XXIV. Von den Seelen und ihren Wanderungen nach dem Tod. Wie die Mutter Gottes ihnen zu Hilfe kommt.

 

Im Garten des Paradieses liegen weite Felder und Wiesen, auf denen man so bequem und behaglich einhergehen kann wie auf einem Teppich. Nicht weit davon steht ein Wald von lauter Lilien. Auf den schattigen Wegen dieses Lilienwaldes lustwandelt die heilige Jungfrau täglich, und die Lilien neigen dann vor ihr ihre weißen Häupter und hauchen ihr süße Düfte entgegen.

Auf den blumigen Wiesen des Paradieses weiden schneeweiße Lämmer; das sind die unschuldigen Seelen guter Menschen, die die Mutter Gottes jetzt behütet. Wenn sie liebevoll auf sie blickt und ihre Hand segnend über sie ausstreckt, dann wird die Farbe ihrer weißen Vliese wie vor Stolz noch heller und leuchtender.

Aber in dieser Herde nimmt die Mutter Gottes, wie gesagt, nur ganz auserwählte Seelen auf.

Wenn eine solche Seele nun zum ersten Mal den Weg der Ewigkeit betritt und nicht weiß, wohin sie sich wenden soll, und ganz bescheiden und erschreckt dasteht, weil sie vor sich die Tore des Himmels noch geschlossen, in der Tiefe aber die Hölle weit geöffnet sieht, da ruft sie unter Tränen aus: „Wo soll ich Ärmste mich hinwenden? Wo ist der Weg, der mich zum rechten Ziel führt?“

Da steht dann plötzlich die Mutter Gottes vor ihr, führt sie den Weg der Ewigkeit und spricht zu ihr gütig und liebreich: „Weine nicht, liebe Seele, und fürchte dich nicht vor der Hölle; denn ich geleite dich zum Paradies, wo du als weißes Lämmchen auf blumiger Wiese in Ewigkeit weiden sollst.“

Aber nicht allen Seelen kommt die heilige Jungfrau also zur Hilfe. Viele sind ganz ratlos und irren hierher und dorthin und wissen nicht aus noch ein.

Manchmal gehen sie auf den Friedhof und sagen: „Lieber Friedhof, nimm uns auf in deine Gräber, wo wir in Ruhe den Tag des Gerichtes erwarten können.“ Und der Friedhof antwortet: „Ich kann euch nicht aufnehmen, denn ihr seid gestorben ohne die heilige Beichte.“

Dann gehen die Seelen an die Kirche und rufen: „Kirche, öffne dein Tor und lass uns ein! Wir wollen in dir wohnen und am Altar knien bis ans Ende der Zeiten.“ Aber die Kirche gibt ihnen zur Antwort: „Ich kann euch nicht einlassen, ich kann es nicht.“

Und dann gehen die Seelen zum Wald und bitten: „Lieber Wald, nimm uns auf in deinen Schatten und lass uns in deinem Dickicht uns verbergen. Siehe, wir haben im Leben nur Mühe und Plagen gehabt, und jetzt sehen wir uns nach Frieden und Ruhe.“ Und der Wald rauscht zur Antwort: „Ich kann nicht.“

Die müden Seelen wandern weiter und kommen endlich zum Feuer, das sie bitten: „O Feuer, erbarme dich unser, ergreife uns mit deinen Flammen und wärme uns, denn wir haben im Leben viel Kälte leiden müssen.“ Aber auch das Feuer sagt Nein und zischt zur Antwort: „Ich kann nicht, ich kann nicht.“

Nun gehen die verzagten Seelen weiter und kommen zum Wasser. „O Wasser“, so sagen sie, „nimm uns auf in deine kristallenen Fluten, denn wir sind erschöpft und dürsten, denn das Leben hat uns so ausgedörrt.“ Aber das Wasser flüstert als Antwort: „Ich kann nicht, ich kann nicht.“

Nun sind die Seelen ganz trostlos und irren in ihrer Verzweiflung schließlich bis an die Pforte der Hölle, wo sie, die Hände ringend, ausrufen: „O Hölle, wenn uns denn alles zurückstößt, so nimm du uns auf! Gott will von uns nichts wissen, der Friedhof verweigert uns die Ruhe, die Kirche gibt uns keinen Schutz, der Wald, das Feuer, das Wasser keine Zuflucht. Darum nimm du uns auf, o Hölle, für alle Zeiten.“

Und die Pforten der Hölle springen auf mit gewaltigem Getöse, und ein mächtiges Feuer schlägt ihnen prasselnd entgegen, und aus den Flammen schallt eine schreckliche Stimme: „Kommt nur herein!“

Aber da ergreift die irrenden Seelen eine fürchterliche, entsetzliche Angst. Sie zittern und beben beim Anblick des Höllenpfuhls, sie erkennen, welch ein schreckliches Los sie dort erwartet, und vor Angst und Verzweiflung beginnen sie zu rufen: „Heilige Jungfrau, rette du uns, du unsere Mutter, du unsere Fürsprecherin!“

Und Maria kommt ihnen wirklich zu Hilfe. In ihrem lichten Mantel und mit der Sternenkrone auf dem Haupt schwebt sie aus den Höhen des Himmels herab, macht das Zeichen des Kreuzes über sie, und ehe das Feuer der Hölle sie noch ergreifen kann, bedeckt sie sie behutsam mit ihrem Mantel. Dann führt sie die armen verzweifelten Seelen wie eine gute, getreue Hirtin den rechten Weg zum Himmel empor.

Aber nicht immer kann sich die heilige Jungfrau so gütig und hilfreich erweisen. Denn manche Seelen sind beim Verlassen dieser Welt zwar noch mit großer Schuld bedeckt, empfehlen sich aber ihrer gütigen Fürsorge. Diese Seelen reinigt sie selbst von ihren irdischen Makeln, indem sie sie auf dornigen steinigen Pfaden durch viele Beschwernisse und Prüfungen hindurchführt. Und dann bittet sie ihren Sohn recht inständig, er möge den armen Seelen, die weinend vor der Himmelspforte stehen, Einlass gewähren. Und der Heiland erfüllt die Bitte seiner Mutter.

Maria gibt in ihrer Güte stets Obacht, wo sie helfen könne. Wenn sie den Klagelaut einer Seele vernimmt, die sich nicht aus eigenen Kräften zum Himmel emporschwingen kann und in ihrer Angst weinend zusammenbrechen will, dann schickt sie ihr einen Engel entgegen, der sie schützt wie eine zarte Blume und sie auf seinen Armen zum Thron der Gottesmutter emporträgt.

Sie selbst hat ja so viele Tränen auf Erden vergossen und so viele bittere Schmerzen erduldet, dass sie als gütige, liebreiche Mutter den Menschen immer zuruft: „Keine Träne soll auf Erden umsonst vergossen sein.“