Die Altarlampe in der Gnadenkapelle "Mont Marie"

 

Die Lampe in ihrem Glanz

 

In den Pyrenäen, in der Nähe der spanischen Grenze, stand noch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf einem kleinen Hügel eine Gnadenkapelle, bekannt unter dem Namen „Mont Marie“. Die Kapelle war klein und einfach, aber altertümlich und innen reich ausgeschmückt. Das Kruzifix und die Leuchter auf dem Altar bestanden aus reinstem Silber, und zahlreiche Votiv-Tafeln bedeckten die Wände, unter denen man manches wertvolle Zeichen der Dankbarkeit für empfangene Wohltaten erblickte. Rings in der Umgebung hegten die frommen Leute eine innige Verehrung zu dieser „marianischen Gnadenkapelle“ und andächtige Pilger besuchten sie wie einen beliebten Wallfahrtsort.

 

Über dem Altar, der aus dem Mittelpunkt der Wand etwas hervortrat, thronte in einer Nische das Bild der allerseligsten Jungfrau Maria mit dem holdseligen Jesuskindlein im Arm, das ein alter Bildhauer aus weißem Marmor gemeißelt hatte. Jedermann bewunderte dieses Meisterwerk vollendeter christlicher Kunst, und in der Tat, man konnte sich kein schöneres, in himmlischer Anmut leuchtendes Madonnenbild denken. Aus dem Antlitz der göttlichen Mutter schimmerte nur Huld und Milde, aus dem des Jesuskindleins aber nur Unschuld, Liebe und zugleich auch Majestät. – Vor dem Altar hing eine silberne Lampe. Sie brannte Tag und Nacht, und selbst in den sturmdurchwüteten Nächten erlosch sie nie, denn das gottinnige Völklein umher sorgte mit aller Freudigkeit und Pünktlichkeit für das Licht, und nie fehlte es am reinsten Öl aus den umliegenden Olivengärten. Die Leute waren auch an das Licht dieser Altarlampe ganz gewöhnt. In finsteren stürmischen Nächten tat sie ja den Dienst des Feuers auf einem Leuchtturm, und deshalb hing die Lampe hoch, damit sich ihr freundliches Licht durch ein rundes Fenster, das über der Tür angebracht war, ausgieße in die bergige, wildromantische Gegend. Die verschiedenen Fußsteige, die aus den Hütten zu einem Pfad hinlenkten, vereinigten sich bei der Kapelle, und auf diesem Weg gelangte man zu der Straße im Talgrund. Der Weg an der Kapelle war schmal, eng, felsig und nah daran klaffte ein Abgrund. Dem Wanderer gab man die Weisung: „furchtlos vorwärts zu gehen, solange er das Licht der Altarlampe sehen könne, dann aber sich zur rechten Hand zu wenden, denn der steile Pfad hätte dort ein Ende, und sicherer Weg führe zur Straße.“ So zuverlässig war diese Weisung, dass man sich keines Unglücks erinnern konnte, das dort sich zugetragen hätte, trotz aller ringsum drohenden Gefahren. – Wie sehr gleicht dieser Bergpfad dem Pfad unseres Lebens, wie sehr diese Altarlampe dem Licht unserer heiligen Religion! –

 

Die Seelsorge war einem Eremiten-Priester übertragen, da die Pfarrkirche zu weit entfernt lag. –

 

An dem bereits beschriebenen Weg stand ein kleines Dörflein, in dessen niedlichen Hütten Arbeiter wohnten, die sich ihren Lebensunterhalt durch Holzfällen im Wald erwarben. Eine dieser Hütten, zwar ebenso ärmlich als die anderen, zeichnete sich durch ihre besondere Anmut und Reinlichkeit aus, und man wusste, dass darin unter allen übrigen der Nachbarschaft die frömmste, fleißigste und glücklichste Familie wohne. – Während Pierrot im Wald die große Axt schwang, saß seine Frau Annette zu Hause fleißig am Spinnrad, und ihr kleines Töchterlein spielte auf der Erde bei ihren Füßen. Die liebliche Maria war erst drei Jahre alt, aber für ihr Alter ungemein verständig. Dass das gute, fröhliche Kind der Eltern Augapfel war – dies bedarf nicht erst der besonderen Bejahung. Das aber kann man ermessen, wie groß mit einem Mal die Angst der Eltern war, als sie bemerkten, dass irgend eine Krankheit ähnlich dem in einer Rosenknospe verborgenen Wurm, an dem Leben ihres innigst geliebten Kindes nagte.

 

Die kleine Maria wurde zusehends schwächer und blasser mit jedem Tag. Der herbeigerufene Arzt schüttelte mitleidig den Kopf und zuckte die Achseln mit den Worten: „Dem Kind hilft nichts; keine Arznei, nur ein Wunder kann es vor dem sicheren Tod retten!“ Der Glaube allein bewahrte die niedergeschlagenen Eltern vor Verzweiflung. Und da von der Menschen Kunst und Wissenschaft irgendeine Hilfe nicht mehr zu erwarten stand, so nahmen sie ihre Zukunft zu Gott und der mütterlichen Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria.

 

An einem schönen Abend im Herbst sah man die beiden tiefbetrübten Eltern nach „Mont Marie“ wandern. Die Mutter trug ihren größten irdischen Schatz, das nunmehr todkranke Kind, auf dem Arm. – Als sie in die Kapelle traten, fanden sie manchen frommen Landmann dort knien, um nach hartem Tagwerk Erquickung im Gebet zu finden. Durch die offene Tür drangen die goldenen Strahlen der scheidenden Sonne herein und gossen eine unbeschreibliche Verklärung über die ganze Kapelle. O es war alles so herrlich, so majestätisch! Das sonst so bescheidene Kirchlein schien eines Monarchen Prunkgemach, und diese Stunde eine Stunde der freigebigsten Gnade zu sein. Ja in der Tat! Jene armen Landleute, vor Gottes Majestät hingeworfen auf die Knie, bereichert durch die angeflehten Fürbitten Marias, durch der Liebe und der Gnade Schätze, die sich aus dem Herzen Gottes in das ihrige ergossen, waren in solchem Stündlein der Andacht zu Gott und Maria reicher, als der stolzeste Herrscher auf seinem Thron! – In diesem Augenblick traten die armen Eltern ein. Das Sonnenlicht, das von dem goldglänzenden Tabernakel abprallte, blendete sie, der fromme Abendchoral, der mit Orgelbegleitung ihnen entgegentönte, die heiteren und milden Mienen der andächtigen Beter: das alles harmonierte so wenig mit den düsteren, bangen Gefühlen ihrer vom Kummer schwer belasteten Herzen. Schüchtern standen sie eine Zeitlang da, aber jetzt fassten sie Mut und traten in das Heiligtum. Der Monarch im Himmel, von solcher Glorie hienieden umgeben, war ja kein fühlloser irdischer Regent. Sie wussten, dass er den Mühseligen und Beladenen ein barmherziger Vater sei, und darum schritten sie vorwärts bis zu den Stufen des Altars. Die tiefbeklommene Mutter legte hier das Kindlein nieder. Die Eltern bedeckten die Augen, aus denen Tränenströme flossen, mit den Händen. Sie hatten lange mit glühender Andacht gebetet, lange knieten sie fast atemlos im Staub, - und es war verstummt der Gesang und von den Betern einer nach dem andern verschwunden. Der Eremit hatte die Tür geschlossen und kein Sonnenstrahl drang mehr herein. „Meine Lieben“, so sagte der Priester leise zu dem betenden Paar, „bleibt hier, so lange ihr immer wünscht, das Tor ist nicht mit dem Schlüssel geschlossen. Habt nur Vertrauen, und Gott helfe euch durch die mächtige Fürbitte der Gnadenmutter Maria.“ Bei dieser Anrede blickten die zwei auf. Sie befanden sich allein mit ihrem Kind, ringsum waltete Totenstille, und kein anderes Licht erhellte die heilige Kapelle, als das Licht, das die Altarlampe ausstrahlte. Alles dies stimmte genau überein mit den Empfindungen der beiden Eltern. Sie erhoben ihre Augen zu dem Muttergottesbild. O wie herrlich, wie unaussprechlich liebreich erschien es ihnen im milden, sanften Licht der Altarlampe. So schön hatten sie es noch nie gesehen, und beide dünkte es, als ob ihr heiliger Schutzengel, oder ihr heiliger Namenspatron ihnen zuflüstere: „Jetzt, ja jetzt ist die Stunde der Gnade und Barmherzigkeit!“ – Lange, lange beteten sie, und so viel Eifer glutete in dem Gebet des Vaters und welche Zärtlichkeit durchhauchte das Gebet der Mutter! – Wie auf einen gemeinsamen innerlichen Antrieb machten beide das Gelübde: Wenn Gott dem Kind das Leben schenken würde, dann wären die Eltern entschlossen, ihre kleine Maria, zu Ehren der glorreichen Himmelskönigin, sieben Jahre in weißer Farbe zu kleiden, zum Zeichen fleckenloser Reinheit. Die Eltern wollten aber in jeder Woche an einem Tag streng fasten. „Ja“, rief Pierrot in der poetischen Sprache der Natur, „Maria soll weiß und rein sein, wie die zarte Lilie in den Felsen, die genährt wird vom reinen Bergesschnee. Wie die Blumen auf dem Altar soll sie stets vor dir blühen und den lieblichen Duft ihrer Tugenden verbreiten. Und wie diese Altarlampe hier soll ihr Herz stets in Liebe zu dir brennen. O Gott, Vater im Himmel, wie diese Altarlampe zu deinen und zu Marias Ehren hier flammt, so ist dir durch Maria unsere Tochter, das Licht unserer Augen, geweiht. O lass es nicht im Tod verlöschen, wie du nicht zulässt, dass eine gottesräuberische Hand diese Lampe vor dem Altar auslösche.“ –

 

Während so die Eltern beteten, lag ihr Töchterlein in einem sanften, ruhigen und gesunden Schlaf, und darin sahen die Eltern ein sicheres Zeichen seiner Genesung. Sie täuschten sich auch in ihrer Erwartung nicht. Der erquickende Schlaf stärkte das Kind, und nach wenigen Tagen konnte man es daheim auf seinem gewohnten Platz vor den Füßen der Mutter gar fröhlich spielen sehen. –

 

Von jenem Tag an war Maria stets in die jungfräuliche Farbe gekleidet. Und da sie mit den Jahren auch zunahm an allen Tugenden, wurde sie von den Leuten als eine „Gottgeweihte“ und als ein „Marien-Kind“ erachtet, und man hatte ihr in der Kapelle beim Gottesdienst das Plätzchen eingeräumt, auf dem sie als krankes Kind in jener feierlichen Abendstunde gelegen und geschlafen hatte.

 

Als sie älter geworden war, sah man sie in ihrem weißen Gewand oft stundenlang in Andacht hingegossen auf diesem Plätzchen knien, und wenn die Altarlampe ihr Licht über Maria ausstrahlte, dann schien sie reiner und verklärter, als sonst ein irdisches Wesen. Der Schimmer dieser Altarlampe hatte für sie selbst mehr Reiz, als der goldene Strahl der Sonne, oder des Mondes Silberlicht. Ihr schien es, als ob die Engel des Himmels die heilige Flamme nährten, und Jesus Christus in der Eucharistie und über ihm seine Mutter Maria im Bild mit liebebrennendem Herzen umschwebten. Kein Ort war ihr so hehr und teuer, als diese stille, friedliche Kapelle. Hier konnte sie so andächtig beten, wie sonst an keiner Stätte. Hier fühlte sie sich himmelnah, hier war es ihr oft, als schwebe die heilige Mutter Gottes vom Altar nieder und lege mild segnend die Hand des Jesuskindes ihr auf das Haupt. – Auch wollten fromme Leute bemerkt haben, dass sie sehr dem Marien-Marmorbild über dem Altar gleiche. –

 

Die Lampe brennt düster

 

Es waren sechs Jahre verflossen, seit Pierrot und seine Ehefrau ihr Gelübde in der Kapelle „Mont-Marie“ dargebracht hatten. Das Glück und der Friede gingen durch diese ganze Zeit in ihrem Haus ein und aus, und es schien vom Schutz der göttlichen Gnadenmutter wie umhegt und beschirmt, - da wurde plötzlich ihr Familienglück gestört.

 

Es hatten sich nämlich zwei fremde Männer mit ihren Familien im Tal angesiedelt. Sie erwiesen sich als rohe, barsche Leute, von denen niemand etwas Rechtes wusste. Abseits von jeder anderen Wohnung zimmerten sie sich aus Brettern ihr Haus. Sie sahen es aber nicht gerne, dass ihnen jemand bei der Arbeit zuschaute, und luden, als ihr Häuser fertig waren, keinen in der Umgegend Einheimischen ein, sie zu besuchen. Die Männer schienen keine besondere Beschäftigung zu haben, die Frauen waren träge und nachlässig, aber doch schien ihr Wohlstand größer, als der der anderen Leute, und am Sonntag machten sie großen Staat. Man wusste nicht, was man von ihnen denken sollte. Über ihren Familienverhältnissen lag ein dichter Schleier des Geheimnisses ausgebreitet.

 

Wenige Monate nach ihrer Ankunft zeigte sich ein großer Wechsel in Pierrots Charakter. Er ging nicht mehr so frisch und freudig, wie ehedessen, an sein Tagewerk, und offenbar arbeitete er bedeutend weniger, denn der Lohn, den er heimbrachte, war auffallend geringer als sonst. Er ging düster und gedankenvoll einher. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er vor Frau und Kind ein Geheimnis in seinem Herzen zu verschließen. Statt wie er es gewohnt war, gleich nach der Arbeit heimzugehen, ließ er seine Lieben oft stundenlang schmerzlich auf sich warten, und wenn er endlich kam, zeigte er sich düster und mürrisch, und entschuldigte sein Ausbleiben mit einer schalen Ausrede.

 

Eines Tages sagte er zu seiner trauten Frau, als er nach dem Frühstück zur Arbeit ging: „Annette, ich werde heute erst in der Nacht zurückkehren, warte nicht auf mich. Ich habe wichtige Geschäfte, die mich vielleicht die ganze Nacht aufhalten werden!“ Er gab hiermit gar keinen Aufschluss, sondern eilte in wilder Hast davon. – O was für einen traurigen Tag verlebten Mutter und Tochter! Eine versuchte vor der anderen die Tränen zu verbergen. Freilich war Maria erst acht Jahre alt, sie hatte jedoch Verstand genug, um einzusehen, dass die Verhältnisse in ihrem Häuschen, das sonst, durch die in ihm geübte Gerechtigkeit und durch seinen Frieden, einen Heiligenhäuschen geglichen, eine sehr traurige Wendung genommen hatte. Am Abend gingen sie zusammen in die Gnadenkapelle, um bei Maria, der Mutter des Herrn und der Zuflucht der Betrübten, im Gebet Trost zu finden. Die kleine Maria kniete auf ihrem Lieblingsplätzchen und beschäftigte sich mit innerlicher Andacht. Ihre Betrachtung aber bestand darin: sie stellte sich lebendig den Schmerz vor, der die heilige Muttergottes, nach ihrer Heimkehr von der Kreuzigung Jesu Christi auf Golgatha, zu Hause erwartete. Wie gar öde und traurig erschien ihr die Wohnung, in der Jesus Christus nicht mehr weilte. Jeder Blick umher, egal wohin oder auf was, wurde zum Tränenblick. O wie dröhnten die schauerlichen Hammerschläge, die in die zarten Hände und Füße ihres geliebtesten Sohnes die stumpfen Nägel einschlugen, immer in ihrer Seele wieder. Wie zermarterte auch alles, jeder Gräuel des Tages, aufs Neue das Herz ihres Herzens. In ihrer kindlichen Unschuld betrachtete das fromme Mädchen jeden Gegenstand ringsumher und ihrem Blick begegnete auch die Lampe in Mariens einsamer Kammer. Und dieser Anblick führte aus langer Betrachtung sie endlich wieder auf sich selbst, auf die Kapelle, auf die Altarlampe, auf ihr Elend zurück. Aber die hehren Erwägungen hatten sie gestärkt und mutig ging sie an der Hand der Mutter nach Hause.

 

Es war erst am Morgen, dass Pierrot zurückkam. Plötzlich trat er in die Stube, warf eine gefüllte Geldbörse auf den Tisch und eilte unruhig in sein Schlafzimmer. Nur wenige Stunden hatte er geruht. Sehr bleich und mit wildem Blick, trat er bald wieder in die Arbeitsstube. Er war nicht wenig erzürnt, den Geldbeutel auf demselben Platz zu finden, auf den er ihn geworfen hatte.

 

„Was soll das?“ rief er bitter. „Glaubst du, der Geldbeutel sei giftig, dass du ihn nicht berührst?“

 

„Pierrot!“ fragte Annette, „wie bist du dazu gekommen?“

 

„Auf ehrliche Weise, ich versichere dich! Hältst du mich etwa eines Diebstahls fähig?“

 

„Gott bewahre! Aber du hattest in letzter Zeit so wenig gearbeitet, und eine solche Summe in einer Nacht!?“

 

„O sei unbesorgt! Ich habe einige Freunde gewonnen, die mich in ein sehr einträgliches Handelsgeschäft eingeführt haben. Ich glaube, der Beutel voll Geld ist nur die erste Frucht!“

 

Annette schien beruhigt, aber sie war es nicht: sie arbeitete lieber Tag und Nacht, als dass sie das verdächtige Geld berührt hätte. – Öfters hatte Pierrot große Summen nach Hause gebracht, jedoch nie hatte die gewissenhafte Frau ein einziges Stück davon gebraucht. – Sie hegte Verdacht und mit Recht. – Ihr Mann war jetzt sehr nachlässig geworden in der Übung seiner religiösen Pflichten. Er ging nur noch sonntags zur Kirche, und man sah ihm die Langeweile beim Gottesdienst an. – Einst nun geschah es, dass Maria, das gute Kind, ihn nach „Monte Marie“ lockte. – Lange kniete sie da im geheimnisvollen Halbdunkel der Kapelle. Als sie sich umwandte, war ihr Vater bereits fortgegangen. Als sie hinaus trat, sah sie ihn draußen stehen, und als sie ihm sanfte Vorwürfe machte, gab er ihr barsch zur Antwort: „Ich für meinen Teil wundere mich dagegen, wie du so lange beim matten Schein der Altarlampe in der düsteren Kapelle verweilen und beten kannst! Abends kommt mir die Kapelle so unheimlich vor! Es scheint, als wären alle Bilder Gespenstern gleich, die mich anstarren! Beim Schimmer der Altarlampe sieht selbst das Muttergottesbild kalt und ernst auf mich herab! Ich konnte es nicht länger aushalten, und trat ins Freie, um frische Luft hier einzuatmen!“

 

„O Vater“, entgegnete seufzend das Kind, „es muss irgendetwas Unrechtes in deinem Herzen sein, das sich nicht wohlfühlt in dem Marienfrieden der Kapelle und nicht gerne betet bei dem Schein der Altarlampe!“

 

Pierrot ging schweigend nach Hause. – Er fing wieder zu arbeiten an, aber nach wenigen Wochen fiel er aufs Neue zurück in seine bösen alten Gewohnheiten, statt jedoch, wie vorher, nur Tage und Nächte auszubleiben, blieb er jetzt ganze Wochen aus.

 

Wir wollen nun die Ursache erklären.

 

Jene fremden Leute, die bereits erwähnt wurden, waren Schmuggler. Sie brachten französische Waren nach Spanien, und wussten die Wachsamkeit der Zollbeamten zu täuschen, waren indes auch bereit, wenn man sie ertappte, sich auf Leben und Tod zu verteidigen. Die zwei Fremden waren den Grenzsoldaten als alte Gauner wohlbekannt, und mussten darum ihre alte Heimat verlassen. Sie hatten sich in „Mont Marie“ ansässig gemacht, denn dort sah man die Pässe, die wegen der anerkannten Redlichkeit der hier wohnenden Landleute, nur sehr schwach mit Grenzwächtern besetzt waren. Um ihr Geschäft in voller Sicherheit betreiben zu können, bedurften sie eines Mannes, der jeden Pfad und Steg, jeden Fels und Abgrund wohl kannte. Sie richteten deshalb ihr Augenmerk auf den armen Pierrot, und hatten sich ihn zu ihrem Opfer ausersehen. Er, kundig aller Wege, genoss den Ruf eines durch und durch rechtschaffenen Mannes, und das Einverständnis mit ihm musste den Schmugglern zu großem Nutzen gereichen. Sie suchten sich in sein Vertrauen einzuschmeicheln. Sie boten den Anschein inniger Teilnahme an seinen Familienverhältnissen. Sie bedauerten, dass er für einen so elenden Bettel von Arbeitslohn sich gar sehr abmühen und plagen müsse. Sie sprachen dann von einträglichen Handelsgeschäften und reizten seine Neugierde, bis sie ihm endlich ihr Geheimnis enthüllten. Auf sein Entsetzen waren die alten Geschäftsträger des bösen Feindes wohl vorbereitet. – „Wir sind französische Untertanen“ sagten sie, „was gehen uns die spanischen Gesetze an? Unser Berufswerk ist keine Sünde, es erweist sich nur als eine sogenannte gefährliche Spekulation, gerade wie eine Schifffahrt durch ein stürmisches Meer!“

 

Pierrot ließ sich täuschen und verführen. Sie nahmen ihn mit zu einem nächtlichen, weniger gefahrvollen Zug und reichten ihm den gefüllten Geldbeutel als Sündenlohn. Sein Gewissen machte ihm freilich scharfe Vorwürfe, aber die Habgier machte sie endlich verstummen. – Die im Laster ergrauten Gauner wollten sich seiner noch besser versichern. Sie nahmen ihn mit zu einer noch gefährlicheren Unternehmung, bei der es, wie sie voraussahen, zu einem Kampf kommen musste. Richtig gerieten sie ins Handgemenge und Schüsse wurden gewechselt. Am anderen Tag waren von Seite der Behörde überall Aufforderungen angeschlagen, die Verbrecher beim Gericht anzugeben. Den Angebern selbst, insoweit sie verbrecherisch bei dieser Missetat beteiligt waren, war Pardon zugesichert. Pierrots Tyrannen zeigten ihm ein solches Plakat und drohten, ihn sofort auszuliefern, wenn er sich weigere, in allem ihren Willen zu tun. Jetzt war er gänzlich ihr Opfer, und sie traten nun vor ihn ohne Larve, in ihrem Charakter als Banditen und er musste ihnen in ihren nächtlichen Räubereien behilflich sein. Aber standhaft weigerte er sich, irgendeinen Teil zu nehmen von dem Ertrag ihrer Räubereien.

 

Die Banditen sahen es ein, dass sie bald ihren Helfershelfer verlieren würden. Er hatte noch zu viel christlichen Sinn, für sie immer noch zu viel Gewissen. Sie trösteten ihn also: „dass sie ihn gänzlich freigeben wollten, wenn er noch ein einziges Abenteuer mit ihnen bestände. Dies sollte nach vier Wochen geschehen, dann wollten sie die Gegend verlassen. – In der Tat, diese vier Wochen schienen ihm eine Ewigkeit! –

 

Die arme Mutter! Die arme Tochter! Wie eine Witwe und eine Waise knieten sie allabendlich in der Kapelle „Mont Marie“, beschienen von dem hehren Licht der Altarlampe und flehten stets zu Gott und zu Maria inbrünstig um die Lichtung der dunklen Wege Pierrots. –

 

Die Lampe verlöscht

 

Die kleine Maria besonders – schien an einem verborgenen Schmerz zu leiden. Mit ängstlicher Sorgfalt beobachtete die Mutter ihr Kind. Aber jener Schmerz wechselte mit einer Freude, wie sie nur die Gnade Gottes verleihen kann. Oft, wenn sie miteinander bei der Arbeit saßen, entwand ein Seufzer sich ihrer Brust, eine Träne träufelte leise über die blasse Wange herab: bald aber erhob sich das glänzende Auge zum Himmel, der heiligste Friede war ausgegossen über ihr Angesicht und ihre Lippen bewegten sich wie im Gespräch mit himmlischen Geistern. Die Mutter wollte sie in solchen Augenblicken ansprechen, doch – das Wort erstarb ihr auf den Lippen und sie konnte nur beten.

 

Eines Tages aber fragte sie doch, was die Seele ihres Kindes so sehr beschäftigte.

 

„Gute Mutter, ich will nichts vor dir verhehlen“, antwortete das Kind: „in wenigen Tagen sind die sieben Jahre des Gelübdes verflossen, und ich soll das weiße Gewand ablegen!“

 

„Und doch ist es notwendig, mein Kind. Du bist stark genug, um im Feld zu arbeiten, und das kannst du in diesem Kleid nicht. Mein Kind, wir müssen arbeiten, schwer arbeiten, denn“ – Tränen erstickten ihre Stimme, als sie der Schande ihres Ehemannes Erwähnung tun musste.

 

„Mutter, ich fürchte die Arbeit nicht! Ich weiß, dass ich ein armes Bauernmädchen bin, aber wenn ich das weiße Gewand ablege, bin ich den Gefahren der Welt mehr ausgesetzt. Auch werde ich nicht mehr so viel Anspruch auf den Schutz Marias, der „Jungfrau der Jungfrauen“ haben. Dann muss ich dir, teuerste Mutter, sagen, dass auch ich ein Gelübde gemacht habe. – Ich tat es in jener Nacht, in der der Vater zum ersten Mal ausblieb, und habe es seit der Zeit oft wiederholt. – Ich bat Gott durch die angerufene Fürsprache Marias: dass er nicht zulasse, dass ich mein weißes Gewand jemals ablege, sondern, dass ich es unbefleckt mitnehmen dürfe in mein Grab! – Auch habe ich Gott durch die erflehten Fürbitten der allerseligsten Jungfrau gebeten: er möge mein Leben zum Preis für die Bekehrung meines Vaters annehmen! – Ich kann nicht anders denken, als dass der liebe Gott mein Opfer gnädig angenommen hat, und Maria verstößt ja keinen, auch den Allergeringsten nicht, der mit kindlichem Vertrauen sich zu ihr flüchtet und sich ihrem Schutz anheimstellt.“

 

Das Herz der Mutter wurde durch die Worte ihres Kindes tief bewegt, und es trat in ihrem Zwiegespräch eine lange stumme Pause ein. – Endlich beschlossen Mutter und Tochter, dass sie zeitlich früh am Jahrestag des Gelübdes zur Kapelle „Mont Marie“ wandern wollten, um daselbst einige Stunden dem Gebet zu widmen, dann sollte die Kleine – nach dem Willen der Mutter – ihr schneeweißes Gewand mit dem gewöhnlichen Anzug der Landleute der Gegend vertauschen.

 

Maria bereitete mit großer Sorgfalt das Kleid der Unschuld, in dem sie zum letzten Mal vor dem Madonnenbild und unter der Altarlampe erscheinen sollte, wie auch eine Krone aus den schönsten Blumen, um sie im Kirchlein der Königin der Jungfrauen in Andacht und Hingebung zu widmen.

 

Unterdessen wurde Pierrot beständig von Gewissensbissen gepeinigt. Der Monat des letzten Aufschubs war jetzt verflossen. Welches schreckliche Verbrechen aber die nächste Nacht gebären sollte, war ihm immer noch ein undurchdringliches Geheimnis. – In dem Haus der beiden Fremden aber hatte man alles zur schleunigen Abreise hergerichtet, jegliches Besitztum wurde fleißig zusammengepackt, und Maultiere standen bereit. – Pierrot schickte sich jedoch nicht zur Flucht an, teils weil er die Natur des Verbrechens nicht kannte, teils weil er keine Angst vor etwaigen Folgen in sich nährte. Ihn quälte sein Gewissen viel mehr, als die Furcht vor zeitlicher Strafe, und gern hätte er das Leben in einem Gefängnis, auf den Galeeren vorgezogen, wenn er nur seine Seelenruhe wieder erlangen könnte. Am letzten Tag suchten die rohen Gesellen durch ihre schnöden, lasterhaften Reden und durch fleißiges Zutrinken dem armen Pierrot Mut einzuflößen. Er war zwar nicht völlig berauscht, doch aber so sehr betäubt, dass er sich zu allem bereit zeigte und vor keinem Wagnis mehr erbebte. Nur allein vor dem Gedanken an Mord schauderte er zurück, - indes aber, als ihm das Verbrechen enthüllt wurde, war es ihm, als ziehe ihn jemand an den Haaren von der Ausführung dieser Missetat hinweg. Denn erst nachdem sie das Haus verlassen, in dem sie gezecht hatten, eröffneten ihm die Banditen ihren höllischen Plan. Es war kein anderer als die Gnadenkapelle auf „Mont Marie“ zu plündern. Mit dem reichen Gottesraub wollten sie alsdann nach Spanien fliehen. Wenn ein Blitz ihn getroffen hätte, dann hätte Pierrot nicht so sehr sich entsetzt, als bei der Ankündigung dieses schauerlichst schandbaren Vorschlags. Er beteuerte vor dem Himmel und vor der Erde, dass keine Gewalt es vermöge, ihn zu einer solchen Gräueltat zu zwingen.

 

Doch diese beiden Söldlinge des Lasters waren in ihrem Handwerk zu gut geübt. Sie ließen ihn ausreden, und dann stellten sie ihm vor: jetzt sei es bereits zu spät, sich zurückzuziehen und sie wären alsbald gewillt, ihn auszuliefern, wenn er der Mitwirkung bei der Ausplünderung der Marien-Kapelle sich weigere. Auch bekräftigten sie ihm unter Schwur um Schwur, dass dieses Verbrechen ihr letztes sei. Und da er denn doch Buße tun und beichten wolle, so mache bei Buße und Beichte ein Verbrechen mehr oder weniger fast gar keinen Unterschied. Sie hatten nämlich zwei Gründe, ihn zum Mithelfer bei dem Gottesraub zu haben: zum einen wusste er genau, welche Stücke wertvoll, welche von gediegenem Silber, und welche nur versilbert seien, und zum anderen lag ihnen sehr viel daran, dass jemand zurückbleibe, den der Arm der weltlichen Gerechtigkeit ungesäumt fassen könnte, was ihre Flucht jedenfalls erleichtern musste. Sie redeten zu Pierrot mit solcher Heftigkeit und Entschlossenheit, dass er nicht zweifeln konnte, sie würden – im Weigerungsfall – ihre Drohung sofort zur Tat werden lassen. Pierrot sah die Folgen vor seinen Augen. Der Gedanke an Frau und Kind beängstigte ihn furchtbar. Was sollten sie anfangen, wenn er ausgeliefert würde? – Er entschloss sich, seinen Tyrannen nachzugeben. – Dieses Zwiegespräch hatte die drei Männer lange aufgehalten. Nun aber ging es rasch zur Tat. –

 

Man beschloss, dass während einer der Banditen mit Pierrot in die Kapelle trat, der andere vor der Tür wache, und ein Maultier bereit halten solle, um den Raub schleunigst fortzuschleppen.

 

Die Tür zur Kapelle „Mont Marie“ stand offen, denn es kam öfters vor, dass man sie nicht schloss, indem in der ganzen Gegend auch niemand im Traum nur die Möglichkeit eines Gottesraubes in diesem friedlichen Heiligtum der Madonna ahnen konnte. – Leise und vorsichtig traten die Diebe ein, aber selbst die verstockten Räuber bebten im ersten Augenblick scheu zurück, und Pierrot hörte sein eigenes Herz vor Angst laut schlagen. Wie ein gutes Gewissen brannte die Altarlampe sanft und hell – so ehrwürdig war dem elenden Pierrot ihr heiliges Licht auch in seinen besten Tagen nicht erschienen, als in dem gegenwärtigen Augenblick, worin sie eine so unsagbar grässliche Szene beleuchten sollte. Nie, noch nie schien ihm, dass das Muttergottesbild so liebreich und doch so ehrfurchtsgebietend sei, wie gerade dieses Mal. „O Judas! O Judas!“ schien ihm die Mutter des Herrn zuzurufen. Er konnte den majestätvollen Anblick Marias nicht ertragen. Er heftete starr sein Auge auf den Boden: und – da sah er im Geist sein eigenes, liebes Kind, seine Marie hier auf den Knien liegen, in Andacht versunken und von der Altarlampe bestrahlt, wie vor sieben Jahren. – Wie hatte er sich verändert seit diesem Opfer- und Gnadentag! Und jetzt blickte er zur Altarlampe empor, zu diesem Hüter des Heiligtums, zu diesem sichtbaren Engelsauge, das liebend wacht bei der ewigen Liebe, die hier wohnt und thront unter der demütigen Brotsgestalt. Fürwahr, Pierrot hätte leichter den Anblick eines Cherubs mit flammendem Racheschwert, als den Anblick dieser Altarlampe ertragen! Dieser Anblick zermarterte seine Seele und er stand stumm und starr – wie im Boden eingewurzelt.

 

Der Räuber riss ihn aus seiner Erstarrung, indem er ihm leise zuflüsterte: „Kamerad, lass uns anfangen! Wir verlieren sonst die uns so wichtige Zeit!“

 

„Ich kann nicht!“ entgegnete Pierrot sachte, „ich darf es nicht wagen!“

 

„Welchen Unsinn offenbart dein Zögern! Gedenke deines gegebenen Wortes und deines Handschlags! Wohlan – fort zur Tat!“

 

„Nein! Nie und nimmer! O ich kann die göttliche Gnadenmutter ihres Besitztums nicht berauben, die mir hier, unter dieser Altarlampe, mein krankes und ihr aufgeopfertes Kind – ehedessen gesund zurückgegeben hat!“

 

„Wie?“ kreischte der Räuber, „willst du denn lieber deine Tochter gemordet sehen, als dein Wort halten? Wohlan, weigere dich! In zehn Minuten sind wir in deinem Haus und in einer Sekunde blutet deine Tochter zu deinen Füßen als Leiche!“

 

Pierrot fuhr ächzend zusammen. Der Satan triumphierte. „So sei es“, sprach er zitternd und bebend, aber nicht bei dem Schein dieser Altarlampe, nicht bei diesem Licht!“

 

„Warum nicht?“ fragte der andere.

 

„Forsche nicht lange!“ versetzte Pierrot, „nimm lieber deine Laterne, es wird so besser sein!“

 

Der Räuber murmelte etwas zwischen den Zähnen, dass ihm das Licht der Altarlampe auch nicht gefalle, und öffnete seine Laterne, deren Licht blutigrot durch das schmutzige Glas schien und sozusagen den keuschen Schein der Muttergotteslampe befleckte, wie ein Blutstrom das reine Gewässer einer Kristallquelle, oder der Schein einer brennenden Hütte den klaren, jungfräulichen Mondschein! – Doch für Pierrot war dies noch eine Tröstung.

 

„Du liebst diese Altarlampe nicht, Freund? – Recht hast du!“ sprach der Räuber, „ich liebe sie auch nicht an dem Platz, wo sie hängt, denn sie ist von Silber! Reiße du sie herab, und ich will unterdessen die silbernen Leuchter des Altars ergreifen.“

 

Das schien auch Pierrots Gedanke zu sein. Mit geschlossenen Augen riss er die Altarlampe herunter und löschte sie aus – aber – in demselben Augenblick erscholl ein Angstschrei so voll Schmerz und Wehe, dass er ihm wie ein zweischneidiges Schwert die Seele durchschnitt.

 

Woher der Angstschrei kam, wusste man sich nicht zu deuten, aber es schien den Räubern, als hätten sie mit der Kette der Altarlampe, den Lebensfaden irgendeines Menschen zerrissen! –

 

Die Lampe wird wieder angezündet

 

Der schreckliche Angstruf durchschauerte das Gebein der Gottesräuber. Der Führer taumelte, seine Zähne klapperten, die Laterne entfiel seiner zitternden Hand. Er und Pierrot stürzten zur Tür. Das stand der dritte bebend wie die anderen.

 

„Hast du das gehört?“ riefen sie.

 

„Gehört? Ja! Und ich wollte es mein ganzes Leben lang nicht noch mal hören! Wahrlich, mich bringt kein Mensch mehr dazu, Kirchen zu bestehlen! Schon gleich anfangs hat mir das Wagstück nicht gefallen!“ sagte der Gefragte gleichfalls unter Zittern und Beben, und eilte mit seinen Diebsgenossen den Hügel hinab.

 

Nun stand Pierrot noch allein hier. Sein erster Gedanke war, Gott zu danken, dessen Vorsehung ihn in dem so schrecklichen Augenblick an der Ausführung des grässlichsten Verbrechens gehindert hat und seine Frau und sein Kind vor der wütenden Rache der so rohen Banditen schützte. Dieser Gedanke jedoch wurde von der Furcht übertäubt, die das Mark in seinem Gebein frieren machte. Schnell eilte er von der Stätte seiner Schandtat hinweg, an der jener schreckliche Wehruf noch immer grauenvoll in seinen Ohren gellte. Er stürzte instinktmäßig nach Hause, so schnell es die Dunkelheit zuließ, die jetzt, wo die Altarlampe ausgelöscht am Boden lag, den Weg bedeckte. Vorwärts, vorwärts trieb es ihn. Und wenn er den Wind hinter sich säuseln hörte, dann stellte ihm sein schuldbeladenes Gewissen vor, als ob Hunderte von Gendarmen ihn, den Kirchenräuber, suchten und verfolgten, um ihn den Gerichten zu überliefern. Jeder Ast, jeder Zweig, der von nahen Bäumen über seinem Haupt sich bewegte, schien ihm ein gezücktes Racheschwert zu sein.

 

Die Dämmerung begann und leise Schimmer der Morgenröte lichteten die Gegenstände ringsum und leuchteten auf seinen Pfad.

 

Plötzlich sah er eine weibliche Gestalt vor sich stehen, die ihm den Weg vertrat. Unheimlich war das Aussehen dieser Gestalt, deren aufgelöstes Haar und deren Kleid irr und wirr im Wind flatterten. Das unheimliche Wesen stand auf dem gefährlichsten Punkt des schmalen Fußweges, gerade dort, wo der allertiefste Abgrund gähnt. Um jeden Preis wollte er nicht an dieser Schreckensgestalt vorüber eilen. Sie stand jedoch fest und regungslos, wie versteinert vor ihm. Sie war hinabgeneigt über den Abgrund – er blickte schärfer hin, er prüfte nochmals – ach Gott! es war seine Frau.

 

Krampfhaft fasste er sie bei der Hand und rief: „Annette! Meine Frau! Warum starrst du so finster hinab in den Abgrund?“ – Sie antwortete nicht. – Stumm nur zeigt sie nach einem weißen Punkt in der Tiefe.

 

„Was ist das?“ fragte er, „ein Stein“ ein Schäflein im Tal?“

 

„Ja“, rief sie schluchzend, „es ist unser Schäflein – unsere Maria!“

 

„Und was tut sie da unten?“

 

Da wandte sich Annette ruhig zu ihm und sagte: „Hast du vergessen, Pierrot, dass heute der siebente Jahrestag der wunderbaren Genesung unseres Kindes ist? – Zeitlich machten wir uns auf den Weg, um an der heiligen Stätte Unserer Lieben Frau unter ihrer Altarlampe zu beten. Leicht und fröhlich lief Maria vor mir her. Da verloren wir das Licht der Altarlampe aus den Augen, und in ganz entsetzlicher Weise wandte sie sich zur linken Seite, wie auch ich es getan hätte, wenn ich die erste gewesen wäre – und allplötzlich stürzte sie hinab in den Abgrund. Einen herzzerreißenden Schrei stieß sie aus, und alles war vorbei!“

 

„Wehe mir!“ rief Pierrot in unaussprechlicher Seelenangst aus. „Ich war es, ich selbst, der das Kind mordete, denn ich habe die Altarlampe ausgelöscht!“ - Und ehe seine Frau ihn noch davon abhalten konnte, fasste er einen Dornenstrauch, schwang sich über den Abgrund hinüber, klammerte sich hier an einen Felsen und dort an eine Staude. Die Steine rollten unter seinen Füßen herab und laut und lauter dröhnte ihr dumpfes Gedröhne unten im Abgrund. – Hier hinunter einen Weg sich zu bahnen hätte wahrlich der tollkühnste Jägersmann nicht gewagt. Aber den Pierrot trieb die Verzweiflung! – Jetzt stand er unten bei der teuren Leiche seines einzigen Kindes, seiner frommen Marie, - wertvoller ihm, als sein eigenes Leben.

 

Da lag sie wie im sanftesten Schlummer, wie von Engeln hingebettet. – Kein Schmerzenszug war zu schauen in ihrem holdseligen Angesicht, - keine Wunde, kein Blutflecken war zu finden, makellos weiß war ihr weißes Gewand. Noch hielt sie die Blumen in den Händen, die sie der gnadenreichen Himmelskönigin in der Kapelle zu weihen bestimmt hatte. Jedenfalls musste sie schon – und zwar ohne allen Schmerz – gestorben sein, ehe noch ihr Leib auf das Gestein in der Tiefe hinabgestürzt war.

 

Pierrot kniete einen Augenblick bei der Leiche, sein Herz ausschüttend vor Gott und der heiligen Muttergottes in heißem Gebet. Und sanft und ehrfurchtsvoll, wie die Reliquien einer Heiligen, mit seinen Armen den zarten Leichnam umfangend, trug er ihn unter unsäglichen Mühen und Gefahren zu der tiefgebeugten Mutter hinauf.

 

Annette konnte nicht weinen. Sie sah in dem ganzen schrecklichen Ereignis offenbar das Walten der göttlichen Vorsehung. Sie drückte einen heißen Kuss auf die fast noch warmen Lippen des geliebten Kindes und sprach: „Pierrot! Die Worte, die du zu mir gesprochen hast, sind für immer in der treuen Brust deiner Frau begraben. – Ich erinnere mich noch lebhaft an dein Gebet vor sieben Jahren. – Eine gottesräuberische Hand hat die Altarlampe und zugleich das Lebenslicht unseres Kindes ausgelöscht! – Zwei heiße Wünsche hatte unser frommes Kind. Der erste Wunsch: dass sie das weiße Gewand, ihr Muttergotteskleid, unbefleckt zum Grab trage, und dass sie in dem himmlischen Gewand der Lilie, dieser Muttergottesblume, auf die Bahre gelegt werde. – Ihre erste Bitte wurde erhört! – Ihr zweiter Wunsch“ –

 

Welches war ihr zweiter Wunsch?“ fragte Pierrot in unaussprechlichem Schmerz.

 

„Sie wollte ihr Leben hinopfern – als Preis für deine Bekehrung!“

 

„Auch diese Bitte – ja – Gott hat sie durch Maria, die Zuflucht der Sünder, erhört!“ rief der Vater mit erstickter Stimme.

 

Kaum hatten diese Worte durch schwere Seufzer sich hindurchgewunden, da schien es ihnen, als sei ein freundlicher Stern aufgegangen. Erstaunt blickten sie um sich – es strahlte ihnen das sanfte Licht der Altarlampe aus der Kapelle entgegen. Der Priester wurde aufgeweckt aus dem Schlummer durch den Todesschrei, der auch sein Ohr erschreckte. Er sprang auf, machte Licht und überzeugte sich bald, dass frevelnde Gottesräuber das Heiligtum betreten und bedroht hatten. Staunend trat er vor die Tür hinaus, - da kam ihm der kleine Leichenzug entgegen. – Die Mutter erzählte mit allertiefstem Schmerz das ganze Ereignis, sie tat ihres Mannes nur Erwähnung und berichtete, wie er sich mutig den Abgrund hinunter gewagt hatte.

 

Der ehrwürdige Priestergreis sprach tröstend zu den gramerfüllten Eltern: „Ich verstehe den ganzen Zusammenhang. Marias heiße Bitte, im Gewand der Unschuld zu sterben, wurde erhört. Sie bewies sich als Schutzengel des Heiligtums, dessen Zierde sie gewesen ist. Ihr Todesschrei war des Himmels Drohruf, der die Räuber in dem Werk der Finsternis störte. Ihr Tod bewahrte das Heiligtum der Gebenedeiten des Herrn vor gottesräuberischer Schändung! Auch ihr Herz war eine Liebesflamme, eine Lampe vor Gottes und Marias Altar. Als die eine verlöschte, verlöschte die andere auch!“ –

 

Der Plan zum Leichenbegängnis war bald entworfen. – Auf dem Platz in der Kapelle „Mont Marie“, auf dem Maria so gerne unter der Altarlampe kniete und vor dem Bild der allerseligsten Jungfrau betete, stellten sie die Bahre, schwarz verhängt, und auf diese legten sie das fromme Opfer, das Marien-Lämmlein. – Da lag sie mild lächelnd im schneeweißen Gewand, und golden flossen ihre Locken frei hernieder. In den gefalteten Händen hielt sie Kruzifix und Rosenkranz. Auf ihrer Brust erblickte man die Marien-Medaille. Ihr Haupt schmückte die Blumenkrone, die sie für ihre himmlische Mutter gewunden hatte. – Die Mutter lag betend auf ihren Knien, während Pierrot unter einem Tränenstrom und den Seufzern eines aufrichtigen Buß-Sinnes dem Priester alle seine Sünden beichtete, und, friedvoll und selig durch die Versicherung seiner Aussöhnung mit Gott, zu der Leiche seines Kindes zurückkehrte. – Sein Gewissen war nun rein. Ihm schien es, als schwebe sein geliebtes Kind, seine gute Marie, verklärt vor seinen Augen, und als höre er dessen Stimme im Chor der heiligen Engel, die im Himmel frohlocken ob der Bekehrung eines jeglichen Sünders, der da Buße tut. Er blickte auf der Tochter mild schimmerndes Angesicht. Ihm erschien es, als ob ein neues, süßes, himmlisches Lächeln ihre sanften Züge noch seliger erheitere. –

 

Der ernste Ton der Totenglocke rief die frommen Landleute zur traurigen Pflicht zusammen. Sie erschraken bei dem unerwarteten Anblick, ihren Liebling, das Marien-Kind, auf der Todesbahre zu schauen. Doch der Widerstrahl des Lichtes, der von Thron Gottes auf es niederleuchtete, verscheuchte jeden Schmerz. – Man wisperte sich allerlei Vermutungen zu, man gedachte der schnellen Flucht der beiden fremden Männer und schöpfte Verdacht über sie, aber kein Schatten des Verdachts fiel auf – Pierrot. Tränen, viele Tränen flossen, jedoch nur Tränen des Mitleids mit den tiefgebeugten Eltern, und jeder beweinte in der guten Marie gleichsam seinen eigenen Verlust. Die Mütter hoben die Kindlein auf, die Überreste der Verblichenen noch einmal anzuschauen, aber die Kindlein entsetzten sich nicht, sondern küssten und herzten die anmutige Leiche, den ehemaligen Tempel einer unentweihten Marien-Seele. –

 

Lieber Leser! Wärst du an einem Frühlings- oder Sommerabend auf den kleinen Gottesacker „Mont Marie“ getreten, da hättest du ein kleines Grab erblickt, schöner und grüner als jedes andere, und ganz bedeckt mit Blumen. Und ringsum hättest du kleine Grabgärtner gesehen, emsig um die irdische Ruhestätte ihres Lieblings beschäftigt. – Hättest du die Kinder gefragt, wessen Grab dies sei, so hätten sie dir geantwortet: „Es ist das Grab der lieben frommen Marie, des Marien-Kindes!“ – Einen anderen Namen wussten sie nicht. – Und nach wenigen Jahren hättest du zu beiden Seiten zwei frische Gräber gefunden – die Gräber Pierrots und Annettes, die, geehrt und geachtet von allen, zur Seite ihres Kindes gelegt wurden. – Pierrots Geschichte wurde erst nach seinem Tod bekannt, und jetzt wusste man, welche Bedeutung die geliebte Altarlampe in seinem Leben gehabt hatte. –

 

(Aus: Bilder vom Leben und Sterben von J. A. Stelzig)