VIII. Von der Kindheit Jesu, und wie er eine lebende Nachtigall, eine Meise und eine Eule aus leblosem Ton verfertigte. Wie Jesus auf dem Feld arbeitete. Von einer bösen Frau und der Getreideähre.


Als Christus geboren wurde, bekam die Welt ein lieblicheres Aussehen denn vordem. Alle Gärten bedeckten sich mit weißen Blüten, alle Wiesen dufteten vor lauter Freude und Fröhlichkeit, die ganze Natur verjüngte sich, und in den Herzen der Menschen erblühte die Hoffnung und die Liebe.

Die Mutter Gottes wanderte mit ihrem Sohn auf Erden viel umher. Sie führte ihn an der Hand auf die prangenden Wiesen und pflückte ihm Blumen, soviel er daran Freude hatte. Sie ging mit ihm aber auch in die Wohnungen der Menschen, schaute in die Hütten des Dorfes hinein und zeigte ihm, was die Menschen treiben, wie sie leben, wie sie arbeiten. Auch in die Kirche zur Frühmette und an den Sonntagen zum Hochamt ging sie mit ihm und lehrte ihn, die Händchen falten und zum Vater im Himmel beten.

Wenn sie zur Kirche kamen, da öffneten sich ihnen zu Ehren die Tore von selbst, die Glocken begannen von selbst zu läuten, und die Lichter auf dem Altar entzündeten sich von selbst. Denn sie erkannten in dem kleinen Kind Gottes Sohn.

Mit anderen gleichaltrigen Kindern erfreute sich das Jesuskind gern an fröhlichen Spielen. Sie formten dann zusammen kleine Vögelchen aus Ton und warfen sie hoch in die Luft. Und siehe da, die tönernen Vögel des Jesuskindes wurden lebendig, flatterten munter umher und sangen ein gar fröhliches Lied. Die von den anderen Kindern geformten Vögel blieben aber lebloser Ton.

So entflogen aus seinen Händchen die Nachtigall, die Meise und auch die Eule, die wohl Flügel wie ein Vogel, aber einen Kopf wie eine Katze hat. Die Eule hatten die Spielgefährten geformt, und Jesus hatte sie auf ihre Bitten belebt. Sie war so komisch, und sie sollten etwas zum Lachen haben.

Als Jesus größer geworden war, hielt ihn seine Mutter zur Arbeit an, damit er im Müßiggang keine Zeit verliere.

Da konnte man Jesus auf dem Feld hinter dem Pflug einhergehen sehen. Es war aber ein goldener Pflug, und vier Pferde waren davor gespannt, und auf dem einen Pferd lag ein Sattel, und darauf saß Jesus sehr oft und pflügte das Feld wie ein gewöhnlicher Bauer.

Um die Mittagszeit brachte dann die Mutter ihrem müden Sohn das Essen hinaus aufs Feld, und wenn er ausruhte, wischte sie ihm den Schweiß von der erhitzten Stirn und sprach mit ihm wie eine sorgsame Hausmutter von diesem und jenem, so z.B. „Was werden wir wohl auf diesen Acker säen?“ und anderes. Nach der Ernte standen aber dreihundert Getreidegarben auf dem Feld, damit es guten Menschen am Brot nicht fehle, da der Herr sich doch selbst für sie im Schweiße seines Angesichts abmühte.

Aber die Menschen sind halt undankbar; sie achteten das Brot gering, da sie übergenug davon hatten. Sie fingen sogar an, sich Besen aus den Ähren zu machen und vergeudeten so Gottes Gaben. Da hörte die Erde auf, für sie fruchtbar zu sein, und das geschah, nachdem sich folgendes zugetragen hatte:

Einst gingen Maria und Jesus an einem glühend heißen Tag die Straße entlang. Sie waren so durstig und hungrig, dass sie es kaum ertragen konnten. Da kamen sie an der Hütte eines Bauern vorbei. Da sprach Jesus zu seinem Mütterchen: „Mutter, gehen wir doch in die Hütte; wir wollen um Brot und Wasser bitten.“ Die Mutter antwortete darauf: „Gut, mein Sohn, wir werden uns dabei überzeugen, ob dort gute und mildherzige Menschen wohnen.“

Sie gingen also in die Hütte und trafen dort eine böse Frau, die laut keifte und auf ihr Kind zornig war, weil es weinte. Sie buk gerade Brot, und in ihrem Zorn riss sie ein frischgebackenes Brot vom Ofen weg und warf es nach dem Kind.

„Hier gibt es kein Brot für Bettelleute. Macht, dass ihr hinauskommt! Ihr steht mir nur im Weg.“

Da wurde die Mutter Gottes ganz traurig über die arge Bosheit der Frau, ihr Sohn aber erzürnte sehr und beschloss, dass von nun an das Getreide nicht mehr so viele Ähren tragen sollte wie bisher. Und von dieser Zeit an schrumpften die Ähren beträchtlich zusammen, und das geschah wegen der Hartherzigkeit einer bösen Frau.