XXII. Von der Lerche, der Sängerin der Mutter Gottes.

 

Als Adam, der Vater des Menschengeschlechtes, nach seiner Vertreibung aus dem Paradies die harte Erde bebauen musste und in schwerer Arbeit sich abmühte, da war er überaus traurig und niedergeschlagen; denn er musste immer daran denken, dass er seiner Sünde wegen das Paradies verloren hatte.

Die Schollen der Erde waren wie Felsen hart, und er konnte sie kaum zerschlagen, die Sonne verbrannte ihn mit ihren unbarmherzigen Strahlen, und er fühlte sich gar allein und verlassen auf der Welt. Selbst die Tiere mieden ihn in scheuer Angst. Er hatte das Paradies verloren und trug jetzt die Hölle in seiner Seele. Eines Tages trat nun Gott der Herr zu Adam, der gerade im Schweiß seines Angesichts seinen Acker pflügte, und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Adam war so vertieft und schaute mit traurigen Augen den harten Boden an wie einen stummen, unerbittlichen Feind, dass er in seinen Gedanken Gott den Herrn gar nicht bemerkte.

Gott aber fragte ihn: „Wie geht es dir, Adam?“ Der erwachte aus seinem Sinnen und antwortete: „Schlecht, o Herr, denn ich trage schwer an deiner Strafe. Ich bin so allein bei meiner Arbeit, ich habe niemand, der mich aufmuntert, ich bin allein und verlassen.“ Und er seufzte dabei so traurig, dass Gott von Mitleid ergriffen wurde.

Der Herr nahm nun eine Erdscholle in die Hand und warf sie in die Luft. Die Erdscholle aber verwandelte sich in ein graues Vögelchen, das fröhlich mit den Flügeln schlug, sich in die Lüfte hinaufschwang und gar anmutig zu Häupten Adams zu singen begann.

Seitdem begrüßte die Lerche Adam an jedem Morgen, wenn er an seine harte Arbeit ging, und erinnerte ihn durch ihr fröhliches Lied an die Liebe und Erbarmung Gottes. So war Adam nicht mehr traurig, weil er jemand hatte, der ihn bei der Arbeit aufmunterte.

Zu der Zeit, als Jesus auf Erden wandelte, die Menschen lehrte und Wunder wirkte, da flog die Lerche jeden Tag nach Nazareth zur Hütte der Mutter Gottes und meldete ihr, wie es ihrem göttlichen Sohn ergehe, und was er treibe, auf dass das Herz der Mutter Gottes beruhigt sei.

Wenn Maria einsam in ihrer Kammer saß und in Gedanken an die kommenden Leiden ihres geliebten Kindes still vor sich hin weinte, da suchte die Lerche sie im Garten durch ihr fröhliches Singen zu trösten. Und wenn der Heiland sich gen Abend auf den Heimweg begab, da eilte ihm die Lerche voraus und meldete der Mutter die Ankunft des Sohnes. „Heilige Jungfrau“, so rief sie, „weine nicht, denn dein Sohn ist nahe.“

Als Christus auf Golgatha am Kreuz hing, und die Erde vor Entsetzen bebte, dass Gottes Sohn sterben solle, da kam ein kleines Vögelchen geflogen und versuchte mit eifriger Mühe und aller Kraft, die Dornen aus der blutenden Stirn des Heilandes zu ziehen. Es flatterte aufgeregt um das Kreuz und sang ein gar trauriges Lied von dem gütigen Heiland, der sein Leben für die Menschheit dahingibt. Das mitleidige kleine Vögelchen war aber die Lerche.

Die heilige Jungfrau vergaß diese treue Liebe der Lerche zu ihrem Sohn nicht, denn sie nahm das kleine Vögelchen mit sich in den Himmel. Und am Fuß ihres Thrones, unter ihrem glänzenden Sternenmantel ist auch ein warmes Plätzchen für die kleine Lerche bereitet, und man nennt sie seitdem die Sängerin der Mutter Gottes.

Maria hegt ihre Sängerin in treuer Fürsorge, und wer ihrem Schützling ein Leid antut oder gar sein Nest zerstört, den trifft eine harte Strafe, denn er muss erblinden.

Zu Füßen der heiligen Jungfrau sitzt nun das graue Vögelchen und singt jeden Abend und Morgen beim Aveläuten fröhlich und dankbar: „Gegrüßet seist du, Maria!“

Und die Mutter Gottes hört mit Freude und Wohlbehagen ihrer Sängerin zu.