VI. Wie die heilige Familie durch einen finstern Wald zog. Von der Mariendistel. Das Nachtlager bei dem Räuber und von der Heilung seines Söhnleins. Was später mit diesem geschah. Von den wohlriechenden Kräutern.

 

Im dichten Wald hauste ein arger Räuber, der die Menschen auf den Straßen überfiel und sie ermordete und beraubte. Er lebte zu der Zeit, als die heilige Familie auf dem Weg nach Ägypten war.

Der finstere Wald mit seinen zahlreichen Schlupfwinkeln war unheimlich und schreckenerregend. Zwei Wege führten hindurch, der eine nach rechts, der andere nach links. Der Weg rechts führte dicht an der Behausung des Räubers vorbei, der nach links durch ein fast undurchdringliches Gestrüpp, in dem man sich sehr leicht verirren konnte.

Der hl. Joseph, die Jungfrau Maria und das Jesuskind vertrauten aber auf den Willen Gottes, fassten Mut und schlugen den Weg durch das Gestrüpp ein.

Im Wald wurde es schon ganz finster, und ein feuchter, dichter Nebel erhob sich vom Boden. Dem Jesuskind war es sehr kalt, und es weinte darum bitterlich an der Brust seiner Mutter.

Da setzte sich Maria unter einen Baum, um ihrem Kind Nahrung zu reichen. Dabei fielen ein paar Tropfen der Milch auf eine Distel, die zu ihren Füßen wuchs, und seit dieser Zeit hat die Pflanze die weißen Flecken auf ihren Blättern behalten, und man nennt sie jetzt Mariendistel.

Es wurde immer finsterer und unheimlicher, und man musste daran denken, sich im Wald ein Nachtlager zu suchen.

Der Räuber, der wie gewöhnlich am Weg auf die Reisenden lauerte, hörte mit einem Mal menschliche Stimmen im Gestrüpp und schlich sich gleich einem Raubtier näher heran. Er glaubte jemand ermorden und berauben zu können.

Aber da fühlte er, wie die Keule, die er über der Schulter trug, und die von vergossenem Blut ganz rot war, immer schwerer und schwerer wurde, so dass er sie kaum mehr schleppen konnte.

Plötzlich erblickte er über der Stelle, von wo er die Stimmen vernommen hatte, einen hellen Schein und sah drei leuchtende Monde am Himmel stehen. Es war die Stelle, an der die heilige Familie Rast machte.

Als der Räuber noch näher herangeschlichen war, erblickte er endlich die heilige Jungfrau mit ihrem Kind und den hl. Joseph. Sie waren ganz erschöpft vor Kälte und vom Regen ganz durchnässt.

Der Räuber wollte sie fragen, woher sie kämen und was sie hier zu suchen hätten, aber er konnte vor seltsamer Unruhe kein Wort herausbringen, sondern blieb wie angewurzelt stehen und wagte keinen Schritt näherzutreten.

Er fühlte, dass er der Frau, dem Kind und dem ehrwürdigen Mann kein Leid antun dürfe, weil eine unsichtbare Macht sie beschütze, und die drei leuchtenden Monde sagten ihm, dass das keine gewöhnlichen Menschen seien, die er mit seiner Keule überwinden könne.

Seine gewöhnliche Grausamkeit verließ ihn, obgleich er noch immer finster dreinschaute, als ob er über seine eigene Schwäche unwillig wäre.

„Bei einem solchen Wetter wollt ihr im Wald übernachten?“ fragte er endlich die drei mit rauer, tiefer Stimme. „Kommt mit mir! Dort am Weg steht mein Haus, ihr könnt darin übernachten.“

So ging die heilige Familie in das Haus des Räubers, wo dessen Frau sie erschrocken bewillkommnete und ihnen die Aufnahme nicht verwehrte.

Der Anblick des Jesuskindes an der Brust der heiligen Mutter erfüllte sie sogar mit Mitleid, denn sie war selbst eine Mutter. Sie glaubte, ihr Mann habe die drei Reisenden absichtlich in das Haus gelockt, um sie dann zu ermorden und zu berauben. Darum sprach sie ganz heimlich zu Maria:

„Eilt von hier, ihr lieben Leute, übernachtet nicht in diesem Haus! Ich bin die Frau des Räubers, der euch töten wird, so wie ihm die Gelegenheit günstig erscheint.“

Aber die heilige Jungfrau beruhigte sie und sagte, sie brauche keine Sorge zu haben, denn sie stünden alle in Gottes Hut. Ehe sie sich alle zur Ruhe niederlegten, bereitete Maria dem Jesuskind noch ein Bad in einer Wanne, die am Ofen stand. Und da sie sah, dass die Frau des Räubers dabei wie mit Kummer auf ihr eigenes Kind in der Wiege blickte, so sagte sie ihr, sie möge auch ihr Kind in der Wanne baden.

„Wie kann ich das tun“, antwortete die Frau, „da mein Söhnchen doch auf dem ganzen Körper von einem bösen Aussatz bedeckt ist? Man darf es nicht zugleich mit einem gesunden Kind baden.“ Doch die Mutter Gottes befahl ihr, das kranke Kind zu bringen, und tauchte es mit eigenen Händen neben dem Jesuskind in das Bad. Sowie aber das Wasser den aussätzigen Körper des Kindes berührt hatte, da verschwand der hässliche Aussatz, und das Kind wurde gesund.

Der Räuber und seine Frau erkannten, dass ein Wunder geschehen sei. Mit Gold und Silber wollte sich nun der Räuber für die Heilung seines Sohnes dankbar erweisen, aber bald erkannte er, wie nichtig alle Schätze der Welt seien, und dass man Gott nicht anders danken könne, als dass man sein Herz von Sünden befreie und dem Kind opfere, das auf die Welt gekommen ist, die Menschheit von dem Aussatz der Sünden zu erlösen. Das sah der Räuber ein, und er beschloss, von nun an ein bußfertiges Leben zu führen.

Das Jesuskind aber auf dem Arm der Jungfrau Maria sprach also zu dem Söhnchen des Räubers:

„Wir haben zusammen gebadet, dereinst werden wir zusammen sterben.“

Und so geschah es auch. Denn der Sohn des Räubers folgte nicht dem Beispiel seines Vaters, sondern wurde, als er erwachsen war, ein ebensolcher Bösewicht, wie der Vater vordem gewesen war.

Für seine Missetaten wurde er zu derselben Zeit wie Christus gefangen genommen und auf Golgatha gekreuzigt.

Und als er am Kreuz hing, sprach er beim Anblick des Heilandes die Worte: „Dieser Mann hat nichts Unrechtes getan.“ Worauf ihm Christus antwortete: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Von dem Wasser aber, in dem das Jesuskind und der Sohn des Räubers gemeinsam gebadet wurden, und das einen gar lieblichen Duft ausströmte, erzählt man sich folgendes:

Als die Frau des Räubers es am anderen Tag im Garten ausschüttete, da wuchs an dieser Stelle ein wohlriechendes Kraut, und von dem Kraut bereiteten später die drei Marien die Salbe, womit sie den Körper des Heilandes einbalsamierten, ehe sie ihn in das Grab legten.