Immergrün

 

Als Maria zur Jungfrau erblüht war, da war sie schöner als alle Jungfrauen, und die Sonne wollte nicht untergehen, sooft sie der Maid ins Antlitz schien. Da stellten sich auch Freier ein, die sie zur Frau begehrten. Maria aber wollte ihre Liebe nur dem Frömmsten schenken, gleichviel, ob er aus hohem oder niederem Stande wäre. Inständig bat sie Gott, er möchte ihr durch ein Zeichen kundtun, wer ihr Gemahl werden sollte, und ihr Gebet ward erhört.

Eines Abends saß Maria mit ihren Eltern auf der Bank vor dem Hause und freute sich des schönen Feierabends. Da kam der arme Zimmermann Joseph des Wegs daher und bot einen guten Abend, blieb stehen und plauderte ein wenig mit ihnen über den Zaun hin. Er stützte sich auf seinen Wanderstab, der sich ein wenig in die Erde eingrub; und alsbald wuchs ein üppiges Geranke an dem Stecken hervor und klomm in die Höhe. Da erkannte Maria Gottes Zeichen, und es ging nicht lange hin, da ward sie Joseph verlobt. Der Wanderstab aber wuchs weiter, jahraus, jahrein, und seine Blätter welkten nicht, auch als die Bäume ihr Laub zur Erde schüttelten. Darum ward die Pflanze Singrün oder Immergrün geheißen.

Immergrün ist eine Kranzblume und gehört den Jungfrauen zu. Die himmelblaue Blüte heißt auch Jungfrauenkrone und ist ein Sinnbild der Reinheit. Immergrün ist auch ein Zeichen ewigen Lebens. Darum haben die Väter die Toten mit Immergrün geschmückt.