XVIII. Von dem Fegfeuer und den büßenden Seelen. Von dem Besuch der Mutter Gottes im Fegfeuer, und wie sie eine Seele daraus befreit.

 

Sobald die menschliche Seele ihre irdischen Fesseln abgestreift und mit dem letzten Seufzer den Körper verlassen hat, muss sie zuerst ihrem Schutzengel von allen ihren Taten Rechenschaft ablegen. Dann geht sie auf engen dornigen Pfaden zwischen steilen Felsen und Abgründen vorbei an den Ort ihrer Bestimmung.

Selten wird einer Seele das Glück zuteil, geraden Weges von der Erde zum Paradies eingehen zu dürfen, ohne vorher eine Zeit der Buße verbracht zu haben. Sie muss zuerst den Staub der Erde von sich abschütteln und sich wie das Gold im Glutofen des Fegefeuers von ihren Fehlern reinigen, ehe sie ihre volle Seligkeit erlangen kann.

In einem Tal, das von himmelhohen steilen Felsen umschlossen ist, liegt ein unermessliches großes, wüstes Feld, zu dem man durch drei steinerne Tore hineingelangen kann.

Gleich wie die von ewiger Sonnenglut ausgedörrte Wüste, so liegt das schreckliche, trostlose Tal der Reinigung in trauriger, öder Verlassenheit da. Soweit das Auge reicht, sieht man nichts als Sand, und es ist, als ob dort alles in bleiernem Schlaf ruhe und sich nicht einmal zu atmen getraue. Hier müssen die Seelen so lange verweilen, bis die Zeit ihrer Marter und Pein vorüber ist.

Die glühende Hitze, die trostlose Dürre und der unerträgliche Widerschein von den erhitzten Felsen machen den Aufenthalt entsetzlich. Ohne aufzuhören, ohne Erbarmen sendet die Sonne ihre glühenden Strahlen in das Tal hinab und bringt alles zum Sieden.

Aber obgleich alles hier brennt, so kann doch nichts in Flammen aufgehen, nichts wird zu Kohle und Asche, nichts zerschmilzt oder geht in Dampf auf.

In solch einer ewigen Glut leben die Seelen, die zum Fegfeuer verurteilt sind.

Aber einmal im Jahr werden sie auf einen Tag von ihrer Marter befreit. Am Allerseelentag dürfen sie die Erde wiedersehen; sie dürfen ihre ehemaligen Wohnungen und ihre Gräber besuchen und um Mitternacht in den Kirchen einen geheimnisvollen Gottesdienst abhalten. Doch beim Morgengrauen müssen sie wieder zurückkehren, um ihre Läuterung bis zum Ende durchzuführen, wie es durch Gottes Urteil bestimmt ist.

Zwischen dem Fegfeuer und dem Paradies fließt ein Strom, der die Grenze bildet. Seine Wellen sind flüssige Glut, und aus seinen schwarzen trüben Wassern schlagen züngelnde Flammen an beide Ufer. Inmitten dieser Flammen schwimmen, gleich knisternden Holzscheiten, die Seelen der Verdammten.

Über den Strom führt eine schwankende Brücke, die so schmal ist, dass kaum eines Fußes Breite darauf Raum hat. An beiden Seiten der Brücke stehen als Wächter Höllengeister mit spitzen Gabeln, die jede Seele, die es wagt, die Brücke zu betreten, um ans Tor des Paradieses zu kommen, unfehlbar in die Tiefe stürzen.

Die Seelen fallen dann in den feurigen Strom zurück, der sich wie ein ungeheurer Wurm aus ewigem Feuer dahinwindet, und seine Wogen wälzen sich lautlos und sind desto schrecklicher in ihrer stummen Furchtbarkeit.

Man hört nichts als die verzweifelten Schreie der Verdammten und ihre schmerzvollen, tiefen Seufzer an den Ufern dieses flammenden Stromes.

Jeden Mittwoch und jeden Samstag kommt die heilige Jungfrau in Begleitung von vielen Heiligen und mit einer Leibwache von Engeln von den Höhen des Himmels herab und nähert sich dieser Brücke.

Sie geht dann über den brennenden Fluss und hinter ihr, in Licht und Strahlen glänzend gekleidet, schreiten die Heiligen in langer Reihe. Am anderen Ufer, bei einem der steinernen Tore begrüßt eine Legion Engel mit Tafeln in der Hand, auf denen die Dauer der Buße einer jeden Seele verzeichnet ist, mit Demut die hohen Gäste und begleitet sie zum Eingang des Fegfeuers.

Wenn die heilige Jungfrau sich diesem nähert, dann ist es, als ob ein kühles Lüftchen an einem unerträglich heißen Tag der Dürre über die ausgetrocknete Erde zu wehen anfinge, und als ob eine Wolke auf den von der Sonnenglut verbrannten Sand ihren Schatten werfe.

Es wird kühler in der schrecklichen Wüste des Fegfeuers, die büßenden Seelen fühlen eine Erleichterung in ihrer Marter und begrüßen mit demütigem Flüstern die heilige Jungfrau mit den Worten: „Du Tau des Himmels, sei gesegnet!“

Und dieses Flüstern klingt wie das Rauschen der von der Sonnenhitze verdorrten Zweige im Wald, wenn ein Windhauch sie aus der Erstarrung weckt.

Auf die Bitten der Heiligen und Schutzengel befreit dann die heilige Jungfrau eine Seele von den Leiden des Fegfeuers. Diese Seele führt sie dann selbst zu dem steinernen Tor hinaus.

Und hinter ihr schreiten wieder die Heiligen in langer Reihe, Litaneien betend, und so kommen sie an den brennenden Fluss. Die bösen Geister, die für gewöhnlich die Brücke bewachen, machen ihnen zitternd Platz, und die heiligste Jungfrau führt die erlöste Seele über die Brücke an das andere Ufer zu den Gärten des Paradieses.

Die Flügel des steinernen Tores aber fallen dröhnend zu, und die Sonne brütet wieder wie vorher auf der trostlosen Einöde, wo die Seelen der zum Fegfeuer Verdammten die Stunde ihrer Erlösung erwarten.