IV. Wie die Mutter Gottes bei einem Bauern einkehrte, und wie der Heiland in einem Stall geboren wurde, und welches Wunder sich bei der Krippe zutrug.

 

Die heilige Jungfrau ging einst über Land. Da kam sie auch an die Hütte eines armen Bauern und bat ihn um ein Obdach, denn sie wusste nicht, wo sie die Nacht bleiben solle.

Die wilden Hunde des Dorfes taten ihr nichts zuleide, als sie vorüberging, sondern wedelten vor Freude mit ihren Schweifen. Die unvernünftige Kreatur erkannte sie also wohl, aber der Bauer ahnte nicht, was für ein Gast an seiner Schwelle stand. Er begann sich mit vielen Worten zu entschuldigen, dass er ihr kein Nachtlager geben könne, denn seine Hütte sei eng, und er habe viele Kinder, und Raum sei für niemand mehr da.

„Schöne Frau“, sprach er zuletzt, „geht schließlich in meinen Stall, dort könnt ihr getrost übernachten; in der Hütte kann ich euch beim besten Willen kein Obdach geben.“

In der zweiten Stunde nach Mitternacht weckte den Bauern plötzlich eine große Helligkeit. Er schaute durch das Fenster auf seinen Hof und sah mit Verwunderung einen überaus leuchtenden Stern über seinem Stall stehen, und zahllose Engel mit goldenen Flügeln auf das Strohdach desselben niederschweben. Wie eine Schar Tauben umkreisten die Engel den Stall und sangen dabei gar freudig, dass die Jungfrau Gottes Sohn geboren habe. Und er verstand deutlich die Worte des Lobgesanges: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“

Da wurde der arme Bauer arg erschrocken und fing an zu klagen:

„Lieber wollte ich mit meinen Kindern auf der Schwelle liegen und dir, o Jungfrau, die ganze Hütte überlassen, hätte ich nur gewusst, wer du bist. Ach, hätte ich es vorher gewusst!“

Im Stall aber zitterte das Neugeborene vor Kälte, und die Mutter nahm ihr Schleiertuch vom Kopf und machte daraus eine Windel für ihr Kind. Sie bedeckte es mit Stroh, damit es nicht friere, und wiegte es in den Schlaf, indem sie sang:

„Schlafe, mein Jesulein, schlaf!“ Sie wies die Hilfeleistungen der Engel zurück und besorgte ihr süßes Kind ganz allein, weil ja nicht einmal ein Engel die Mutter ersetzen kann.

Die Kunde von der Geburt des Herrn verbreitete sich gar schnell; zuerst kam sie zu den Armen und Einfältigen, zu den Hirten auf dem Feld. Sie wurden aus dem Schlaf geweckt, und es ward ihnen geheißen, hinzueilen und den Herrn der Welt zu begrüßen. Er liege auf dem Heu in einer Krippe in großer Armut und bescheiden wie eine Blume des Feldes, obgleich die ganze Welt ihm untertan ist.

Mit dem Gesang der Engel und dem Schlummerlied der Mutter vermischten sich jetzt die Stimmen der Hirten. Sie spielten dem kleinen Kind auf der Sackpfeife ihre schönsten Weisen vor und trieben auch sonst allerlei Kurzweil, damit das göttliche Kind seine Freude daran habe. Einfältigen Herzens brachten sie ihm ihre bescheidenen Gaben dar und baten, sie nicht zu verschmähen. Das Jesuskind in der Krippe sah das alles und lächelte gar dankbar und streckte ihnen seine Händchen entgegen, als ob es sie segnen wolle.

Die heilige Mutter machte sich unterdessen eifrig im Stall zu schaffen, der ganz von himmlischem Glanz und irdischem Lärm erfüllt war. Gütig und freundlich munterte sie die Hirten zur Fröhlichkeit auf. Und es war in der Tat ein so lustiges Gewimmel und eine solche Fröhlichkeit an der Krippe des Jesuskindes, als ob die ewige Glückseligkeit des Himmels schon jetzt auf die Erde herabgekommen sei.

Der Bauer aber, der dem Heiland in seinem Stall Obdach gewährt hatte – er war der Schmied des Dorfes – wurde für das Nachtquartier, das er Maria gewährt hatte, mit einem großen Wunder belohnt. Er hatte nämlich eine Tochter, ein gar liebes Kind, das aber ein Krüppel war, denn es war ohne Hände geboren worden. Das arme Kind schlich sich nun an die Krippe unter die Engel und Hirten und schaute mit seinen großen blauen Augen auf das Kind. Es stand ganz demütig und bescheiden da und war sehr verwundert über das, was es hier erblickte. Als Maria das krüppelige Töchterchen des Schmiedes bemerkte, sprach sie voller Mitleid zu ihm:

„Reich mir doch mein Kind aus der Krippe!“

Da traten dem Mädchen die Tränen in die Augen, es trat näher, und schluchzend sprach es:

„Wie soll ich Ärmste euch das Kind reichen, da ich doch ohne Hände bin?“

„Tu es nur“, entgegnete gütig die heilige Jungfrau. Und das Kind versuchte es, und, o Wunder, mit einem Mal hatte es Hände und konnte Maria das Jesuskind reichen. Voller Glück streckte es nun seine Ärmchen in die Höhe und bewegte sie freudig, wie ein Birkenbäumchen im Frühling seine Zweige bewegt. Es lachte und weinte vor lauter Seligkeit und sprach: „Nun habe ich Hände, nun kann ich auch mit ihnen beten und arbeiten.“