XIII. Von dem Traum der Mutter Gottes. Was sich auf Golgatha zutrug, als der Heiland am Kreuz starb. Von den Schwalben und den Spatzen.

 

Gott Vater sandte der heiligen Jungfrau einen Traum, einen schrecklichen, prophetischen Traum, in dem er ihr alle Marter ihres einzigen Sohnes von der Leidensnacht am Ölberg bis zur Kreuzigung auf Golgatha im Voraus kundtat.

Sie sah, wie man ihn verriet und gefangen nahm, wie man ihn mit Stricken fesselte und vor die Richter schleppte, wie man ihn mit Dornen krönte und endlich zum Tod verurteilte. Und dann sah die schmerzensreiche Mutter, was sie selbst alles erdulden sollte.

Sie sah im Traum ihren einzigen Sohn am Kreuz verscheiden, und man öffnete ihm mit einer Lanze die Seite, aus der Blut und Wasser zum Zeichen des irdischen Todes herausfloss. Dann nahm man den heiligen Leichnam vom Kreuz herab, sie berührte ihn mit eigenen Händen und hielt ihn wieder auf ihrem Schoß, wie damals, als Jesus noch ein kleines, liebes Kind war.

Das alles erblickte die Mutter Gottes im Traum und seufzte laut in ihren Ängsten. Da hörte sie über sich eine süße, mitleidige Stimme:

„Mutter, schläfst du?“

Der Traum verschwand, und vor Maria stand ihr Sohn und fragte sie, wovon sie so schwer geträumt habe.

„Von deinen Leiden und von deinem Tod, mein Kind“, antwortete sie.

„Mutter, das haben die Propheten doch schon lange vorausgesagt, und in der Schrift steht es geschrieben, dass alles erfüllt werde zum Zeugnis Gottes und der Wahrheit, du meine geliebte Mutter.“

Und in der Tat erfüllte sich alles, wie es vorausgesagt war. Durch das unschuldige Blut des Lammes Gottes wurden die Sünden der Welt weggewaschen.

Auf Golgatha aber stand unter dem Kreuz die schmerzensreiche Mutter und rang ihre Hände und blickte in die Höhe, wo ihr Sohn zwischen Himmel und Erde hing. Sie sah nichts als sein geneigtes blutendes Haupt mit der Dornenkrone und seine brechenden Augen und seinen bleichen Mund, der flüsternd für seine Henker betete:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Aber das konnte sie nicht sehen, was sich, unsichtbar jedem menschlichen Auge, ferner daselbst zutrug.

Als nämlich der Herr seinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte, da stürmte ein ganzes Heer von Teufeln aus der Hölle empor und umkreiste wie eine geballte Wolke das Kreuz, um sich auf Luzifers Geheiß der göttlichen Seele zu bemächtigen und sie vor ihn zu schleppen wie einen Kriegsgefangenen, den man in die Knechtschaft führt.

Die Teufel umflatterten das Kreuz und lauerten auf den letzten Atemzug Christi. Aber ihre Verwegenheit wurde von Gott mit Blindheit gestraft. Gleich Fledermäusen, die im Sonnenlicht nicht sehen können, fuhren die Abgesandten der Hölle in Verzweiflung und Wut in der Luft umher; sie waren blind geworden und konnten die Seele des Erlösers nicht erblicken.

Sie schlugen mit ihren Köpfen hilflos an die Balken des Kreuzes und stürzten dann, wie Motten von der Flamme versengt, in die Tiefe der Hölle zurück, wo sie heulend Luzifers Thron umdrängten.

„Herr, wir sahen sie nicht, wir können nichts mehr sehen, denn er hat uns mit Blindheit geschlagen.“

Da entfaltete Luzifer, schrecklich in seinem Zorn und seiner Raserei, die Flügel zum Flug nach Golgatha und ließ sich gleich einem Habicht, der auf eine Taube lauert, über dem Kreuz nieder.

Er bebte vor Wut und teuflischem Hass und brannte vor Verlangen, die Seele des Erlösers zu ergreifen.

Jesus aber erhob zum letzten Mal die Augen, seufzte und rief zu Gott:

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Da wurde Luzifer, den der erlöschende Blick des Erlösers traf, ebenso von Blindheit geschlagen wie seine Abgesandten. Eine finstere Nach umgab ihn, wie sie nicht einmal die Hölle in ihren tiefsten Tiefen birgt, und eine große, schreckliche Angst ergriff ihn. Er ließ das Kreuz los, und im Finstern tappend konnte er nur noch die Seele des Schächers zur Linken Christi und die Seele Judas, des Verräters, ergreifen und stürzte, rasend in ohnmächtiger Wut und Scham, in den Abgrund der Hölle zurück.

Die Mutter Gottes stand unterdessen am Kreuz mit dem geliebtesten Jünger ihres Sohnes, Johannes, und mit Maria Magdalena, und weinte bitterlich.

Da kam, dicht wie eine Wolke, eine Schar Schwalben geflogen und begann mit den Flügeln zu schlagen und trauervoll zu zwitschern wie etwa Klageweiber bei einem Begräbnis: „Er ist tot, er ist tot, er ist tot!“

Und von der anderen Seite flog ein ungeheurer Schwarm lärmender Spatzen herbei, die schrien den anderen zu wie zum Trotz: „Er lebt, er lebt, er lebt!“

Als die Juden das hörten, nahmen sie eine Lanze und durchbohrten die Seite des Herrn, und, wie Maria geträumt hatte, floss aus der Wunde Blut und Wasser. Das Haupt des gekreuzigten Erlösers aber umflatterten die mitleidigen Schwalben wie in einem Kranz, die bösen Spatzen flogen jedoch erschrocken davon.

Seitdem packt am Tag der heiligen Apostel Simon und Judas der Teufel die Spatzen in hellen Haufen und schüttet sie gleich scheffelweise in die Hölle.