XXI. Die Mutter Gottes als Spinnerin. Von der Spinne. Wie die Mutter Gottes die Menschen spinnen und weben lehrte.

 

Wenn der kühle Herbst anfängt, das Land zu färben und die verwelkten Blätter von den Bäumen zu fallen beginnen, dann schreitet die Mutter Gottes in ihrem Strahlengewand durch die himmlischen Höhen. Und der Glanz, der von ihr ausgeht, scheint die Wiesen und Wälder mit einem goldigen Schimmer zu überziehen.

Die heilige Jungfrau setzt sich dann nieder zur Arbeit und nimmt eine Spindel zur Hand. Das tut sie aber aus folgender Ursache.

Kurz bevor nämlich der weiße, kalte Winter auf die Erde kommt, drängen sich die armen kleinen Seelchen der Kinder, die ohne die heilige Taufe diese Welt verlassen haben, zitternd vor Kälte am Eingang zum Garten des Paradieses, schauen sehnsüchtig hinein und möchten sich gerne hineinstehlen, wenn sie nur könnten. Aber ihnen ist der Eingang ins Paradies verschlossen, weil sie mit der Erbsünde befleckt sind.

Für diese Seelchen spinnt Maria, die Gütige, ein dünnes, feines Garn, und daraus weben dann die Engel weiche Röckchen und hängen sie, geradeso wie man auf der Wiese die weiße Leinwand ausbreitet, am Himmel auf, damit die Seelen der armen Kinder wenigstens nicht zu frieren brauchen. So sitzt also die gute Mutter Gottes an den Herbsttagen am Spinnrocken, und die kleinen Seelchen bekommen dann für den Winter ein warmes Kleid.

Bei ihrer eifrigen Arbeit blickt Maria manchmal auf die Erde hinab und sieht dann, wie gleichgültig und unbarmherzig die Menschen gegenüber der Not ihres Nächsten sind. Das schmerzt sie sehr, darum reißt sie eine Handvoll Fäden von ihrem Gespinst und wirft es nach unten. Der Wind trägt dann die weißen Fäden durch die Lüfte und treibt sie hierhin und dorthin, gleich als ob sie die Menschen mahnen wollten, sich aller armen Waisen zu erbarmen.

Aber der dünne Faden, den die Mutter Gottes selbst in Händen gehabt hat, und der gleichsam den Himmel mit der Erde verbindet, bedeutet auch einen Talisman des Glücks für den Menschen. An wen sich auch nur ein winziges Fädchen des feinen Gespinstes anklammert, der steht bei der heiligen Jungfrau in hoher Gnade und pflegt an einem solchen Tag im Geist fröhlicher und glücklicher sein als sonst. Die weißen Fäden, die vom Himmel herabfliegen, bringen mitten im Herbst dem Gemüt des Menschen eine Erinnerung an vergangene sonnige Frühlingstage.

Die abscheuliche Spinne allein freut sich nicht beim Anblick der weißen Marienfäden, sondern sie schaut sie mit Neid und Missgunst an. Als sie nämlich einmal in ihrem Hochmut sich rühmte, sie könne viel dünnere Fäden spinnen als die Mutter Gottes, da wurde sie von Gott wegen dieser Überhebung gestraft. Sie muss seitdem ihre Wohnung in schmutzigen Winkeln und Löchern aufschlagen, und ihr Netz ist ein so elendes Gespinst, dass es der Wind mit dem leisesten Hauch zerreißen kann.

Maria denkt bei der Arbeit stets an die Menschenkinder auf Erden. Wenn sie so bei Beginn des Herbstes lange Fäden von ihrer Spindel herablässt, will sie damit auch die Frauen erinnern, dass bald die Stunden fleißiger Arbeit am Spinnrocken beginnen, denn die langen Winterabende kommen heran, und sobald der erste Schnee die Felder bedeckt, brennt in den Hütten auf dem Herd ein lustiges Feuer. Und wenn die harzigen Scheite des Holzes im Feuer knistern und die Funken sprühen, dann sitzen die Mädchen im Kreis herum und erzählen bei der Arbeit Geschichten und singen fröhliche Lieder. Sie erzählen die alten bekannten Sagen von der verzauberten Königstochter, von den drei Brüdern, die in den Kampf auszogen, und viele andere. Wenn ihnen aber mit der Zeit der Stoff ausgeht, dann nimmt eine von ihnen das Wort und spricht: „Nun will ich euch eine schöne, wahre Geschichte von der heiligen Jungfrau erzählen, wie sie die Menschen gelehrt hat, die Leinwand zu bereiten. Passt also auf!

Vor langer Zeit stand in einem Dorf, ganz nahe am Wald, eine Hütte und bei der Hütte war ein Garten und ein Feld. Im Garten wuchsen Obstbäume und viel Gemüse, und auf dem Feld stand fruchtbares Getreide. In der Hütte wohnte ein Bauer mit seiner Frau und einer Tochter. Da sie alle drei fleißig waren und sich tüchtig rührten, so segnete Gott ihre Arbeit, und sie hatten immer reichlich zum Leben.

Aber da wurde der Bauer schwer krank und musste sich legen. Er konnte nicht mehr aufs Feld hinausgehen und pflügen, und dieses lag brach und öde da. So kam es, dass die Not und die Sorge in das Haus des Bauern traten. Das Elend war groß, aber die Tochter ließ den Mut nicht sinken. Sie betete Tag und Nacht zu Gott und der heiligen Mutter, sie mögen ihre Eltern im Alter doch nicht verlassen und ihnen das tägliche Brot geben.

Einmal war das Mädchen am Bett ihres kranken Vaters, wo sie die Nacht über wachte, eingeschlafen. Da sah sie im Traum die heilige Jungfrau plötzlich in die Stube treten, und diese sprach: „Gräme dich nicht länger; denn siehe, ich bringe dir Trost und Hilfe. Betrachte diese Blume mit blauer Blüte, die ich hier in der Hand halte. Morgen früh wirst du davon eine große Menge auf eurem Feld finden. Pflücke von diesen Blumen soviel du nur kannst, und du wirst sehen, dass sie dir nützen werden.“ Das Mädchen war sehr erstaunt, aber sie wagte vor lauter Demut die Mutter Gottes nicht zu fragen, welchen Nutzen ihr die kleine Blume mit blauer Blüte am langen Stängel wohl bringen könne.

Früh am anderen Morgen lief sie sogleich aufs Feld, und sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie die Unmenge der Blumen erblickte, von denen sie eine im Traum in der Hand der Mutter Gottes gesehen hatte. Die Blumen aber neigten ihre Häupter und schienen ihr zu sagen: „Pflücke uns, wie es dir die heilige Jungfrau befohlen hat.“

Aber das Mädchen wusste nicht, was es mit den vielen Blumen beginnen sollte. Ganz ratlos sprach sie: „Mein Gott, wer kann mir da nur helfen? Ich weiß ja nicht, was ich tun soll, damit die Blumen mir nützen können.“ Und betrübt und nachdenklich ging sie den ganzen Tag umher, fand aber keinen Rat.

In der Nacht war sie in ihrer Kammer auf der Bank eingeschlafen und da sah sie bald im Traum, bald im Wachen einen kleinen Engel die Tür öffnen und leise eintreten. Und hinter ihm kam ein zweiter und dritter und ein vierter, und schließlich eine so große Anzahl, dass die ganze Stube voll von ihnen war. Die Engel brachten merkwürdige Geräte herbei, wie sie das Mädchen vorher niemals gesehen hatte, kleine Räder und Stühle, Haspeln, Fäden und Spindeln und dergleichen und begannen diese Geräte zusammenzufügen und aufzustellen.

Als sie damit fertig waren, öffnete sich wieder die Tür, und herein trat die heilige Jungfrau selber und sprach: „Gelobt sei Jesus Christus“. Worauf die Engel zur Antwort gaben: „In Ewigkeit, Amen.“

Nun befahl Maria der Tochter des Bauern, die voll Staunen dabeistand, recht Obacht zu geben und sprach: „Schaue nur gut zu, damit du lernst, wie jetzt aus diesen Fäden ein langes Garn und daraus die Leinwand entsteht.“ Darauf verknüpfte sie die Fäden, ließ das Weberschifflein laufen und webte eine Unmenge der schönsten Leinwand.

Auf diese Weise lernte also das Mädchen von der Mutter Gottes, wie man die Pflanze mit der blauen Blüte, die Flachs genannt wird, zubereitet, wie man dann aus ihr das Garn gewinnen und daraus schöne Leinwand weben kann.

Die ganze Nacht blieb Maria in der Hütte, und erst, als die Hähne zu krähen begannen, verschwand sie mit allen Engeln, die sie begleitet hatten.

Das Mädchen aber hatte alles, was ihr die Mutter Gottes gezeigt hatte, wohl begriffen und nähte aus der ersten Leinwand, die sie webte, ihren Eltern schöne Hemden.

Seit dieser Zeit brauchten sie durch die Güte Marias keine Not mehr zu leiden.