XXVI. Vom Ende der Welt und dem letzten Gericht.

 

Wenn die glühende Kette, an die Luzifer geschmiedet ist, einmal durchbrennt und der Fürst der Finsternis sich von der Säule, an die er gefesselt ist, losreißen kann, dann wehe der Welt, dann ist der Tag des Gerichts angebrochen.

Auf der Erde werden schreckliche Zeichen erscheinen, und die Menschen mit angstverzerrten Gesichtern einhergehen, ihre Arbeit im Stich lassen, auf die Felder hinauslaufen und entsetzt zum finsteren Himmel emporstarren. Im Schoß der Erde wird man ein donnerartiges Getöse hören, und eine große fürchterliche Angst vor einem unfassbaren schrecklichen Ereignis wird alles, was da lebt, ergreifen.

Eine schwere Betäubung wird sich auf die Seelen der Menschen legen, und sie werden die Teilnahme an allem, was ihnen das Leben schön und angenehm machte, was sie gewünscht und gehofft haben, verlieren. Alles das fällt von ihnen ab wie ein vertrocknetes Blatt von einer verdorrten Blume, und nur eins wird bleiben – die Angst.

Und um die Stunde der Dämmerung wird man an diesem Tag in allen Häusern auf Erden ein leises Klopfen vernehmen, und eine geheimnisvolle Stimme wird fragen: „Schlaft ihr?“ Und wenn die Menschen halb im Schlaf zur Antwort geben: „Ja, wir schlafen“, dann wird die Stimme erwidern: „So schlafet den ewigen Schlaf!“ Wenn aber die Antwort lautet: „Wir wachen“, so wird die Stimme sagen: „So sollt ihr denn ewig leben“.

In jedem Haus der Welt wird sich diese Stimme, die die Menschen zur Wachsamkeit auffordert, vernehmen lassen. Es ist aber die Stimme der heiligen Jungfrau, die auf die Erde herabkommt, um die Menschen auf das Ende der Welt und das letzte Gericht vorzubereiten.

Darauf wird die Erde sich spalten und ein schreckliches Ungetüm, einen Sohn Luzifers, den Antichrist, von sich geben; der wird auf einem Feuerwagen umherfahren und zu den Menschen also sprechen:

„Kommt zu mir alle, denn ich will euch ein neues Leben schenken, einen neuen Glauben, eine neue Lehre und neue Gebote. Fallet ab von Gott, denn Gott ist nicht mehr. Ich bin euer Gott, euer Herr und Erlöser, und mir sollt ihr folgen.“

Und wer sich von ihm durch seine stolzen Worte verführen lässt, zu dem wird er hintreten und ihm auf die Stirn ein schwarzes Kreuz zeichnen zur Bekräftigung, dass er der Hölle mit Leib und Seele untertan sein will.

Aber da wird der Himmel sich auftun, und ein Engel des Herrn steigt herab, der dem Teufel seine Beute entreißt. Er wird dem verführten Menschen mit heiligem Öl das schwarze Kreuz von der Stirn wischen. Darüber gerät der Fürst der Finsternis in Wut und sendet eine Legion böser Geister auf die Erde.

Die Erde öffnet sich, und das Feuer der Hölle schlägt daraus empor. Die Berge wanken in ihren Grundfesten, wilde Stürme brausen durch die Luft, und das Meer tritt schäumend aus seinen Ufern. Alles, was auf Erden lebt, wird nun von einem schrecklichen Wahnsinn ergriffen und zerfleischt sich gegenseitig. Die Flüsse färben sich blutrot, denn alles Blut, das je vergossen wurde und in den Boden eindrang, tritt wieder zutage und ergießt sich in Strömen ins Meer.

Und Luzifer sagt Gott zum zweiten Mal den Kampf an.

Über dem schrecklichen Chaos, das die ganze Welt jetzt verschlingen will, stürmen in den Lüften, zwei geballten Wetterwolken gleich, das Heer der Engel und das Heer der bösen Geister aufeinander. Ein schrecklicher, gewaltiger Kampf entbrennt. Die Teufel fliegen heulend in den Lüften und wollen den Himmel erobern. Aber da stößt ihr Anführer plötzlich einen so gewaltigen Schrei aus, dass die schwarzen Scharen der Höllengeister vor Furch und Entsetzen erzittern, denn am Himmel erscheint mit einem Mal ein großes, strahlendes Kreuz.

Die Teufel lassen ihren Herrn und Meister im Stich, ein großer Schrei der Angst geht von ihnen aus. „Gnade, Herr, Gnade!“ tönt es von ihren Lippen. Aber die Zeit der Gnade ist vorbei.

Gott der Herr tritt aus dem Palast des Himmels hervor, und der Erzengel Michael lässt seine Posaune nach den vier Richtungen der Welt ertönen und entbietet die Lebendigen und die Toten ins Tal Josaphat zum letzten Gericht.

Tief unten aber geht die Erde vollends in Flammen auf.

Wenn sie verbrannt sein wird, wird sie wieder so durchsichtig und weiß erscheinen wie damals nach Erschaffung der Welt, ehe Kain seinen Bruder Abel erschlug.

Und auf einen zweiten Posaunenschall stehen die Toten aus ihren Gräbern auf und eilen in gedrängten Scharen, wie ein Strom, der immer mehr anschwillt, in das weite Tal Josaphat, das nahe bei dem Ort des Fegfeuers gelegen ist. Alt und jung, jedes Geschlecht, alle Völker der Erde leisten dem Ruf Folge.

Nun erscheint Christus im Kreis der Erzengel und nimmt auf seinem Richterstuhl Platz. Der hl. Michael lässt zum dritten Mal die Posaune ertönen als Zeichen, dass der Tag des Gerichts beginnt.

Und da wird eine große Stille sein, und kein Laut ist auf der Welt sonst zu hören.

Christus aber erhebt die Hand, und mit einer Stimme, die schallt wie alle Glocken der Erde, lässt er sich also vernehmen:

„Friede sei mit euch allen, die ihr gerecht und gottesfürchtig gelebt habt. Friede sei mit euch, die ihr bei mir ausgeharrt und mich nicht verleugnet habt. Dafür sollt ihr in Ewigkeit bei mir bleiben. Tretet ein, ihr Gerechten, in das himmlische Haus, das euch erwartet.“

Darauf lässt der Herr die Gerechten zu seiner Rechten Platz nehmen. Dann spricht er mit zürnender Stimme, die wie ein Donner durch die Räume des Himmels schallt, zu den anderen: „Ihr aber weichet von mir auf Ewigkeit, weil ihr an mich nicht geglaubt und mich verleugnet habt. Ich kenne euch nicht, und für euch ist kein Platz im Himmel bereitet. Darum soll die Hölle euch aufnehmen.“

Und auf der linken Seite des Herrn herrscht blindes Entsetzen, und die Verdammten winden sich schweigend in Angst und Verzweiflung.

In göttlicher Majestät, von himmlischem Glanz umflossen, steht Christus da, ergreift das Kreuz und segnet damit die Welt.

Der schreckliche Tag des Gerichts ist vorüber.