XX. Von der Sonne, dem Mond und den Sternen. Von der Missetat Kains. Von der Sonne als Malerin. Vom hl. Georg und der Milchstraße.

 

Als Widerschein des göttlichen Lichtes glänzen am Himmel Milliarden von Sternen, die wie Perlen und Brillanten auf dem Firmament ausgestreut sind. Wie sich am Morgen das Licht der Sonne in den Tautropfen widerspiegelt, so spiegelt sich bei Nacht in ihnen der Glanz des Himmels wider. Mitten unter die Sterne aber hat die heilige Jungfrau die lichte Sonne und den silbernen Mond an das Himmelsgewölbe gehängt. Auf die Gestirne fällt nun ein Schein des himmlischen Glanzes und das Licht aus den Augen der Mutter Gottes durch eine kleine Pforte, die die Heiligen immer offen lassen.

Wenn Gott Vater diese Pforte schließen wollte, dann müsste die Sonne erlöschen wie eine ausgeblasene Kerzen, und eine große dichte Finsternis fiele auf die Erde. Aber so erhält die Sonne durch die Gnade der heiligen Jungfrau ihr Licht vom Glanz des Himmels und von den Strahlen ihrer Augen und hat ihr Dasein, wie alle anderen Dinge, die Gott geschaffen hat. Sie wandelt hoch oben über die Erde, über das Gestade des Meeres dahin und erleuchtet alles. Überall hin trägt sie den Glanz von den Augen der Mutter Gottes und segnet damit die ganze Erde und erfreut aller Menschen Herz. Sie sinkt in die tiefsten Tiefen des Meeres, aber ihr Feuer erlischt nicht, sondern sie lodert wie jener Busch des Moses, aus dem der Herr gesprochen hat und kann nie und nimmer verbrennen. Licht und Wärme gießt sie aus über die Erde und lässt jedes Körnchen wachsen, das der Wind oder die Hand des Menschen eingesät hat. Sie schmückt die Erde mit Farben, wie sie kein Maler schöner erfinden kann.

Denn wenn die Sonne nicht wäre, so hätte die Erde ein schmutziges braunes Aussehen, wie von vergossenem Blut, so wie damals, als Kain Abel erschlug und den ersten Mord vollbrachte.

Damals war die Erde nämlich rein, weiß und durchsichtig wie Kristall. Als nun Kain mit blutigen Händen den Leichnam Abels begrub, da konnte er in der durchsichtigen Erde den Toten überall sehen, und es war ihm unmöglich, ihn zu verbergen. Darum verfluchte er die Erde, weil sie sein Verbrechen so offenbar machte, und durch diesen Fluch wurde die Erde schwarz.

So wäre sie auch geblieben bis auf unsere Zeit, wenn nicht Gott in seiner Güte der Sonne befohlen hätte, alle Wiesen, Felder, Berge und Wälder mit fröhlichen Farben zu überkleiden.

Die Heiligen lustwandeln gerne in den weiten Räumen des Himmels. So suchen sie oft die Sonne auf und kommen dann auf ihrer Rückkehr auch zum Mond, wo seit undenklichen Zeiten der hl. Georg wohnt. Wie dieser berühmte Ritter dorthin gekommen ist, das trug sich folgendermaßen zu.

Einst lebte auf Erden ein großer Zauberer, der war ein grimmiger Feind des heiligen Glaubens und wollte von Gott nichts wissen. Er hatte ein einziges Kind, eine junge Tochter, die eine sehr fromme und züchtige Jungfrau war. Sie betete im Geheimen zur Mutter Gottes und empfahl ihr in heißem Flehen ihre Seele. Als der grausame Vater das bemerkte, wollte er aus Hass sein eigenes Kind töten. Er führte einen abscheulichen Drachen herbei und lieferte ihm seine Tochter aus. Aber da mischte sich Gott in die Sache ein, und der hl. Georg, ein weitberühmter Ritter, tötete das grimmige Tier auf der Stelle, indem er ihm den Hals mit seiner Lanze durchbohrte. So entging das Mädchen dem schmählichen Tod. Die heilige Jungfrau aber, die diese tapfere Tat des Ritters Georg gesehen hatte, ließ ihn zu sich kommen und sprach:

„Dafür, dass du das Leben dieses unschuldigen Mädchens so wacker beschützt hast, sollst du von nun an mein Ritter sein. Du sollst stets in meiner Nähe bleiben, und ich will dir meinen Mond als Wohnung geben.“

Seitdem haust der tapfere Ritter der Jungfrau Maria auf der Sichel des Mondes. Er sitzt dort in seiner silbernen Rüstung und schaut auf den Himmel und auf die Erde und spielt auf seiner Laute die schönsten Lieder zur Ehre Gottes.

Bei Vollmond in einer ruhigen, hellen Nacht kann man ihn deutlich sehen, und wenn die Menschen schon im tiefen Schlaf liegen, hören die Engel dem himmlischen Lautenspieler zu.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Stern, der leuchtet so wie sein Leben. Wenn des Menschen Leben auf Erden erlischt, dann erlischt auch der Stern dort oben und sinkt in die Tiefe wie ein weggehauchter Funke, dann bleibt nur ein dunkler Fleck an der Stelle, wo er vorher geglänzt hat. Darum sprechen fromme Menschen, wenn sie einen Stern vom Himmelsgewölbe fallen sehen, gern ein andächtiges „Gegrüßet seist du, Maria“ für die Seele, die sich zum Himmel emporschwingt, um vor Gottes Richterstuhl zu treten.

Auch jeder der Heiligen besitzt einen Stern, aber diese Sterne können niemals erlöschen und leuchten am hellsten und klarsten, ebenso wie die Sterne derjenigen Menschen, die Gott ihr ganzes Leben treu und eifrig gedient haben. Diese Sterne stoßen die Engel des Himmels niemals vom Himmel herunter.

Für die heilige Mutter Gottes aber, für die Königin des Himmels, winden sich die strahlendsten Gestirne am Himmel zum Kranz. Der Abendstern mit seinem silbernen Schein, der Morgenstern, der stärker leuchtet als Gold, und der helle Polarstern schmücken die Krone der Mutter Gottes mit ihrer Pracht.

An jedem Sonntagmorgen, wenn es zur Frühmette läutet und die Morgenröte den Himmel erhellt, lustwandelt die heilige Jungfrau mit dem Jesuskind am Himmel, wo sie ihr Söhnlein an der Hand führt wie einst, da sie noch auf Erden waren. In der Nacht aber, wenn die Milchstraße in ihrem Glanz funkelt, da kann jeder, der dieser Gnade würdig ist, Maria erblicken, wie sie einsam und in heiliges Sinnen versunken mit ihrem Kind auf dem Arm einhergeht und die träumende Erde segnet.

Und es herrscht dann eine solche Ruhe in den himmlischen Höhen, als ob die Engel selbst ihren Atem anhielten, um sie in ihren Träumen nicht zu stören, und die ganze Welt vor Entzücken stumm geworden wäre.