XXV. Von der Hölle, von Luzifer und den Teufeln. Von Judas und einem Ritter und dessen Verehrung für die Mutter Gottes.

 

Im Feuerpfuhl der Hölle herrscht ein unaufhörliches schreckliches Getöse. Heiße Schwefelwolken ballen sich zusammen gleich ungeheuren Drachen, und mächtige Flammen züngeln zischend empor wie riesige Schlangen. In großen Kesseln siedet das Pech und erfüllt die Luft mit solch einem beißenden Gestank, dass sogar die Teufel von einem ewigen Husten und Würgen geplagt werden.

Der ganze Raum ist erfüllt von Heulen, Stöhnen, Schreien und Jammern, und das Zähneknirschen hört hier gar nie auf. Besonders schrecklich aber ist das Rasseln der Kette anzuhören, mit der Luzifer an eine Säule mitten in der Hölle gekettet ist, und an der er in seiner Wut fortgesetzt zerrt und rüttelt.

Es ist das dieselbe Kette, die der Fürst der bösen Geister nach Erschaffung der Welt jahrhundertelang selbst geschmiedet hat, um später den Erlöser der Menschheit damit zu fesseln. Und nun muss er seine eigne Kette tragen. Der Heiland selbst hatte sie ihm nämlich, als er nach seiner Grablegung in die Hölle hinabgestiegen war, durch den Erzengel Michael anlegen lassen.

Die Teufel sind von ruchlosem Hass und großer Bosheit gegen ihren Herrn und Meister Luzifer erfüllt, weil sie durch ihn den Himmel verloren haben und im Kampf mit Gott unterlegen sind. Und durch seine Schuld müssen sie jetzt bis zum Tag des jüngsten Gerichts die schrecklichsten Marter und Qualen im Höllenfeuer erdulden.

Aber die glühende Kette, an die Luzifer gefesselt ist, brennt von Jahr zu Jahr mehr durch und wird schließlich einmal auseinanderreißen. Dann wird der befreite Fürst der Hölle seine Scharen um sich versammeln und von neuem gen Himmel stürmen. Dieser schreckliche Kampf wird aber am Tag des Gerichts, am Ende der Welt stattfinden.

Wenn dann die Horde der Teufel gegen die Himmelspforte losstürmt, dann wird Gott in schrecklicher Majestät ihnen entgegentreten, und ein einziger unwilliger Blick seiner Augen wird die höllischen Geister in Verwirrung setzen und sie in den unergründlichen Abgrund der Hölle zurückschleudern. Und keine Spur wird von ihnen zurückbleiben.

Aber ehe diese schreckliche Niederlage über sie kommen wird, erbebt die Hölle noch immer von ihrem Geheul und Geschrei.

Die Seelen, die für ihre Sünden zur ewigen Qual im Höllenpfuhl verurteilt sind, winden sich dort in entsetzlichen Martern ohne Linderung, ohne Ende, und das Feuer, das sie brennt, wird immer heißer, immer schrecklicher, immer unerträglicher. Jede schwere Sünde, jedes Verbrechen, jede Beleidigung Gottes findet hier ihre entsprechende Sühne. Wie aus dem Korn des Getreides sich die Ähre entwickelt, so geht aus dem Samen der Sünde, die der Mensch in sein Leben gesät hat, nach dem Tod die Frucht der Strafe auf.

Aber die schrecklichste Beigabe der Qual der Verdammten, einem Dorn in einer blutenden Wunde vergleichbar, ist die schreckliche Hoffnungslosigkeit und das Bewusstsein, dass ihre Pein nie ein Ende nehmen, dass ihre Strafe niemals aufhören wird, dass sie in Ewigkeit dauern soll.

Dicht bei der Pforte der Hölle hängt an einem Haken der abscheuliche Verräter Judas. In der Hand hält er noch immer den Beutel mit den Silberlingen. Seine blutunterlaufenen Augen sind herausgequollen und starren voll Entsetzen in die Hölle, und er zittert vor Angst wie Espenlaub in ewiger Furcht vor dem Tod. Ein Teufel zieht die Schlinge, in der er hängt, immer wieder zusammen, und so kann der Verräter niemals sterben und stirbt doch jeden Augenblick.

Im Grunde der Hölle sieht man schwarze, düstere Wälder stehen, in denen Bäume wachsen wie riesige Ungeheuer, und in schmutzigen Sümpfen, die Leichendüfte aushauchen, wälzen sich hundertköpfige scheußliche Schlangen und Drachen. Riesengroße Vögel von schrecklichem Aussehen fliegen über diese Sümpfe dahin und erheben dabei ein entsetzliches, durchdringendes Geschrei. Von dem Wind, den sie bei ihrem Flug verursachen, fallen selbst die Bäume im Wald zu Boden.

Durch diese Sümpfe und Moraste führt nun der Weg der Sünde. Er ist sehr breit und bequem, und man geht darauf so weich wie auf Samt. Dadurch wird der, der ihn betritt, verführt, immer weiter zu gehen, und die Seele wird in den Hinterhalt der Hölle gelockt.

Aber auch hier, an diesem Ort der Verdammnis, an dieser Stätte der Sünde und des Verbrechens, hier im finsteren Reich des Fürsten Luzifer, wo nie ein Sonnenstrahl hinfällt, wo nur Angst, Grauen und Verzweiflung wohnt, selbst hier ist die Verehrung für die heilige Jungfrau nicht erloschen.

An der Schwelle der Hölle sitzt nämlich ein Ritter, der einst ein lustiges Leben in Saus und Braus geführt und dafür dem Teufel seine Seele verkauft hatte. Er sitzt nun da vor der Hölle und schlägt an seine sündige Brust und senkt das Haupt in Reue und Demut, und die Tränen rinnen ihm über das durchfurchte Antlitz in den Bart. Er faltet jeden Augenblick die Hände, und seufzend vor Kummer und Verzweiflung, singt mit zuckendem Mund die Tagzeiten zur allerseligsten Jungfrau Maria.

Der Teufel hatte ihn, obgleich er die Verschreibung seiner Seele in Händen hatte, bei seinem Flug zur Hölle unterwegs fallen lassen müssen und ihn dicht an der Schwelle zurückgelassen, weil er laut ein frommes Lied zu singen begann und seine unwürdige Seele der Mutter Gottes empfahl.