IX. Von der Bosheit der Menschen und der großen Überschwemmung, die Gott auf die Erde sandte. Die Mutter Gottes als Fürbitterin. Noch etwas von der Getreideähre.

 

In grauen, uralten Zeiten, als noch ein Geschlecht von Riesen auf der Erde hauste, und es manchmal vorkommen konnte, dass ein Bauer dem andern seine Axt so mir nichts dir nichts von einem Berg zum andern hinüberreichte, da waren natürlich auch alle Bäume und Pflanzen viel größer als jetzt. Auch die Getreidefelder standen dicht und hoch wie ein Wald, und die Ähren waren vom Erdboden bis an die Spitze voll von Körnern.

Aber die Menschen wurden böse und missbrauchten Gottes Güte. Sie sündigten ohne Maß und ohne aufzuhören, und wurden so übermütig, dass es der liebe Gott nicht länger mit ansehen konnte.

Gott schaute auf die Welt und die Menschen und wartete und wartete, bis ihm am Ende die Geduld riss. Er beschloss, das ganze Menschengeschlecht zu vertilgen, das seiner Gnade so wenig wert war.

Im Zorn ergriff er eine Wolke und schleuderte sie auf die Erde, so dass ein großer Regen davon entstand, der fiel immerzu und ohne Unterlass vierzig Tage und vierzig Nächte lang.

Es war aber zur Zeit der Ernte, und auf den Feldern stand das Getreide in großer Fruchtbarkeit. Von den Höhen des Himmels goss es in Strömen herab, die Flüsse traten aus ihren Ufern, die Dämme brachen, und das Wasser ergoss sich überall hin, auf die Wiesen, auf die Felder und ertränkte so das Brot für die Menschen und das Futter für das Vieh. Da fiel ein großer Schrecken auf alles, was da lebte. Das Gewissen der Menschen regte sich, und sie entsetzten sich gewaltig, denn sie erkannten, dass nur ihre Sünden und Missetaten ein solches Unheil auf die Erde gebracht hatten. Gott der Herr aber schaute mit drohendem Angesicht vom Himmel herab und gab acht, ob die Gewässer auch alles weit und breit bedeckten, damit alle Fruchtbarkeit in dem überschwemmten Boden zugrunde gehe, und nicht ein Körnchen zum Säen mehr übrig bleibe. Und die Welt wäre damals wirklich ohne Rettung verloren gewesen und die Menschen dahingestorben wie die Mücken im Regen, aber vom Himmel schaute an Gottes Seite auch die heilige Jungfrau herunter, und ihr Herz wurde von Trauer erfüllt, wie sie sah, dass alles auf Erden zugrunde gehe. Sie begann darum Gott Vater zu bitten, zuerst schüchtern, dann aber immer eindringlicher, er möge der sündigen Menschheit doch die Strafe nachlassen und sich ihres Elends erbarmen.

Nachdem sie so Gott den Herrn gebeten hatte, kam sie zur Erde herab auf die überschwemmten Felder, über die schäumende Wogen dahinbrausten. Und da sah sie, wie die äußersten Spitzen der vollen Getreideähren aus dem Wasser herausschauten, nach allen Seiten schwankend, als ob sie sich mit den Wurzeln vom Erdboden losreißen wollten.

Da ergriff die Mutter Gottes eine solche Ähre, und ihre Augen zu Gott erhebend, sprach sie:

„Nur so viel lass ihnen übrig, o Herr!“

Und Gott, der der Mutter seines Sohnes nichts abschlagen konnte, erhob segnend die Hand, und sogleich schlossen sich die Wolken am Himmel, der Regen hörte auf, der Himmel wurde heiter, und die Wasser begannen zu verlaufen. Und aus dem Wasser hoben sich die zerzausten und gebrochenen Halme des Getreides wieder der Sonne entgegen, aber anstatt der vollen Ähren, die den Halm früher vom Erdboden an umgaben, blieb jetzt nur eine ganz kleine Ähre an der Spitze stehen. Und mit diesem wenigen, was ihm auf Fürsprache der Mutter Gottes übrig geblieben, muss sich der Mensch jetzt ernähren für ewige Zeiten; es muss ihm reichen für sein Brot und seine Saat. Aber zum Andenken, dass er sein Leben und sein Brot Maria zu verdanken habe, sieht man noch in jedem Weizenkorn ein ganz winziges Bild der Jungfrau; es ist gleichsam das Siegel der Gottesmutter.