Farn und Liebfrauenstroh

 

Es war in der heiligen Nacht. Maria und Joseph hatten im Stall zu Bethlehem notvolle Herberge gefunden. Ermattet sank Maria auf die Streu aus Farn und Labkraut, indes Joseph ab und zu ging, sie mit Milch und Brot, das mitleidvolle Herzen ihm geschenkt hatten, zu laben. Mitternacht war nicht mehr fern. Die Sterne am Himmel standen still, und alle Welt hielt den Atem an, weil die Weltenstunde gekommen war, darin Gott Mensch werden sollte auf Erden.

Als nun das göttliche Kind zur Welt geboren war und seine helle Stimme die Stille durchbrach, als die himmlischen Heerscharen ihr Gloria sangen und die Hirten herbeikamen, das Kind in der Krippe zu loben, da wollte auch das Labkraut dem Herrn der Welt Ehre erweisen und trieb mitten im Winter und mitten in der Nacht Blüten. Der Farn aber zeigte keine Verehrung für das göttliche Kind; das sollte ihn gar bald gereuen. Dem Labkraut ward zur Stunde verliehen, dass es goldgelbe Blüten tragen darf, die wonnesam duften und jedermann erfreuen. Auch ward es auserkoren, der Mutter des Herrn zur Lagerstatt zu dienen. Darum heißt das Labkraut noch heute Marienbettstroh, „Unsrer lieben Frauen Bettstroh“ oder wie im Kärntnerland „Liebfrauenstroh“. Der Farn aber darf zur Strafe nicht mehr blühen und ist ein stiller Mahner für allen Hochmut, der den Heiland der Welt nicht ehren will.