X. Wie Jesus und seine Mutter von einem bösen Bauern verhöhnt wurden und eine andere Geschichte von den Getreideähren.

 

Von den Ähren des Getreides erzählt man sich aber auch folgende Geschichte:

In ganz alten Zeiten, da gab es auf der Welt kein Elend und keine Not. Die Frauen brauchten nicht zu sorgen, was sie ihren Kindern in die hungrigen Mäuler stopfen sollten, obgleich es der kleinen Schreihälse übergenug gab in den Dörfern. Gerade so wie heute. Aber es war, wie gesagt, kein Elend und keine Not auf Erden. Die Menschen lebten im Überfluss ganz wie im Paradies.

In den Wäldern barg sich viel Wild, und auf den Feldern stand das Getreide üppig und schwer. Zur Ernte brauchten die Bauern nicht einmal alles zu mähen, so viel war da. Sie ließen das, was sie selbst nicht brauchen konnten, für die ärmeren Leute stehen.

Wenn einer Lust auf einen Braten hatte, so ging er einfach in den Wald und erlegten sich ein Stück Wild; wollte er einen Kuchen oder ein gutes Brot, so war auf den Feldern Getreide vollauf.

Zu jener Zeit schaute das Getreide aber ganz anders aus wie heutzutage. Die Ähren wuchsen nämlich nicht, wie jetzt, an der Spitze, sondern umgaben die Halme schon vom Boden an.

Doch das Volk der Menschen war dieser Güte des himmlischen Vaters gar nicht wert. Statt fromm und gottesfürchtig zu sein, keinen Streit untereinander zu führen, den Frauen und Mädchen mit Achtung zu begegnen, lebten sie einfach in Saus und Braus. Sie faulenzten und arbeiteten fast gar nicht, weil die Erde alles im Überfluss hervorbrachte, sie waren miteinander im Unfrieden, und sie achteten die Mädchen und die Frauen nicht. Kurz und gut, es war schrecklich.

Da geschah es einmal, dass der Heiland mit der Mutter Gottes zu so einem gottlosen Dorf kam. Sie gingen vom Wald her auf einem Feldweg, und als sie das Dorf erreicht hatten, begaben sie sich zuerst in die Kirche.

Es war ein Sonntag, und der Pfarrer zelebrierte gerade das Hochamt. Aber im Gotteshaus war es ganz leer, nur einige alte Bauern und einige alte Weiblein knieten umher und beteten sehr andächtig. Denn wenn die Leute alt geworden sind, entsagen sie, wie man weiß, gern den Nichtigkeiten dieser Welt. Dann wissen sie, dass der Tod nicht mehr lange auf sich warten lässt, und bereuen ihre Sünden.

Der Heiland und die Mutter Gottes beteten andächtig, und als das Hochamt zu Ende war, traten sie aus der Kirche heraus.

Sie gingen nun über Wiesen und Felder, und überall ringsum sahen sie auf eine große Fruchtbarkeit. Der Roggen, der Weizen, die Gerste standen vortrefflich weit und breit. Aus den Kaminen der Bauernhäuser rauchte es, denn es ging an die Zeit des Mittagessens. Auf den Straßen spielten die Kinder; denen merkte man an, dass sie reichlich zu essen bekamen, denn ihre Wangen sahen aus wie von Milch und Blut. Junge Mädchen und Jungen standen umher und trieben allerhand übermütige Kurzweil. Die Mädchen kicherten und lachten und hörten die losen Reden mit Vergnügen an.

Keiner hielt die beiden heiligen Wanderer auf, um sie zu fragen: „Was seid ihr für Leute? Woher kommt ihr?“ Keiner sagte zu ihnen: „Kommt in die Stube und esst und trinkt und ruht euch aus von dem weiten Weg, denn auf der Landstraße ist es unerträglich heiß.“ Nein, keiner gab auf sie Obacht, sondern alles trieb seinen Übermut und seine Kurzweil wie bisher.

Der Herr und seine heilige Mutter schritten vorüber und grüßten mit dem frommen Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“, aber kaum einer gab ihnen Antwort; die meisten sagten gar nichts.

Als sie eine Strecke weiter gegangen waren, sahen sie einen Bauern, der stand groß und breit vor seinem Haus und rauchte sein Pfeifchen. Man merkte es ihm an, dass es ihm sehr gut ging, denn er sah wohlgenährt aus wie ein fetter Puter und blickte stolz auf die beiden Vorübergehenden.

Da wollte ihn der Heiland grüßen und sagte: „Gelobt -.“ Aber der Bauer ließ ihn gar nicht ausreden, sondern lachte höhnisch und sprach: „Wer soll gelobt sein? Doch nur mein Bauch? Schau nur, wie rund und fett er ist, ihr Hungerleider!“

Der Herr schwieg dazu still und verließ mit seiner Mutter das Dorf.

Auf dem Feld machten sie dann nach einer Weile halt. Hier ergriff der Heiland mit zornigem Antlitz einen Halm unten am Boden und, mit den Fingern nach oben fahrend, streute er seine vielen Körner umher.

„Was tust du, geliebter Sohn?“ fragte da die Mutter Gottes.

„Meine heilige Mutter“, antwortete der Heiland, „ich habe die große Schlechtigkeit der Menschen erkannt. Sie gehen nicht in die Kirche, sie leben in Sünden und Prasserei, und sie schänden meinen Namen. Darum habe ich aus den fruchtbaren Ähren, die hier vom Erdboden an wachsen, die Körner herausgestreift und morgen wird auf allen Feldern weit und breit kein Körnchen mehr zu finden sein, nur reines Stroh. Da die Menschen in ihrem Übermut keine Grenzen kennen, so sollen sie Hungers sterben.“

Bei diesen Worten hielt er die Spitze des Halmes in der Hand, und nur wenige Körner waren mehr in der Ähre. Aber die Mutter Gottes hielt ihn auf und sprach:

„Mein Sohn, du hast dem Schächer und der öffentlichen Sünderin verziehen, verzeihe auch ihnen. Lass noch die kleine Ähre an der Spitze stehen. Strafe die Menschen nicht mit dem Hunger. Sie sind deiner Gnade nicht wert, aber denke an die Kleinen, die du auf Erden so sehr geliebt hast.“

Da nahm der Heiland seine Hand von der Ähre, und sein heiliges Antlitz wurde wieder mild und gütig, sowie er von den Kindern hörte.

Seit dieser Zeit wachsen die Ähren beim Getreide nur an der Spitze; manchmal sind sie recht winzig und manchmal taub. Darum müssen die Menschen jetzt oft Hunger leiden, weil sie, als sie im Überfluss waren, gottlos und übermütig wurden.