Marienblümchen

 

Als der Jesusknabe zwei oder drei Jahre alt war, wollte ihm seine Mutter Maria gerne einen Kranz zum Geburtstag bescheren, aber es war Winter, und nirgends waren Blumen aufzutreiben. Da kam sie auf den Gedanken, von den weißen Schnipseln ihrer Näharbeit und aus einem Stück des goldfarbenen Mantels ihres Ahnherrn David Blumen zu einem Kranz zu fertigen. Bei dieser Arbeit stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und die weißen Blütenblättchen wurden hie und da von dem Blut rot gefärbt, das aus Mariens Finger rann. Der Jesusknabe gewann diese Blümlein um der Blutströpflein willen über die Maßen lieb, und als der Frühling kam, pflanzte er sie in seinem kindlichen Sinn auf den Anger vor seines Vaters Haus und begoss sie täglich mit dem goldenen Becher, den ihm die Könige aus dem Morgenland geschenkt hatten. Die Blümlein wuchsen und verbreiteten sich über die ganze Erde. Sie blühen von einem Schnee bis zum andern und heißen Marienblümchen oder Marienkrönchen. Weil sie auf dem Anger blühen, wo die Gänse weiden, nennt man sie aber auch Gänseblümchen.