XXVII. Das Märchen von der stummen Königstochter und ihren zwölf Brüdern, die in Adler verwandelt wurden.

 

In einem alten Schloss, das hoch oben auf einem Felsen über einem unergründlich tiefen Abhang gelegen war, wohnte ein König mit seinen zwölf Söhnen. Diese waren wegen ihrer Tapferkeit berühmt in allen Ländern, und niemand wagte es, sie zu Feinden zu haben. Außer den zwölf Söhnen hatte der König auch noch eine Tochter. Wie ein Blümlein auf felsigen Boden, wie ein kleines Sternlein am Himmel und wie ein Vöglein, das zwitschernd die Lüfte durchfliegt, so bescheiden und anmutig war die Tochter des alten Königs.

Der Ruf von ihrer Schönheit drang über die Grenzen des Landes weit hinaus, und von allen Seiten kamen die Gesandten der benachbarten Könige, Ritter und Herren vor das Schloss gefahren und baten im Namen ihres Gebieters um die Hand der Prinzessin. Aber sie mussten immer ohne Hoffnung von dannen ziehen, denn die Antwort des Königs lautete jedes Mal: „Wer meine zwölf tapferen Söhne im Zweikampf besiegt, der soll als Belohnung meine Tochter zur Frau bekommen.“

In vergoldeter Rüstung und mit stolz wehenden Federbüschen auf ihren silbernen Helmen führten die zwölf Prinzen die Brautwerber durch die Tore des Schlosses bis zum äußersten Burghof und warfen ihnen dort mit stolzer Gebärde den Handschuh als Aufforderung zum Zweikampf hin. Aber keiner der Gesandten wagte es, ihn im Namen seines Herrn aufzuheben und die stolze Herausforderung anzunehmen.

Da erdröhnte der Schlosshof von dem höhnischen Gelächter der zwölf Prinzen, wenn die Zugbrücke dann herabfiel, und die mutlosen Freier eiligst davonfuhren.

So gingen Tage, Monde und Jahre dahin, doch es fand sich keiner, der den Mut gefunden hätte, mit den tapferen Prinzen um ihre schöne Schwester zu kämpfen.

Und in dem alten Schloss weinte sich die schöne Königstochter schier die Augen aus, aber die Brüder lachten nur darüber und sprachen: „Schwester, deine Schönheit scheint sehr niedrig im Preis zu stehen, oder es gibt überhaupt keine tapferen Ritter mehr auf der Welt.“

Da errötete die Königstochter vor Scham und Unmut und entgegnete kein Wort auf ihre höhnende Rede, sondern bat Gott in ihrem Herzen: „Lieber Gott, erbarme dich meines traurigen Schicksals! Soll ich wie eine Rose zwischen diesen hohen Mauern verblühen, und soll ich immer in der Gesellschaft meiner Brüder leben, deren Stolz und Hochmut noch tiefer verwunden kann als ihre Schwerter?“

Gott hörte die traurige Klage der armen Prinzessin und erbarmte sich ihres Loses. Er verwandelte ihre Brüder in zwölf Adler, die sich mit mächtigen Flügelschlägen hoch in die Luft erhoben und der glühenden Sonne, die eben in das Meer versinken wollte, entgegeneilten.

Als die Königstochter ihre Brüder so im Licht der untergehenden Sonne dahinfliegen sah, und sie aussahen, als ob sie in einem Netz von Sonnenstrahlen gefangen wären, da breitete sie vor Schmerz und Überraschung die Arme weit aus und rief ihnen nach: "Brüder, wartet auf mich! O Sonne, nimm sie mir nicht fort, nimm sie mir nicht alle fort, denn dann bleibe ich ja ganz allein.“

Sie lief aus dem Schloss hinaus, den Adlern nach und sah, wie sie immer höher und höher flogen, bis sie hoch oben in den Wolken ihren Blicken entschwanden.

Nach einer Weile bemerkte die Prinzessin, dass sie sich in ihrem Lauf sehr weit vom Schloss entfernt und in eine Wildnis verirrt hatte. Ganz ratlos stand sie da.

Plötzlich sah sie im Gestrüpp zwei glühende Augen auf sich gerichtet, und ein ungeheurer Wolf sprang zähnefletschend auf sie zu. „Was suchst du hier bei Nacht in meiner Wildnis?“ klang drohend die Stimme des Wolfes. „Ich suche meine Brüder“, entgegnete die Prinzessin mir so rührender Stimme, dass selbst das Herz des Wolfes davon ergriffen wurde.

„Setze dich auf meinen Rücken“, sprach er, „und ich werde dich aus der Wildnis heraustragen. So kommst du eher an den Saum dieses finsteren Waldes, denn dort wirst du die Sonne wiedersehen, die dir von deinen Brüdern vielleicht Nachricht geben kann.

Die Königstochter setzte sich zitternd vor Angst auf den Rücken des Wolfes, und der flog wie ein Pfeil durch das Gestrüpp dahin und erleuchtete den finsteren Weg mit seinen glühenden Augen. Aber schließlich wurde er so müde, dass er nicht weiter konnte.

Da kam aus dem Dickicht ein alter Bär daher getrabt, der näherte sich mit freundlichem Gebrumme der Prinzessin und sprach: „Ich werde dich weiter tragen, Prinzesslein.“ Und er beugte seinen zottigen Rücken vor dem Königskind und trug es weiter, bis sie zu einem Waldkirchlein kamen.

Hier machten sie halt, und die Prinzessin ging ganz leise hinein, kniete nieder und bat den lieben Gott recht herzlich und inständig, er möge ihr in ihrer Not beistehen. Gott hatte Mitleid mit der armen Königstochter und befahl darum dem Bären, der ganz ermattet vor dem Kirchlein auf dem Boden hockte und auf sie wartete, er solle sie zuerst aus dem Wald hinaustragen und dann zur Mutter Gottes bringen, die werde sich der Sache schon annehmen und auf ihre Bitte den zwölf Brüdern die menschliche Gestalt wiedergeben.

Die heilige Jungfrau saß zu dieser Zeit gerade vor der Himmelspforte und war damit beschäftigt, die zwölf Adler eigenhändig zu füttern, als der gute Bär mit der Prinzessin auf dem Rücken daherkam.

Bei seinem Anblick flogen die Adler erschreckt in die Höhe, bildeten in der Luft drei Kreise und verschwanden in den Wolken.

„Ich will deine Bitte erfüllen“, sprach die Mutter Gottes, „und dir deine Brüder, über die du dich so bitter beklagt hast, wiedergeben, aber zuerst musst du eine Prüfung auf dich nehmen und drei Jahre lang stumm sein.“

Also sprach die Mutter Gottes, und die Königstochter gelobte ihr Gehorsam, worauf sie auf die Erde zurückkehrte.

Durch finstere Wälder und wilde Einöden führte sie ihr Weg. Sie wollte wieder nach Hause zurück, wo ihr Vater auf seiner hohen Burg allein und verlassen um seine verlorenen Kinder trauerte. Aber sie war noch sehr weit von der Heimat entfernt, und noch viele, viele Tage musste sie wandern, ehe sie dorthin gelangen konnte.

Wie sie so unter den Bäumen dahinging, da hörte sie plötzlich Hörnerklang und Hundegebell, und eine Meute wilder Rüden umringte sie und wollte sie zerfleischen wie ein Reh.

Im Wald jagte gerade der junge König des Landes in Begleitung seiner Ritter und Knappen. Als er das wütende Gebell seiner Hunde vernahm, kam er schnell herbeigeeilt und erblickte statt des gestellten Wildes die Gestalt einer schönen Jungfrau, die zitternd vor Angst wie ein Vögelchen auf einem Baum zusammengekauert saß und sich unter dessen Zweigen zu verbergen suchte.

Er wollte zuerst seinen Augen nicht trauen, und das Herz klopfte ihm gar gewaltig in der Brust, so schön und lieblich war die Prinzessin anzuschauen. Und er hob seine Augen zu ihr empor und sprach:

„Bist du eine Fee dieses Waldes, die sich verirrt hat? Steige herab, du holde Jungfrau, ich will dir mein Herz schenken und dich zu meiner Gemahlin machen.“

Ehe die Sonne an diesem Tag ihren höchsten Stand erreicht hatte, kehrte der König mit allem Gefolge nach seinem Schloss zurück und führte die Königstochter mit sich.

Er bereitete alles zur Hochzeit vor, aber am Hof entstand eine große Missgunst gegen seine zukünftige Gemahlin, weil man nicht haben wollte, dass er eine Stumme zur Frau nehme. Die Königstochter gab nämlich, wie die Jungfrau Maria ihr geboten hatte, keinen Laut von sich.

Besonders die Mutter des jungen Königs war von argem Hass erfüllt gegen sie und wollte ihre Einwilligung zur Vermählung nicht geben. Um diese zu vereiteln, gebrauchte sie ein Zaubermittel und steckte heimlich in die Zöpfe der Prinzessin eine Nadel mit einem verzauberten Rubin, der die Macht hatte, seinen Träger in einen tiefen todesähnlichen Schlaf zu versenken.

Und so geschah es, dass man statt einer Hochzeit eine Leichenfeier veranstaltete.

Man legte den todesstarren Körper der armen Prinzessin mit kostbaren Gewändern in einen goldenen Sarg, den man mit herrlich duftenden Blumen ausgelegt hatte, dann schmückte man sie mit dem Brautschleier und trug sie hinaus in den grünen Wald, und zwar an jenen Ort, wo der junge König sie zum ersten Mal erblickt hatte. Dort befestigte man den Sarg mit silbernen Ketten an die Zweige eines Ahornbaumes, auf dem sie damals vor den Hunden Schutz gesucht hatte.

Eine lange Zeit ging dahin. Der Sommer war vergangen, und der Herbst kam ins Land. Da erscholl im Wald wieder fröhlicher Hörnerklang und lautes Hundegebell. Mit seinen Rittern und Knappen zog der junge König auf die Jagd, und als sie am Abend bei Fackelschein mit der gewonnenen Beute zum Schloss zurückkehren wollten, da kamen sie an jenem Ahornbaum vorbei, an dessen Zweigen der goldene Sarg mit der schlafenden Königstochter aufgehängt war.

Der junge König blieb in großer Betrübnis vor dem Sarg stehen, weil er daran dachte, wie schön die Prinzessin gewesen war, die so früh hatte sterben müssen. Er ließ den Deckel vom Sarg abnehmen, denn er wollte die Tote noch einmal sehen. Beim Schein der Fackeln erblickte er sie, die noch so schön war wie in ihrem Leben und nur zu schlafen schien, und rief aus: „O du herzloser Tod, wie konntest du mir diese Lilie mit so grausamer Hand aus dem Garten des Lebens pflücken?“

In seinem Schmerz wollte er der Toten einen Kuss auf die weiße Stirn drücken und hob darum ihr Haupt mit der Hand behutsam empor. Dabei löste sich das geflochtene Haar der Prinzessin, und die verzauberte Nadel mit dem Rubin fiel heraus. Sofort wich der todesähnliche Schlaf von ihr, sie erwachte und blickte erstaunt um sich. Da ergriff der junge König voll Freude ihre Hand und rief aus: „Mein Kuss hat dir das Leben zurückgegeben und nun sollst du bei mir bleiben, solange du lebst.“

Bei Fackelschein trug man darauf die Prinzessin, die in dem goldenen Sarg dalag wie ein Kind in seiner Wiege, unter fröhlichem Hörner- und Liederklang durch den rauschenden Wald in das königliche Schloss zurück.

Eine große Freude herrschte nun am Hof des Königs und im ganzen Land, als die Nachricht sich verbreitete, dass die Prinzessin vom Tod erwacht sei und sich mit dem König vermählen werde. Nur dessen böse Mutter dachte Tag und Nacht daran, wie sie die verhasste Schwiegermutter verderben könne.

Die Hochzeit wurde mit unerhörter Pracht gefeiert, und es ging ein Jahr und ein zweites und dann noch ein drittes in lauter Glück und Freude vorüber. Der König liebte seine Gattin über alle Maßen, trotzdem sie stumm war und keinen Laut von sich gab. Jedes Jahr erlebte er eine überaus große Freude, aber auch einen gewaltigen Schmerz. Schon drei Söhnlein hatte ihnen der Himmel geschenkt, doch jedes welkte nach kurzer Zeit wie ein verdorrtes Blümlein dahin und starb.  Die alte Mutter des Königs vergiftete nämlich aus Hass gegen ihre Schwiegertochter die kleinen Enkelkinder und raunte voll teuflischer Bosheit ihrem Sohn ins Ohr: „Weißt du, wer schuld ist am Tod deiner Kinder? Ich habe es aus gewissen Zeichen erkannt, dass deine Gattin eine arge Hexe ist, die den unschuldigen Kindern das Blut aussaugt. Auf ihrem Mund sind oft blutige Tropfen zu bemerken. Wenn du des Morgens vom Schlaf erwachst, so schau sie an, und du wirst Blut an ihrem Mund bemerken.“

Der König wurde von großem Entsetzen erfasst, als er diese schreckliche Kunde vernahm. Er wollte seine Mutter nicht einer Lüge zeihen, darum rief er die Richter seines Landes zusammen, um die Anklage zu untersuchen. Die Königin stand stumm vor ihren Richtern, und sie sagte kein Wort zu ihrer Verteidigung, denn sie blieb des Versprechens, das sie der Mutter Gottes gegeben hatte, eingedenk und wollte ihre Brüder erlösen. Sie sagte also kein Wort, obgleich ihr vor Verzweiflung das Herz brechen wollte und sie in ihrer Angst am liebsten laut aufgeschrien hätte. Sie wurde von den Richtern als Mörderin ihrer Kinder schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt und sollte sogleich auf den Richtplatz geführt werden, wo der Henker sie bereits erwartete.

Stumm ging sie unter ihren Wächtern dahin und biss sich die Lippen blutig, um nur ja keinen Laut von sich zu geben und ihren Schwur nicht zu brechen. Bei ihrem Anblick wurde das Volk ergrimmt und schrie: „Seht, sie hat das Blut ihrer Kinder, denen sie das Leben ausgesaugt hat, noch auf ihren Lippen.“ Und viele Verwünschungen fielen auf das arme Opferlamm, das von seinem Gatten so grausam verstoßen und von dessen böser Mutter so arglistig verleumdet worden war. Als sie an der der Stelle des Richtplatzes angekommen waren, da nahm der Henker sein großes Beil unter seinem Mantel hervor und fuhr damit durch die Luft, dass es funkelte und blitzte. Schon wollte er das Haupt der armen Königin treffen, da erbebte mit einem Mal die Erde von einem Donnerschlag, der ganze Platz wurde von einem hellen, überirdischen Licht erfüllt, und in der Höhe schwebte die leuchtende Gestalt der Jungfrau Maria in einem langen, glänzenden Mantel mit einer Sternenkrone auf dem Haupt.

Ein Kindlein trug sie auf dem Arm, und zwei klammerten sich mit ihren Händchen an die Falten ihres Mantels. Ernsten Blickes schaute die heilige Jungfrau umher, und das Volk ergriff ein großes Staunen und eine große Angst. Man sah es, die Mutter Gottes war selbst von den Höhen des Himmels herabgekommen, um für die verfolgte Unschuld zu zeugen. „Soll denn immer“, so sprach sie, „der Gerechte auf Erden durch die Blindheit der Menschen leiden müssen? Lasst ab von ihr, denn sie konnte sich nur darum nicht verteidigen, weil sie ein Gelübde, während dreier Jahre zu schweigen, erfüllen musste. So will ich für sie zeugen, und ich sage euch, sie ist unschuldig. Hier bringe ich dir deine drei Kindlein wieder, und deinen Brüdern will ich die menschliche Gestalt wiedergeben.“ Da sank die arme Königstochter zu den Füßen der heiligen Jungfrau nieder, und vor Glück und Seligkeit weinend, konnte sie nur das eine Wort sagen: „O sei gebenedeit, du gütige Jungfrau Maria!“

Aus den Wolken aber kamen mit einem Mal zwölf riesige Adler dahergeflogen: die verwandelten zwölf Brüder. Sie umringten ihre Schwester, und auf einen Wink der heiligen Jungfrau nahmen sie wieder menschliche Gestalt an. Sie standen da in ihren goldenen, schimmernden Rüstungen und beugten das Knie vor der Gottesmutter und gelobten ihr Verehrung und Treue immerdar.

Das Volk war außer sich vor Freude über das wunderbare Ereignis und die glückliche Rettung der Königin und sang zu Ehren Marias fromme Lieder. Der König drückte seine Gemahlin voll Liebe und Mitleid an seine Brust und herzte und küsste seine so wunderbar wiedergeschenkten Kinder. Nur die Mutter des Königs war die einzige, die an diesem Tag keinen Grund zur Freude hatte. Weil sie in ihrer Bosheit die Frau ihres Sohnes so teuflisch verderben wollte, wurde sie hart gestraft und war von diesem Tag an taub, stumm und blind und führte ein jämmerliches Dasein bis an ihr Ende.