XV. Von den letzten Lebensjahren der Mutter Gottes. Von ihrem Tod und ihrer Himmelfahrt.

 

Die Mutter Gottes blieb mit ihrem Schmerz und ihren Tränen allein auf Erden zurück. Sie hatte nur zwei freudige Augenblicke in ihrem Leben gehabt: damals, als ihr einziger Sohn geboren wurde, und dann, als er am dritten Tag nach der Kreuzigung von den Toten auferstanden und ihr erschienen war.

Noch vierzehn Jahre lebte Maria still und einsam im Haus des heiligen Johannes. Ihre irdische Pilgerfahrt verging im Gebet, in der Erinnerung an die Vergangenheit und in der Sehnsucht nach dem himmlischen Vaterland, wo ihr Sohn jetzt weilte.

Aber trotzdem ihr Herz wie von sieben Schwertern durchbohrt worden war, hatte sie doch keinen Groll gegen die Menschen. Sie blieb im Gegenteil ihre Freundin, ihre Beschützerin, ihre Wohltäterin bis an ihr Ende und blieb es auch dann noch in alle Ewigkeit. Obgleich der Himmel sie mit seiner Herrlichkeit erwartete wie eine Königin, so wollte sie aus großem Mitleid doch lieber bei den Menschen bleiben und war, ihren eigenen Schmerz verbergend, ihre liebreiche Helferin und Trösterin. Sie wollte alle Not, alles Elend auf Erden kennen lernen, um später im Himmel der Menschheit eine Mutter sein zu können.

Nachdem sie nun die Zeit ihrer irdischen Pilgerfahrt erfüllt hatte und ihre müde Seele endlich ausruhen wollte, da entschlief Maria im Kreis der Apostel sanft, ohne Schmerz und ohne Klage. Als man ihren Leichnam ins Grab legte, erschauerte die Erde wie vor Wonne, aber der Himmel missgönnte der Erde diesen kostbaren Schatz. Engel fliegen hernieder vom Himmel und trugen Marias zarten Leib zu Gott und seiner Herrlichkeit empor. Und an der Pforte des Himmels stand ihr Sohn und streckte ihr liebevoll seine durchbohrten Hände entgegen, nahm sie behutsam in seine Arme und führte sie Gott dem Vater zu.

Das leere Grab Marias aber wurde von süßem Duft und strahlendem Glanz erfüllt; statt des Körpers lagen lauter Lilien darin.

Das Grab war ganz weiß davon. Lichte Engel knieten betend davor, und alle Kreatur sang lobpreisend:

„Gegrüßet seist du, Jungfrau Maria.“