V. Die Flucht nach Ägypten. Von dem mitleidigen Farnkraut, der furchtsamen Espe, dem mutigen Haselnussstrauch und dem boshaften Kuckuck.

 

Die heilige Familie musste sich vor den Henkern des Königs Herodes verbergen und floh darum nach Ägypten. Durch den finstern, dichten Wald zog sie dahin, und das Jammern der ermordeten unschuldigen Kinder verfolgte sie wie eine Klage gegen den blutdürstigen Tyrannen und wie ein Ruf nach Vergeltung. Das Herz der Jungfrau Maria bebte vor Angst, ihre Wangen wurden bleich wie der Mond, und sie presste ihr Kind an sich, damit nicht einmal die schwarze Nacht ihm in die Augen schauen könne.

Aber das Kind war hungrig, darum weinte es und verlangte nach Speise, und im weiten Wald erscholl sein bitteres Weinen.

Die hohen Bäume neigten sich wie aus Mitleid vor ihm und als ob sie ihm zuflüstern wollten: „Sei ruhig, du heiliges Kind!“

Und das Farnkraut am Boden klammerte sich an das Kleid der Jungfrau Maria und bat mit demütiger Stimme:

„Lass mich doch dein Kind erquicken, heilige Gottesmutter!“

„Wie willst du das fertigbringen?“ fragte Maria.

„O, ich habe ja Wurzeln, durch die ich selbst mein Leben aus dem Erdboden ziehe.“

Maria war gerührt durch diese bescheidene Opferwilligkeit und nahm sie dankbaren Herzens an, konnte sie doch ihr hungriges Kind dadurch ernähren.

Dafür segnete der Heiland die barmherzige Pflanze und nahm den bitteren Geschmack von ihr, den sie vordem hatte. Und wenn sich ein Mensch im Wald verirrt und vor Hunger beinahe umkommt, so kann er in ihr seine Nahrung finden und sich vor dem Hungertod bewahren, bis Gott ihn aus der Einsamkeit errettet.

Mit Tagesgrauen machte sich die heilige Familie wieder auf den Weg, um den Henkern des Königs Herodes zu entgehen.

Der Jungfrau Maria wurde es mit der Zeit recht sauer, ihr Kind in einem fort zu tragen, aber trennen wollte sie sich von ihm nicht eher, als bis sie an einem sichern Ort angekommen wären.

Nur einen kurzen Augenblick wollte sie unter einer Espe ausruhen und sich verbergen, aber der böse Baum wollte ihr kein Obdach geben.

„Ich fürchte mich“, sprach die Espe zitternd vor Angst, „denn der König Herodes wird mich abhauen lassen, wenn ich euch verberge. Ich fürchte mich vor der Rache des Königs Herodes. Geht darum lieber fort!“

Und die Espe schlotterte mit ihren Zweigen, ihre Blätter wurden ganz weiß und starrten in die Höhe, wie die Haare auf dem Haupt eines Menschen, der in großer Angst und Furcht ist. Darum erhob sich die Jungfrau Maria, verließ den ungastlichen Baum und verbarg sich unter einen Haselnussstrauch.

„Hast du keine Furcht vor Herodes?“ fragte sie ihn, ehe sie sich niederließ. Aber der Haselnussstrauch sagte nichts, sondern bedeckte sie ganz mit seinen Zweigen, umhüllte sie mit seinem Mantel von kleinen Blättern und hielt den Atem an.

Der König Herodes hätte erst seine Äste mit dem Schwert abhauen müssen, ehe ihm die heilige Mutter mit ihrem Kind unter dem Haselnussstrauch zu Gesicht gekommen wäre. So gut hatte er sie verborgen.

Der grausame König Herodes ging vorüber und erblickte nichts. Er bemerkte nicht einmal die Espe, die vor lauter Angst zitterte, und die ein so großer Schrecken ergriffen hatte, dass sie auf die Frage nach der Frau und ihrem Kind nicht einmal hätte antworten können.

Im Haselnussstrauch saß aber ein Kuckuck. Der war ein arger Verräter und wollte sich Herodes angenehm machen. Darum fing er an zu rufen: „Kuckuck! Kuckuck!“ So wollte er des Königs Aufmerksamkeit erregen und Maria verraten.

Für diese böse Tat ist der Kuckuck verwünscht; er ist ein Vogel, der kein Nest hat, worin er seine Jungen unterbringen kann. Die Espe, die sich fürchtete, der Jungfrau ein Obdach zu geben, lebt seit dieser Zeit in einer ewigen Angst und zittert und bebt in einem fort mit ihren Blättern, selbst bei der größten Windstille und bei dem schönsten Wetter.

Aber nicht genug damit, sie kam auch noch in die größte Unehre, denn Judas erhängte sich später an ihr. Zur Strafe dafür, dass sie dem Jesuskind keinen Schatten gewähren wollte, musste sie den größten Verräter und Bösewicht auf Erden tragen.

Der Haselnussstrauch aber wurde zur Belohnung ein gesegneter Baum. Der Blitz schlug seitdem niemals in ihn ein, und der Mensch kann während eines heftigen Gewitters unbesorgt unter ihm Obdach suchen, denn er steht seitdem bei der Jungfrau Maria in Huld und Gnade.