I. Von der Erschaffung der Welt und der ersten Frau. Von der Jungfrau, die Gott aus den Blumen des Paradieses schuf.

 

Es war am Anfang der Schöpfung. Außer Himmel und Wasser war noch nichts erschaffen, und der Geist Gottes schwebte allein im leeren und dunklen Raum über den Gewässern.

Die Erde war noch nicht da, es gab noch keine Sterne und keine lebenden Wesen.

Da erscholl inmitten der grenzenlosen finstern Einsamkeit die gewaltige Stimme des Herrn:

"Satan, tauche hinab in die Tiefen des Meeres und hole mir eine Handvoll Sand!" Da fragte der böse Geist voll Neugier:

"Warum soll ich es tun?"

"Frage nicht", erscholl von neuem die Stimme des Schöpfers, "sondern tu, wie ich dir befohlen".

Da schäumten und zischten die Wasser, wie wenn man eine brennende Fackel hineingeworfen hätte, als Satan, zornig, weil er Gottes Geheimnis nicht durchschauen konnte, sich in die Fluten hinabstürzte.

Aber Gott zum Trotz stieg er noch einmal herauf und fragte von neuem:

"Wozu willst du den Sand?"

"Tu, wie ich dir befohlen!" erwiderte der Herr, strenger als das erste Mal.

Da stürzte sich der böse Geist von neuem einer Lawine gleich in das Meer, aber noch immer führte er Gottes Gebot nicht aus, sondern stieg, von brennender Neugier geplagt, noch einmal an die Oberfläche der Flut herauf und wiederholte die Frage.

Da fühlte Gott in seiner Güte etwas wie Mitleid mit dem Teufel und sprach:

"Siehe, aus dem Sand will ich die Erde machen, dann werde ich den Menschen erschaffen und ihm die Erde zur Wohnung geben. Nun weißt du, wozu ich den Sand gebrauche. Eile dich und hole ihn aus der Tiefe heraus!"

Satans Augen funkelten voll Hinterlist, als er wieder hinabtauchte und während er immer tiefer in die ewige Finsternis hinabsank, kam ihm folgender Gedanke:

"Ich werde dich betrügen, Herr; denn ich will mir auch eine Erde machen. Etwas von dem Sand werde ich hinter meinen Zähnen und in meiner Klaue verbergen. Eine Handvoll werde ich dir geben, das übrige aber für mich behalten."

Und also tat er.

Und als er wieder an der Oberfläche des Meeres emportauchte, da hielt er sein Maul fest geschlossen, denn er fürchtete, der Sand könne ihm herausfallen und seine Absicht verraten. Er war erfüllt von boshafter Freude, weil er glaubte, er habe Gott hintergangen und werde nun seine eigene Welt, seine eigene Erde, seine eignen Menschen haben.

Gott der Herr aber nahm den Sand in seine heiligen Hände, segnete ihn und streute ihn auf die Oberfläche des Wassers aus. Da fingen die Körner und die Schollen des Landes an, sich mit Macht auszudehnen, sich miteinander zu verbinden, und bald entstand im Meer festes Land.

Aber auch im Maul Satans begann der Sand sich zu dehnen und zu wachsen, so dass er ihn beinahe erstickte. Darum musste er, hustend und sich räuspernd, ihn mit aller Gewalt wieder von sich geben. Und wo er auf das Meer und die See hingespien hatte, da entstanden einsame wüste Inseln, auf denen der Böse bis auf den heutigen Tag am liebsten wohnt.

Als so der Himmel und auch die Erde entstanden waren, da erschuf Gott die Engel. Aber diese erhoben sich in ihrem Übermut und dünkten sich Göttern gleich. Zur Strafe stürzte sie der Herr in die Tiefe der Hölle, in die sie unter schrecklichem Zorn- und Wehgeschrei vierzig Tage und vierzig Nächte ununterbrochen hinabfielen.

Erst nach dem Fall der Engel schuf Gott den ersten Menschen im Paradies, Adam. Der war ein gar gewaltiger Riese, von so großer Stärke, dass es ihm ein Geringes war, die höchsten Bäume mit den Wurzeln auszureißen gleich armseligen Grashalmen.

Die größten und wildesten Tiere gingen ihm voll Furcht aus dem Weg; sie wagten nicht, ihm etwas anzutun, denn er war stärker als sie, und seine Haut war unverwundbar.

Aber dem Menschen war nicht wohl, er fühlte sich einsam, selbst im Paradies.

Da beschloss der Herr, ihm eine Gefährtin zu geben. Und er hauchte auf die Blumen des Paradieses, und gleich einer weißen Lilie, gleich dem süßen Duft des Frühlings, herrlich von Ansehen, stand vor ihm die Gestalt der ersten Frau. Sie war erschaffen aus dem, was im Paradies am lieblichsten, reinsten und schönsten zu finden war.

Diese Jungfrau führte Gott Adam zu.

Und da wurde es im Paradies noch heller als sonst, da sie vorüberging, denn die Sterne traten am hellen lichten Tag am Himmel hervor, um sie zu sehen, und es duftete noch stärker als vordem, denn vor Freude atmete die Erde lauter Wohlgerüche.

Und alles, was sich da regte und mit einer Stimme begabt war, von den summenden Mücken über den Wassern bis zu den gefiederten Sängern in den Lüften, alles erhob ein Loblied zur Ehre des Schöpfers und zum Ruhm der Jungfrau.

Nur Adam blieb gleichgültig und verdrossen, denn die Jungfrau kam ihm zu schwach, zu leicht vor für seine Stärke und Größe, und er wusste nicht, was er mit einer solchen Gefährtin anfangen sollte. Er war wie aus einem Felsen gemeißelt, sie aber schien aus den Staubfäden der Blumen geboren zu sein.

Da erkannte Gott, dass für Adams grobe Natur eine solche Frau keine passende Gefährtin sei, und dass er ihrer gar nicht wert war. Daher nahm er die Jungfrau wieder zu sich, und für Adam schuf er eine andere Frau, die für ihn eine schickliche Genossin war, so wie er selbst, ihm ähnlich an Gestalt und Ansehen, Bein von seinem Bein. Aus Adams Rippe wurde Eva geschaffen.

Und da lächelte Adam, als er sie zum ersten Mal erblickte. Er freute sich des Gedankens, dass er von nun an nicht mehr allein und einsam sein werde, dass er ein ihm ähnliches Wesen zur Seite habe, mit dem er das Paradies teilen könne sein Leben lang.

Gott aber erhielt die aus den Blumen geborene Jungfrau in ihrer Schönheit und fleckenlosen Reinheit und teilte ihr später eine andere Aufgabe zu: er bestimmte sie zur Mutter seines Sohnes.

Sie, die Schöne und Reine, sollte im Paradies bleiben bis zu der Zeit, wo das Menschengeschlecht, beladen mit der Sünde Adams, verurteilt zu Mühe, Plage und Sterben, eine Erlösung braucht, und dann sollte von der Jungfrau der Sohn Gottes geboren werden und auf Erden wandeln und mit dem Holz des Kreuzes die fallende Menschheit stützen.

Durch Evas Schuld folgte die Schlange des Bösen dem Menschen aus dem Paradies in die Welt, durch Maria wurde der Schlange Haupt im Staub zertreten.

Aus Adams Rippe wurde die Mutter des Menschengeschlechts erschaffen, aus Blumen des Paradieses entstand die Mutter des Gottmenschen. Und wie ein Blütenduft ging von ihr aus der Geist der Wiedergeburt über die Welt, über die müden Seelen der dem Tod verfallenen Menschheit.