XIV. Noch etwas von den Schwalben. Von dem Mädchen, das in eine Schwalbe verwandelt wurde.

 

Von den lieben Schwalben kann ich euch aber noch folgendes erzählen:

Um das Fest Mariä Verkündigung, wenn das Eis auf den Seen und Flüssen bricht, und der Schnee anfängt zu schmelzen, steht der junge Frühling von seinem Lager auf und schmückt sein Haupt mit frischen Blumen und lacht gar fröhlich in die Welt. Da sind auch mit einem Mal, so an einem schönen Morgen im April, die Schwalben wieder da und fliegen fröhlich durch die Luft. Sie beginnen unter dem Strohdach der Hütten ihre Nester zu bauen und zwitschern den Menschen vertraulich entgegen: „Willkommen, wir sind wieder da.“

Vor langer, langer Zeit, da fielen die Tartaren oftmals in das Land ein und plünderten Städte und Dörfer. Sie mordeten und raubten und führten die Menschen in die Gefangenschaft. Wo sie kamen, da war Tod, Jammer und Verwüstung.

Einmal kam so eine wilde Tartarenhorde auch in ein stilles Dörflein und nahm dort eine junge, schöne Maid gefangen, um sie später in die Sklaverei zu verkaufen. Das ganze Dörflein wurde verwüstet, auf den Feldern lagen die Leichen der ermordeten Bauern, und der Rauch stieg von den brennenden Hütten qualmend gen Himmel. Das Mädchen aber schleppte die Horde weit mit sich fort.

Fern von den Ihren, fern von der Heimat musste die Ärmste nun leben, und sie weinte bittere Tränen über ihr Unglück. Ganze Nächte lag sie auf den Knien und flehte die Mutter Gottes in inbrünstigen Gebeten um Hilfe und Rettung an. Nur einmal noch wollte sie ihr Dörflein und ihre alten Eltern sehen und dann gerne sterben.

Die Mutter Gottes erbarmte sich ihrer und bat ihren Sohn, dem armen Mädchen zu helfen. Und der Heiland erfüllte die Bitte seiner lieben Mutter und verwandelte die Maid in ein kleines Vögelchen. Das erhob sich zwitschernd in die Lüfte; es war ein gar zierliches Schwälbchen.

Nach der Heimat, nach ihrem Dörfchen flog sie hin und baute sich ein Nest unter dem Strohdach ihrer Eltern. Den ganzen Sommer lebte sie dort, und ihr Vater und ihre Mutter wussten nicht, dass ihr Töchterlein tagtäglich vor ihrem Fenster so fröhlich zwitscherte.

In der Hütte ihrer Eltern aber kehrte nun der Wohlstand ein. Truhen und Kammern füllten sich, ja sogar eine neue Scheuer musste der Vater errichten, so reich war er geworden. Die Schwalbe hatte eben den Segen Gottes mitgebracht.

Die Nachbarn wunderten sich über diese wunderbare Veränderung und baten darum den lieben Gott, er möge ihnen recht viele, viele Schwalben senden, denn sie brächten Glück und Segen ins Haus.

Seitdem ist die Schwalbe bei den Menschen so gern gesehen, und niemand tut ihr ein Leid an.

Das Mädchen aber, das der Heiland auf die Bitte seiner heiligen Mutter in eine Schwalbe verwandelt hatte, musste im Herbst wieder in das Land seiner Gefangenschaft zurückkehren, denn auch dort, wo es so viel hatte dulden und leiden müssen, sollte es sich nützlich machen. Jeden Frühling aber durfte sie nach Hause zurückkehren.