XI. Von der armen Witwe und ihren beiden Kindern, und wie durch die Mutter Gottes die Erdbeeren erschaffen wurden.

 

Es war in grauen, uralten Zeiten; da wohnten die Menschen noch in niedrigen Lehmhütten ohne Kamine und ohne Fenster. Damals gab es noch keine Städte, und das Geld war ganz unbekannt. Jeder lebte von dem, was er durch harte Arbeit dem Boden abringen konnte. Und wenn einmal ein schlechtes Jahr gewesen war, dann entstand eine große Hungersnot, dass die Leute dahinstarben wie die Fliegen im Herbst.

So war auch einmal um Sankt Johanni herum die Not wieder entsetzlich groß, denn aus Hunger nährten sich die Menschen nur von Gras, Baumrinden und Wurzeln.

Da starb unter vielen anderen ein armer Bauer, der hinterließ eine Witwe mit zwei Kindern, einen Jungen, der zählte vier Jahre, und ein Mädchen, das war drei Jahre alt. Aber die Frau des Bauern, die nun ganz allein dastand, verlor den Mut nicht, sondern gedachte sich mit ihren Kindern schlecht und recht durchzuschlagen. Jeden Morgen ganz in der Frühe ging sie aufs Feld zur Arbeit, und am Abend gab ihr der Bauer, für den sie arbeitete, ein wenig Getreide und ein paar Kartoffeln. Das war herzlich wenig, aber die arme Frau war froh darum, denn so konnte sie ihren Kleinen etwas zu essen geben. An sich und ihren Hunger dachte sie nie. So ist das Mutterherz! Aber zuletzt wurde sie ganz schwach vor lauter Arbeit und Hunger, so dass sie nicht mehr aufs Feld gehen konnte, sondern zu Hause bleiben musste. Sie saß nun da in ihrer Hütte und wusste nicht aus noch ein und trocknete sich die Tränen, denn sie musste in einem fort weinen, wenn sie auf ihre armen Kinder blickte, die sie immer traurig anschauten und sagten: „Mütterchen, gib uns etwas zu essen!“ Und einmal, als sie glaubte, dieses Elend nicht länger ertragen zu können, kam ihr folgender Gedanke: „Ich kann nicht länger mit ansehen“, sagte sie zu sich, „wie meine armen Kinder Hungers sterben müssen, und von nirgends kommt eine Hilfe. Ich will mit ihnen in den Wald gehen, da ist ein tiefer See, dort will ich mich und meine Kinder ertränken. Dann hat aller Hunger ein Ende.“

So tat sie nun auch. Sie rief ihre Kinder, und sie gingen zusammen dem Wald zu. Auf dem Weg dorthin kamen sie auch über eine Wiese, da stand ein großer Storch, der schaute aufmerksam in das hohe Gras. Auf einmal bückte er sich, packte mit seinem Schnabel zu und flog davon. Im Schnabel aber trug er einen fetten Frosch. „O, lieber Storch“, sagte da die arme Frau seufzend zu sich, „du hast es gut, du kannst deinen Kleinen etwas zu essen bringen, aber ich muss mit meinen ins Wasser gehen.“ Und mit großem Schmerz schaute sie ihre Kinder an, die so mager und verhungert aussahen und kaum mit ihr gehen konnten.

Als sie in den Wald kamen, umfing sie eine wohltätige Kühle, die Tannen dufteten so angenehm, und die Vöglein sangen gar fröhlich, denn sie litten keinen Hunger. Die Frau setzte sich unter einen Baum, und die Kleinen schmiegten sich an ihre Mutter. Da sagte das kleine Mädchen: „Mütterchen, wird es denn schon Nacht? Mir wird schon schwarz vor den Augen, immer schwärzer. Ich kann dich schon gar nicht sehen, Mütterchen.“ Und ganz schwach und müde legte das kleine Mädchen sein Köpfchen an die Brust der Mutter. „O, mein Heiland“, sagte diese, „mein Kind stirbt vor lauter Hunger.“ Und in der Angst ihres Herzens fing sie an zu beten: „Mein Heiland, habe Erbarmen mit meinen unschuldigen Kleinen! Lass sie nicht so elend sterben! Du lässt ja auch das kleinste Würmlein durch deinen heiligen Willen nicht umkommen.“

Da fühlte sie, wie mit einem Mal ihr Junge sie anstieß und rief: „Schau, Mutter, dort hinten im Wald, da wird es ganz hell, als ob jemand eine Fackel trüge. Schau nur, wie hell es wird, Mütterchen!“

Die Mutter schaute hin, und wirklich, der Junge hatte recht gesehen. Ein helles Licht leuchtete zwischen den Stämmen und kam immer näher und nahm immer mehr zu an Helligkeit. Eine seltsame Angst ergriff die Frau, denn mit einem Mal geschah etwas Wunderbares. Mit einem Schlag wurde es ganz lautlos im Wald, wie bei der Wandlung in der Kirche. Die Vöglein verstummten, und die Bäume hörten auf zu rauschen, und kein Mücklein hörte man summen.

Plötzlich verschwand das geheimnisvolle Licht, und vor ihnen stand wie aus dem Boden gewachsen die hohe Gestalt einer schönen Frau. Sie war mit einem schimmernden Mantel bekleidet und trug eine Sternenkrone auf dem Haupt. Sie hatte ein gütiges, freundliches Gesicht und Augen wie der Himmel.

„In schwerer Not hast du meinen Sohn, den Heiland, angerufen, arme Mutter“, sprach die Erscheinung, „und darum bin ich mit seiner Zustimmung gekommen, dir und deinen Kindern zu helfen. Siehe, ich will jetzt im Wald eine so große Menge süßer Erdbeeren wachsen lassen, dass ihr nicht mehr Hunger zu leiden braucht.“

So sprach sie und ging langsam wieder hinein in den Wald. Und wie sie von dannen ging, säte sie mit der Rechten weit aus. Und langsam verschwand sie darauf.

Schon war die Sonne blutrot untergegangen, unter den Bäumen wurde es nach und nach grau und finster, da erholte sich die Frau von ihrer freudigen Bestürzung und schaute um sich. Und siehe da, unter den Bäumen, überall, wo nur ein Fleckchen Erde zu sehen war, da leuchtete es ganz rot von vielen, vielen Erdbeeren, die man bis dahin noch niemals gesehen hatte. Sie speiste mit ihnen ihre Kleinen, erquickte sich selbst damit und nahm noch eine große Menge mit sich, dass sie sie kaum bis zu ihrer Hütte schleppen konnte.

So wurden die Erdbeeren erschaffen. Die Mutter Gottes hat sie selbst gesät, damit arme Waisen in schweren Zeiten nicht zu verhungern brauchen.