XIX. Von dem Paradies und seinen Freuden. Von den Seelen unschuldiger Kinder. Von dem Verkehr der Heiligen und Engel mit den Seelen im Paradies.

 

Im Garten des Paradieses atmet alles eine solche Freude und ein solches Glück, wie sie die Erde niemals kennen kann. Hier herrscht ein ewiger Frühling und ein ewiger Sommer zugleich, und alles grünt und blüht hier in einem fort und trägt Früchte ohne Aufhören. Stille, silberne Bächlein ziehen murmelnd dahin, und plätschernde Quellen spenden ihr kristallklares Wasser, das ewige Jugend und Frische verleiht.

Wie Räucherpfannen mit köstlichen Wohlgerüchen wiegen sich die Blumen an goldenen Stängeln, und buntfarbige Schmetterlinge fliegen umher, deren Flügel so schön sind, als ob sie mit den kostbarsten Steinen geziert wären. Glänzende Felsen aus Bernstein und leuchtende Blumen aus Korallen stehen auf smaragdenen Wiesen.

Niemals verblüht hier etwas, und nichts hüllt sich hier jemals in ein herbstliches Kleid.

Wo man hinblickt, stehen Blumen, Blumen und wieder Blumen.

Wenn ein Lüftchen durch die Bäume und Sträucher streicht oder durch das Gras der Wiesen gleitet, dann ist es, als ob die tönende Saite einer Harfe harmonisch klinge.

Auch sieht man kleine knospende Blumen in großen Mengen stehen; die Blümchen, die nur im Paradies erblühen, sind die unschuldigen Seelen verstorbener Kinder.

Sie sind zwar klein, und ihre winzigen Köpfchen heben sie den Heiligen und weißen Engeln entgegen, die auf den Pfaden des Paradieses lustwandeln und sie mit Zärtlichkeit anblicken. Dann bewegen die Blümlein fröhlich ihre kleinen Blätter und zittern wie Schmetterlinge, die sich von der Erde zum Flug erheben.

So oft ein Lüftchen des Himmels über sie fährt, neigen sie fromm ihre kleinen Häupter, und ihre Stimmen erklingen wie silberne Glöcklein:

„Gegrüßet seist du, Maria.“

Vom Paradies aus führen viele Wege und Pfade zu den Pforten des Himmels. Auf ihnen schreiten die Prozessionen der Heiligen des Herrn mit solcher Pracht und Herrlichkeit einher, dass das Auge eines Menschen erblinden müsste, wenn es auf diesen Glanz und diese Pracht zu schauen versuchte.

Auf Gottes Befehl halten die Heiligen und Engel mit den Seelen des Paradieses liebreichen Verkehr; sie lustwandeln mit ihnen und führen mit ihnen fromme Gespräche, und nach der Prozession setzen sie sich mit ihnen an prachtvoll hergerichtete Tafeln.

Vom Paradies aus kann man den Himmelspalast deutlich sehen und auch alle, die dort ein- und ausgehen. Durch die Fenster und offenen Tore strahlt der helle Schein des himmlischen Lichtes, und man hört den Klang der himmlischen Harmonien, der Hymnen und Gesänge und der Posaune der Erzengel, die Gott und den Heiligen zum Ruhm ertönen.

Wenn die Mutter Gottes mit ihrem Gefolge hinabsteigt und mit der erlösten Seele darauf wieder zurückkommt, dann duftet das ganze Paradies während dreier Tage so herrlich nach Lilien, und eine solche Seligkeit, Freude und Ruhe kommt über die Seligen, dass sie alle Zeitrechnung verlieren und ihnen die Jahrhunderte wie Augenblicke vorkommen! Und die Ewigkeit fließt dann dahin wie ein ruhiges Gewässer von unergründlicher Tiefe, von dem man meint, dass es still stehe.