servitenkloster, dem diese Kirche angehört, wurde durch die von allen Seiten her fließenden Spenden der Gläubigen endlich in den Stand gesetzt, der Mutter des Herrn in diesem Bild eine kindliche Danksagung in sichtbarer Weise, in einer Votiv-Gabe, darzubringen. Sie beschlossen nämlich im Jahr 1852 ihr größtes Heiligtum feierlich mit einer reichen goldenen Krone zu schmücken, und zwar am Geburtsfest der Madonna, am 8. September. –

 

Schon seit Wochen waren großartige Vorbereitungen für dieses Fest getroffen. Die Vorhalle des Tempels war mit roten Vorhängen geschmückt und die entstellenden Glaswände vor Andrea del Sartos Fresken entfernt. Das Innere war mit verschwenderischer Pracht geziert. Draperien in der Gestalt von Festons von schwerem roten Sammet mit breiten goldenen Säumen und Streifen, wechselnd mit schimmerndem Silber- und Goldbrokat, schwangen sich leicht und geschmackvoll von Säule zu Säule, die Eingänge der Kapellen bezeichnend. Zwischen und über ihnen hingen zahlreiche große Kronleuchter von geschliffenem Kristall. Der Hochaltar, auf dem ein Heer von Riesenkerzen brannte, hatte seine Hülle abgelegt und leuchtete im Glanz des reinsten gediegenen Silbers, mit Basreliefs von bedeutendem Kunstwert geschmückt, die Abrahams Opfer und andere alttestamentliche Szenen darstellen. Die reichste Verzierung aber zeigte die hohe viereckige Kapelle des Madonnenbildes selbst, links vom Haupteingang der Kirche. Silberne Gefäße von allen Größen und Formen, mächtige Kandelaber von demselben Stoff tragend, umgaben das goldschimmernde Gitterwerk; große, schön gearbeitete, silberne Weihrauchbecken hingen, mit Ampeln wechselnd, von der Decke herab. An der Brust des Freskobildes leuchtete, künstlich befestigt, ein reicher Perlen-Brillantschmuck. – Außerdem bedeckten zahllose Fest-Inschriften und Gedichte in italienischer, lateinischer, griechischer und syrischer Sprache die Wände der Kirche. Lateinische Distichen (kurze Sinnsprüche) zu Ehren der Madonna waren überall im Klosterhof zu lesen. Eine Abteilung Pompiers (Feuerwehrmänner) stand bereit, wenn je die Draperien Feuer fangen sollten; der Schlauch der Spritze ist durch ein Fenster der Kirche geleitet gewesen. Detachements von Soldaten zogen auf und ab, sich ablösend, um einige Ordnung in dem dichten Volksgewühl zu erhalten, denn in der Kirche, auf dem Platz, in den Klosterhöfen und angrenzenden Straßen herrschte acht Tage hindurch das bunteste Treiben. Viele fröhliche Kinder spielten jubelnd auf dem grünen Platz in der Mitte des großen Kreuzganges.

 

Am Morgen des Hauptfesttages selbst fand, nach einem von dem Erzbischof von Theben in partibus unter Assistenz der Bischöfe von Florenz und Siena und des päpstlichen Nuntius gehaltenen Hochamt, in Gegenwart der großherzoglichen Familie und des ganzen Hofes die feierliche Krönung statt. Die Krone, bestimmt, dem Wandbild aufgesetzt zu werden, war natürlich flach, von Gold und mit Edelsteinen reich besetzt. Um sie über dem Bild anzubringen, hatte man einen Haken in die Wand schlagen müssen. Als der Erzbischof die Krone daran befestigte, verkündeten 101 vom Kastell donnernde Kanonenschüsse der Hauptstadt das feierliche Ereignis.

 

Gegen Abend durchzog eine fast nicht enden wollende, höchst zahlreiche Prozession die Straßen. Eine Kopie des allgemein verehrten Wunderbildes wurde unter einem blausamtenen, mit silbernen Sternen geschmückten Thronhimmel im Triumph umhergetragen. Alle Häuser, an denen der Zug vorüberkam, waren reich illuminiert, am reichsten die Kirche der Gnadenmutter selbst, die, mit zahllosen kleinen Lämpchen wie mit feurigen Streifen dicht bedeckt, gleich einem prachtvollen Meteor leuchtete. – Bis zum Grauen der Morgendämmerung durchwogte das Volksgedränge die Straßen.

 

An den folgenden Tagen besuchten endlose Prozessionen aller geistlichen und weltlichen Bruderschaften die Kirche. Immer neue Ströme von andächtigen Landleuten bevölkerten die Straßen, bis eine grandiose Illumination das herrliche Fest zum Abschluss brachte. –

 

(Aus: Bilder italienischen Landes und Lebens von Otto Speyer, 1859)