VII. Die Mutter Gottes als Säerin

 

Der heiligen Familie war es geglückt, aus dem Wald zu entkommen und dabei allen Gefahren unversehrt zu entgehen. So kamen sie zuerst auf ein Feld, das ganz frisch gepflügt war, und auf dem nicht einmal die Wintersaat aufgegangen war.

Wie sollten sie sich hier verbergen, und wohin sollten sie fliehen vor den Henkern, die die Jungfrau und ihr Kind verfolgten?

So schnell sie konnten, gingen sie über den Acker und stolperten da oft über die Furchen, aber sie zauderten keinen Augenblick, sondern eilten immer weiter. Der Atem ging ihnen aus vom schnellen Gehen, aber sie konnten nicht rasten, denn das Verderben war hinter ihnen: der König Herodes mit seinen Knechten.

So kamen sie an einen Grenzrain, und dahinter säte ein Bäuerlein seinen Weizen aus.

„Gott helfe dir, lieber Bauer“, rief die heilige Jungfrau.

„Gott vergelt´s, schöne Frau“, entgegnete der Sämann.

„Heute säst du deinen Weizen und morgen schon sollst du ihn mähen“, sagte wiederum Maria, und er antwortete: „Du sollst gesegnet sein, wenn ich den Weizen schon morgen mähen kann.“

Darauf reichte die Jungfrau Joseph ihr Kind, schürzte ihr Kleid hoch und schritt über das Feld, die geackerten Furchen entlang. Mit der Hand streute sie die Körner aus, und wo sie eine Handvoll Samen hinwarf, da schossen mit einem mal aus dem Erdboden die Ähren in üppiger Fülle empor und begannen zu wogen, und das Feld stand so dicht da wie ein Wald. Sie säte das ganze Feld bis an die Grenze, und dann kam sie zurück.

„Du siehst, du kannst heute noch mähen“, sprach sie darauf lächelnd zum Bauern, nahm ihr Kind wieder auf den Arm, und alle drei gingen auf dem Weg ins Dorf hinein. Der Bauer wusste nicht, wie ihm geschah. Er schaute bald auf das wunderschöne Getreide, bald auf die drei, denen die Erde mehr gehorchte als der Sonne, bald blickte er empor zum Himmel, ob nicht eine Schar Engel herabsteige. Er konnte nicht begreifen, ob es Traum war oder Wirklichkeit.

Endlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, er sank auf die Knie und stammelte vor lauter Rührung immer nur diese Worte: „O, seid gesegnet! O seid gesegnet!“

Nun mähte er sein Getreide noch an demselben Tag, wie es ihm die Jungfrau vorhergesagt hatte. Und als er dabei war, mit dem Rechen seinen Weizen zusammenzuraffen, da kamen mit großem Geschrei vom Wald her die Häscher des Königs.

„Heda, Bauer“, schrien sie ihm drohend zu, „ist hier nicht eine Frau mit einem Kind und einem alten Mann vorübergegangen?“

„Ja“, antwortete der Bauer.

„Wann war das?“ fragten sie weiter.

„Das war zu der Zeit, als ich meinen Weizen aussäte.“

„Das muss schon lange her sein“, sprachen sie, „denn jetzt hast du ihn schon gemäht. Es hat also keinen Sinn mehr, sie weiter zu verfolgen.“

Und mit diesen Worten machten die Häscher des Königs kehrt, denn sie gaben die Hoffnung, die Flüchtlinge einzuholen, nun auf. Die heilige Familie war unterdessen schon weit fort und in Sicherheit. Gott hatte sie aus allen Gefahren errettet.