XII. Von den Schlangen.

 In alten Zeiten, da krochen die Schlangen noch nicht auf dem Boden im Staub, sondern hatten Füße und konnten laufen wie andere Tiere. Der böse Geist nahm oft ihre Gestalt an, wenn er gegen die Menschen etwas Schlimmes im Schilde führte.

Als die heilige Jungfrau einmal durch den Wald lustwandelte und dabei über ihren Sohn nachdachte, sprang ihr plötzlich vom Baum eine Schlange entgegen und erschreckte sie sehr. Maria erzürnte darüber und rief ihr zu:

„Du abscheuliches Gewürm, weil du mich so erschreckt hast, sollst du von nun an stets auf der Erde kriechen.“

Sogleich fielen der Schlange die Füße ab, und sie kroch von nun an im Staub. Seit dieser Zeit hat sie vor der heiligen Jungfrau einen gewaltigen Respekt, und sie hofft noch immer von ihr ihre Füße zurückzuerhalten.

Jedes Jahr am Fest Mariä Geburt, während der Priester während des Hochamtes auf die Kanzel steigt, um die Predigt zu halten, kriechen darum die Schlangen auf die Bäume hinauf und horchen, ob man ihnen keine frohe Botschaft verkündet. Dann lassen sie sich wieder traurig auf die Erde hinab und suchen ihre Schlupfwinkel in ihren Winterlagern auf. Nur die Schlangen, die im Jahr einen Menschen gebissen haben, müssen so lange herumkriechen, bis sie jemand tötet. Der Schlange aber, die im Paradies Eva verführte und in die Seele der Stammeltern das Gift der Sünde geträufelt hatte, der hat die heilige Jungfrau selbst mit eigener Ferse den Kopf zertreten.