Die Muttergotteskirsche

 

Es war noch zu der Zeit da die Mutter Gottes auf Erden wandelte. Da wohnte hoch oben im Gebirge im Land Tirol ein alter Klausner; den jammerte die bittere Armut der Leute, und als einmal die Mutter Gottes durch das Land kam, bat er sie um eine Gnade und sprach: „Erbarme dich der Armut meiner Brüder und beschere ihnen einen Obstsegen, dass sie Nahrung finden auf den Bergen.“ Doch am Fuß der Schneeberge reifen keine Kirschen; was konnte da für die armen Leute geschehen? Unsere liebe Frau wusste Rat. Sie nahm ihren Kranz vom Haupt, zerpflückte ihn und streute die Blättlein in den Wind, dass er sie weit hin über Berge und Hänge wehte. Aus diesen Blättlein ist die Preiselbeere erwachsen, die nun auf den Bergen gedeiht und in jedem Sommer, den Gott werden lässt, gute Ernte bringt. Die Preiselbeere aber heißt in Tirol noch heute Muttergotteskirsche, und den kleinen Strauch nennen sie dortzulande Marienpalm und Liebfrauenstrauch.